Höhepunkte der Raumfahrt 08.06.2024, 22:00 Uhr

„Earthrise“: Ein Foto verändert den Blick auf die Erde

Während der Apollo 8 Mission im Jahr 1968 schoss NASA-Astronaut William Anders eines der berühmtesten Fotos in der Geschichte der Raumfahrt. Der „Erdaufgang“, vom Mond aus gesehen, hat die Sicht der Menschheit auf den blauen Planeten verändert. Am 7. Juni 2024 starb Anders bei einem Flugzeugabsturz. Er wurde 90 Jahre alt und bleibt mit „Earthrise“ in ewiger Erinnerung.   

Earthrise NASA

Blick über die Mondoberfläche auf die Erde, aufgenommen im Dezember 1968 von der Apollo 8-Besatzung aus etwa 780 Kilometer Höhe. Eher zufällig gelang William Anders am Heiligabend 1968 ein Foto, das die Sicht der Menschheit auf unseren Planeten für immer verändern sollte: "Earthrise", die kleine aufgehende Erde über dem Mondhorizont.

Foto: NASA

Den Mond hat Astronaut William Anders zwar nie betreten. Dennoch bleibt die Apollo Mission, mit der Anders und seine Kollegen Frank Borman und Jim Lovell im Dezember 1968 auf die Reise geschickt wurden, denkwürdig. Im Rückblick, so erzählte Anders rund zehn Jahre vor seinem Tod der Seattle Times, würde er es „ironisch“ nennen. „Wir flogen hin, um den Mond zu entdecken. Aber was wir wirklich entdeckt haben, ist die Erde.“ Das Foto, das Anders von unserem Planeten schoss, hat nicht nur seine Sicht auf die Erde verändert.

Wettlauf zum Mond hatte Auswirkungen auf die Apollo 8 Mission

Es war die Zeit, in der Russen und Amerikaner den Mond als Prestigeobjekt sahen. Mit Sputnik I, den die Russen 1957 ins All geschossen hatten, war der Wettlauf eingeläutet worden. „In den Apollo-Missionen ging es einzig darum die Russen zu schlagen“, sagte Anders im Jahr 2013. „Es ging nicht um das Sammeln von Steinen, sondern darum, wer als erstes die Flagge in den Mond steckt.“ Das hatte auch Auswirkungen auf die Apollo 8 Mission von Anders. Ursprünglich war sie als Testmission für das amerikanische Mondlandevehikel vorgesehen, als Vorbereitung für die Landung von Apollo 11.

Etwa sechs Monate vor dem geplanten Flug hatten amerikanische Agenten jedoch Hinweise darauf erhalten, dass die Russen ebenfalls einen bemannten Flug zum Mondorbit planten. Überstürzt wurde die Apollo 8 Mission vorgezogen. In weniger als drei Monaten machten amerikanische Ingenieure die Saturn V-Rakete startklar, die Anders, Borman und Lovell zum Mond befördern sollte.

Der Start sei unerwartet gewaltsam gewesen, erinnerte sich Anders. „Wir wurden herumgewirbelt und konnten nicht funktionieren.“ Nach 40 Minuten wurde die Fahrt ruhiger und für die kommenden drei Tage ließen die Astronauten die Erde hinter sich. Das Ziel von Apollo 8 war die Rückseite des Mondes, die bis dahin noch niemand zu Gesicht bekommen hatte. Anders,der die Aufgabe hatte, die Oberfläche des Mondes zu fotografieren, erinnert sich an eine kalte, zerklüftete und abschreckende Umgebung.

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„Hier geht die Erde auf. Mann, ist das schön!“

Als das Raumschiff zum dritten (von zehn) Mal den Mond umrundete, änderte Kommandant Frank Borman ein klein wenig dessen Ausrichtung und plötzlich erhielten die Astronauten durch das Fenster eine spektakuläre Sicht auf die Erde: ein kleiner blauer Ball, der über der unwirtlichen Mondoberfläche aufging. „Oh Gott! Seht euch dieses Bild da an“, rief der Kommandant seinen Kollegen zu. „Hier geht die Erde auf. Mann, ist das schön!“ Anders griff nach seiner Hasselblad, schraubte das längste Objektiv drauf, was er finden konnte, legte einen Farbfilm ein und knipste los. „Ich habe einfach klick-klick-klick-klick-klick gemacht“, erinnerte sich der damals 35-Jährige. Aus zehn Bildern wählten die NASA-Techniker später das Beste aus. „Earthrise“, aufgenommen am Heiligabend 1968, wurde zu einem der bekanntesten Fotos der Welt.

Die Apollo 8-Besatzung 1968 vor einem Flugsimulator im Kennedy Space Center: James A. Lovell Jr., William A. Anders und Frank Borman (v.l.n.r.)

Die Apollo 8-Besatzung 1968 vor einem Flugsimulator im Kennedy Space Center: James A. Lovell Jr., William A. Anders und Frank Borman (v.l.n.r.)

Quelle: NASA

Das Foto sei eigentlich schlecht, denn es sei ein wenig unscharf, fand Anders im Jahr 2013, der damals auf den San Juan Inseln vor dem nordwestlichen US-Bundesstaat Washington lebte. Aber die Macht des Bildes bleibt dennoch überragend. Aus der Ferne zeigt das Foto, wie schön, zerbrechlich und völlig unbedeutend die Erde und ihre Bewohner sind. „Hier sind wir, auf einem unbedeutenden Planeten, der um einen nicht besonders bedeutenden Stern herumfliegt, in einer Galaxie von Milliarden Sternen, die nicht bedeutend ist, wo es doch Milliarden und Abermilliarden von Galaxien gibt im Universum – sind wir also wirklich so bedeutend? Ich glaube kaum“, sagte Anders.

Nach den sechs Tagen im All war für ihn nichts mehr so wie vorher. Am Heiligabend, an dem das Foto entstand, hatten er und seine Kollegen für eine Fernsehübertragung noch aus der Bibel die ersten zehn Verse der Genesis vorgelesen. Er sei christlich erzogen worden und habe immer daran geglaubt, dass Gott die Erde erschaffen habe, sagt Anders. „Aber als ich damals zurückblickte und die winzige Erde sah, hat sich meine Weltsicht komplett verändert.“

 

Ein Beitrag von:

  • Gudrun von Schoenebeck

    Gudrun von Schoenebeck

    Gudrun von Schoenebeck ist seit 2001 journalistisch unterwegs in Print- und Online-Medien. Neben Architektur, Kunst und Design hat sie sich vor allem das spannende Gebiet der Raumfahrt erschlossen.

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