Rätsel um die Masse gelöst? 08.04.2026, 16:00 Uhr

20 Jahre gesucht: Jetzt taucht ein „unmöglicher“ Atomkernzustand auf

Physiker entdecken nach 20 Jahren erstmals Hinweise auf einen „unmöglichen“ Atomkernzustand – gebunden allein durch die starke Wechselwirkung.

Eine deutsch-japanisches Forschungsteam hat in einem Experiment am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt Hinweise auf die Existenz eines exotischen Atomkernzustands gefunden. Das Bild zeigt den Versuchsaufbau in geöffnetem Zustand

Eine deutsch-japanisches Forschungsteam hat in einem Experiment am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt Hinweise auf die Existenz eines exotischen Atomkernzustands gefunden. Das Bild zeigt den Versuchsaufbau in geöffnetem Zustand.

Foto: J. Hosan, GSI/FAIR

In der Welt der kleinsten Teilchen gelten klare Regeln. In Atomen sorgt die elektromagnetische Kraft für Bindung, im Kern übernimmt das die starke Wechselwirkung. Doch in Darmstadt haben Physikerinnen und Physiker nun ein System untersucht, das lange nur theoretisch beschrieben war: ein gebundener Zustand, der ausschließlich durch die starke Wechselwirkung zusammengehalten wird. Solche Konstellationen galten bislang als experimentell kaum zugänglich. Die neuen Daten liefern nun erstmals konkrete Hinweise darauf, dass sie tatsächlich existieren.

Ein Teilchen ohne elektrische Ladung

Atome halten zusammen, weil sich positive Kerne und negative Elektronen anziehen. Diese elektromagnetische Kraft prägt die Materie im Alltag. Genau hier setzt die Besonderheit des Experiments an. Das Forschungsteam kombinierte einen Kohlenstoffkern (¹¹C) mit einem η′-Meson.

Dieses Teilchen ist elektrisch neutral. Es kann sich also nicht über elektromagnetische Kräfte an den Kern binden. Wenn überhaupt, funktioniert das nur über die starke Wechselwirkung – also genau die Kraft, die Protonen und Neutronen im Kern zusammenhält. Ein solcher Zustand wurde bereits 2005 von japanischen Forschenden vorhergesagt. In der Praxis blieb er jedoch zwei Jahrzehnte lang unsichtbar.

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Das Experiment: Mit 96 % Lichtgeschwindigkeit zur Erkenntnis

Um diesen flüchtigen Zustand zu erzeugen, nutzten die Beteiligten der Justus-Liebig-Universität Gießen und internationaler Kollaborationen den Fragmentseparator am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung.

Der Ablauf ist technisch anspruchsvoll, aber im Kern klar:

  • Ein Protonenstrahl trifft mit rund 96 % der Lichtgeschwindigkeit auf einen Kohlenstoffkern (¹²C).
  • Dabei wird ein Neutron herausgeschlagen.
  • Der verbleibende Kern gerät in einen stark angeregten Zustand.
  • Aus dieser Energie kann ein η′-Meson entstehen.

In seltenen Fällen bleibt dieses Meson am Kern gebunden. Es entsteht ein extrem kurzlebiger Quantenzustand. Genau diese Ereignisse herauszufiltern, ist die eigentliche Herausforderung. Deshalb erfassten Detektoren die Reaktionszone nahezu vollständig. So konnten die Forschenden sowohl das entstehende Deuteron als auch die Zerfallsprodukte messen. Aus dieser Kombination ergibt sich das Signal, das nun als Hinweis auf den gesuchten Zustand gewertet wird.

Woher kommt eigentlich unser Gewicht?

Der Befund ist nicht nur für die Kernphysik interessant. Denn am Ende geht es um eine grundlegende Frage: Woher kommt Masse eigentlich?

Beim η′-Meson stammt nur etwa 1 % der Masse direkt aus den Quarks. Der Rest entsteht durch die Energie der starken Wechselwirkung. Genau hier greift Einsteins Beziehung: m = E / c².

Die Messungen zeigen nun, dass sich diese Eigenschaften im Inneren eines Atomkerns verändern. Das η′-Meson wird dort effektiv leichter. Die starke Wechselwirkung verhält sich also anders als im freien Raum.

Das ist kein exotisches Detail. Auch Protonen und Neutronen beziehen den Großteil ihrer Masse aus genau diesem Mechanismus. Wer sein Körpergewicht misst, erfasst damit indirekt auch die Energie dieser Wechselwirkung.

Ein Blick auf die nächsten Schritte

Noch ist das kein letzter Beleg. Aber das Signal ist deutlich genug, um die Suche gezielter fortzusetzen. Die Forschenden wollen nun genauer hinschauen.

Im Fokus stehen:

  • Bindungsenergie
  • Energieniveaus
  • Zerfallsbreite

Dafür braucht es vor allem mehr Daten. Genau hier kommt FAIR ins Spiel. Die Anlage soll deutlich höhere Strahlintensitäten liefern und damit präzisere Messungen ermöglichen.

Prof. Dr. Volker Metag von der JLU Gießen sagt: „Deshalb ist ein Verständnis der Massenentstehung stark wechselwirkender Teilchen grundlegend, und die Messung ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.“

Der aktuelle Befund beantwortet die offenen Fragen noch nicht. Aber er verschiebt die Ausgangslage. Nach 20 Jahren Suche gibt es erstmals ein klares experimentelles Signal – und damit eine belastbare Grundlage für die nächsten Schritte.

Hier geht es zur Originalpublikation

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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