Luft- und Raumfahrtindustrie 20.04.2012, 11:58 Uhr

Militärische Luftfahrt ist das Sorgenkind

Die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie hat ein erfolgreiches Jahr 2011 hinter sich. Sorgenkind allerdings sind die Unternehmen der militärischen Luft- und Raumfahrt, die die Folgen der Bundeswehrreform unmittelbar zu spüren bekommen. Aber auch auf die zivile Luft- und Raumfahrt kommen neue Herausforderungen zu.

Schrumpfende Wehretats, verspätete Projekte wie der militärische Airbus A400M und reduzierte Bestellungen seitens des Verteidigungsministeriums führen bei vielen Unternehmen der militärischen Luft- und Raumfahrtbranche in Deutschland zu Umsatzrückgang und Personalabbau.

„Die ersten Auswirkungen der Bundeswehrreform“, so heißt es beim Bundesverband der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), „trafen die wehrtechnische Luftfahrtindustrie 2011 unmittelbar.“ Erstmals seit Jahren verzeichnete die militärische Luft- und Raumfahrtbranche 2011 so auch einen Umsatzrückgang von insgesamt 1,1 % auf 6,4 Mrd. €. Die Zahl der Beschäftigten fiel um 1 % auf 22 400. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) hatten dabei unter zweistelligen Umsatzeinbußen zu leiden.

Einige Unternehmen ziehen sich aus der militärischen Luftfahrt zurück

Einige Unternehmen, so Arndt Schoenemann, Geschäftsführer von Liebherr-Aerospace Lindenberg GmbH und Vize-Präsident des BDLI, diese Woche in Berlin, werden sich deshalb in den kommenden Jahren wohl ganz aus dem militärischen Geschäft zurückziehen: „Die Bundeswehrreform lässt bereits heute vor allem kleine und mittelständische Unternehmen ganz vorn in der Lieferkette um ihre Existenz bangen.“

Von den knapp 200 Mitgliedsunternehmen des BDLI sind an die 90 sowohl im militärischen wie auch im zivilen Luft- und Raumfahrtgeschäft engagiert, um die 10  % davon könnten sich in nächster Zeit aus dem militärischen Geschäft zurückziehen.

Damit droht, so heißt es beim BDLI, ein dramatischer Verlust an Technologiekompetenz. Letztlich stehe deshalb die „Zukunft der militärischen Luftfahrtindustrie auf dem Spiel“.

„Zukunft der militärischen Luftfahrt-Industrie steht auf dem Spiel“

Welche Folgen das für die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr habe, wollte Schoenemann noch nicht bewerten, befürchtete aber – sollte sich diese „prekäre Lage“ der militärischen Luftfahrtbranche nicht bessern –, dass „letztlich die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr“ gefährdet sei.

Angesichts dieser Situation forderte der Präsident des BDLI und zukünftige Chef der EADS, Thomas Enders, dass die Bundesregierung es ausländischen Unternehmen ermöglichen solle, mehr als 25 % an deutschen wehrtechnischen Betrieben zu erwerben. Das könne deutschen Unternehmen helfen, neue Absatzmärkte zu erschließen.

Zugleich fordert die Branche von der Bundesregierung die Formulierung einer langfristigen nationalen militärischen Luftfahrtstrategie und damit eine gewisse Planungssicherheit.

Für die zivile Raumfahrt liegt eine solche detaillierte Strategie der Bundesregierung bereits seit Herbst 2010 vor. Nicht zuletzt deshalb geht es der zivilen Raumfahrt in Deutschland überdurchschnittlich gut: Sie legte bei den Beschäftigten um 12,2 % gegenüber dem Jahr 2010 zu, 2011 waren damit 7500 Menschen in diesem Branchensegment beschäftigt. Der Umsatz stieg um 3,7 % auf 2,2 Mrd. €.

Ob das in Zukunft allerdings so bleibt, ist zumindest ungewiss. Im kommenden Herbst werden die Mitgliedsländer der Europäischen Weltraumorganisation ESA über die Weiterentwicklung der Trägerrakete Ariane 5 zur Ariane 5 ME (Midlife Evolution) beschließen, die dann anstatt 9,5 t bis zu 12 t ins All transportieren soll. Während die Deutschen vorwiegend diesen Ausbau der aktuellen Ariane 5 unterstützen, favorisiert Frankreich die Entwicklung einer komplett neuen Rakete, derzeit unter den Stichwort Ariane 6 gehandelt. Die soll dann in einer modularen Auslegung 3 t bis 8 t Nutzlast in einen geostationären Orbit schießen können.

Weitgehend ungeklärt ist zum gegenwärtigen Zeitraum auch die Finanzierung des Satellitenprojekts GMES (Global Monitoring für Environment and Security), weil die EU-Kommission sich weigert, das Projekt in ihr neues, 80 Mrd. € schweres Forschungsprogramm Horizon aufzunehmen. Beide Projekte – die Ariane 5 ME wie GMES – sind für die Zukunft der deutschen Raumfahrtindustrie von großer Bedeutung.

Zuwächse für die zivile Luftfahrt, düstere Perspektiven für die militärische Luftfahrt 

Signifikante Zuwächse konnte 2011 auch die zivile Luftfahrt verbuchen. Hier stiegen die Umsätze gegenüber 2010 um 6,2 % auf 17,2 Mrd. €, die Zahl der Mitarbeiter um 8,6 % auf 67 500.

Dieses Wachstum, so erwarten Branchenvertreter, wird auch in den nächsten Jahren anhalten. Um 5 % soll der Markt für zivile Passagierflugzeuge mit mehr als 100 Sitzen jährlich wachsen – und das, so keine Krise dazwischenkommt, in den nächsten 20 Jahren.

Ohne Probleme ist das jedoch nicht: Bei einzelnen Programmen, wie dem Verkaufsschlager Airbus A320, aber auch neuen Produkten wie der A350, sind Produktionshochläufe von teilweise bis zu 40 % vorgesehen. Das kann einzelne Zulieferer überfordern. Zentrales Thema, so Schoenemann, werde deshalb „die Sicherstellung der Lieferketten“ sein.

Zudem müsse sich die vorwiegend mittelständische Zulieferindustrie strategisch im internationalen Wettbewerb aufstellen und teilweise neu positionieren. Das könne auch zu weiteren Konsolidierungen in der Branche führen. Explizit verweist Schoenemann auf die Übernahme von Mühlenberg und Dasell durch den Kabinenausstatter Diehl. 

Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Mock

    Redakteur und Reporter VDI nachrichten. Fachthemen: Wissenschafts- und Technologiepolitik, Raumfahrt, Reportagen.

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