Raumfahrt 20.05.2011, 19:53 Uhr

Das Shuttle hat keine Zukunft mehr

Mit dem Start des US-Shuttles Endeavor diese Woche nähert sich das Aus der Shuttleflüge. Bei diesem Start ist zum letzten Mal ein europäischer Astronaut an Bord. Im Juli, so die derzeitigen Pläne, fliegt dann endgültig das letzte Shuttle. Damit endet eine Technologie, auf der einst große Hoffnungen ruhten, von denen viele aber in Enttäuschung endeten.

Es muss eine gute Zeit gewesen sein, damals in den 70er-Jahren bei der Nasa. Die Wissenschaftler und Ingenieure der US-Raumfahrtbehörde fragten sich, was wohl werden würde nach dem Ende des Apollo-Programms und ließen ihrer Fantasie freien Lauf. Die Nasa, so beschreibt es der Columbia Accident Investigation Board (CAIB), konzentrierte ihre Gedankenspiele auf zunehmend größere Raumstationen: 1975 gab es Pläne für eine Station, auf der bis zu zwölf Astronauten leben konnten, wenig später flogen in den Köpfen der Nasa-Manager schon Stationen für 50 Astronauten, wenig später sogar für 100.

Dazu kamen Stationen im Mondorbit und auf dem Mond selbst.

Wie aber all diese Stationen versorgen? Um die Kosten dafür gering zu halten, entwickelte die Nasa die ersten Ideen für ein Space-Shuttle – das sollte komplett wiederverwendbar sein, um so die Betriebskosten zu senken.

Doch all das passte nicht mehr in die politische Landschaft. Die USA waren mit dem Vietnamkrieg beschäftigt, das Interesse an der Raumfahrt ließ nach, die großen Visionen von Raumstationen im All verdampften.

Wer aber brauchte dann das Shuttle noch? Die Nasa-Manager argumentierten nun mit dem ökonomischen Nutzen: Wenn alle militärischen und zivilen Satelliten und sonstige Nutzlasten mit dem Shuttle ins All transportiert würden, wäre dafür ungefähr ein Shuttle-Start pro Woche notwendig. Eine derartig hohe Frequenz und ein komplett wiederverwendbares Shuttle würden den Bau des Raumgleiters auch wirtschaftlich attraktiv machen.

Andererseits war das Shuttle ein enormer technologischer Sprung: das erste wiederverwendbare Weltraumflugzeug, mit wiederverwendbarem Thermalschutz, das erste Raumfahrzeug mit Flügeln.

Der Jungfernflug des Shuttle fand, drei Jahre verspätet, schließlich 1981 statt, beim vierten Start 1982 sprach US-Präsident Ronald Reagan davon, die USA verfüge nun über einen wirtschaftlichen und routinemäßigen Zugang (economical and routine access) zum Weltraum.

Doch die technischen Probleme und die knappen Kassen hatten inzwischen auch die Nasa eingeholt: Die Entwicklungskosten wurden auf 5,7 Mrd. Dollar gedeckelt, das Konzept der kompletten Wiederverwendbarkeit musste, weil zu teuer, aufgegeben werden. Und mehr als neun Shuttlestarts pro Jahr hat es nie gegeben – nur ein Bruchteil der ursprünglich geplanten 50 Starts.

Endgültig zerbrach diese „Illusion“ – so der CAIB – eines routinemäßigen und kostengünstigen Zugangs zum Weltraum mit dem Challenger-Unglück 1986. Präsident Ronald Reagan verbot den Mitflug kommerzieller Nutzlasten auf dem Shuttle, die Startkosten stiegen immer weiter: Ursprünglich sollte ein Flug 7,7 Mio. Dollar kosten, heute dürften es über 500 Mio. Dollar sein.

„In den letzten 20 Jahren“, konstatierte der CAIB im Jahr 2003, „hat sich das Shuttle als schwierig und teuer im Betrieb erwiesen, mit stärkeren Risiken als erwartet.“

Allein das Challenger-Unglück, so eine Beratergruppe des Weißen Hauses, hat die USA gut 12 Mrd. Dollar gekostet. Das zweite Shuttle-Unglück, das Auseinanderbrechen der Columbia beim Wiedereintritt in die Atmosphäre im Februar 2003, war dann auch der Anfang vom Ende der Shuttles.

Dennoch war das Shuttle auch eine Erfolgsgeschichte: Satelliten und Weltraumsonden wurden ausgesetzt, vom Shuttle aus eingefangen und repariert. Auch der wohl ambitionierteste Schritt der Menschheit in den Weltraum, der Aufbau der Internationalen Raumstation ISS, wäre ohne Shuttle kaum möglich gewesen. 135 Flüge werden die insgesamt fünf Shuttles (Columbia, Challenger, Discovery, Atlantis und Endeavor) bis Mitte dieses Jahres geflogen sein.

Mit dem endgültigen Einmotten der US-Shuttles in diesem Jahr scheint auch die Shuttle-Technologie ihr Ende zu finden. Versuche der Europäer mit dem Raumgleiter Hermes, der Japaner mit dem Hope X und der Russen mit vergleichbaren Gleitern haben – zumindest vorerst – zu nichts geführt.

Weltweit sieht es so aus, als gehöre klassischen Trägerraketen mit einer Rückkehrkapsel für Menschen oder Material die Zukunft – auch was die Wirtschaftlichkeit der Weltraumflüge angeht. W. MOCK

  • Wolfgang Mock

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