Sicherheitstechnik 05.11.2010, 19:49 Uhr

Bomben aus dem Jemen fordern Logistiker, Behörden und Technik heraus

Luftfracht galt bislang als pünktlich, schnell und sicher. Doch wie jede globale Infrastruktur ist der Transport per Flugzeug anfällig für Anschläge, wie das letzte Wochenende zeigte. Die Pilotenvereinigung Cockpit mahnt daher Sicherheitskonzepte an.

Paketdienstleister wie UPS, DHL oder Fedex stecken in diesen Tagen in einer Zwickmühle. Sie müssen ihr weltumspannendes und lukratives Luftfrachtgeschäft wie gewohnt abwickeln. Gleichzeitig bewegen sie sich dabei auf sprichwörtlich dünnem Eis. Denn mit den jüngsten Vorfällen mit Sprengstoff in Laserdruckerpatronen wird immer deutlicher, wie wenig ihre Sicherheitssysteme gegen das Einschleusen perfider Bomben gewappnet sind.

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Darum ist es kein Wunder, wenn sich alle Anbieter unisono auf ihre Sicherheitsrichtlinien berufen und schweigen, wenn sie nach Art, Funktionsweise und Güte ihrer Sicherheitstechnik gefragt werden. Über Technik, die angreifbar ist, spricht man nicht.

Doch nicht nur die Logistiker reagieren verschlossen. Auch die Behörden mauern nach Auffassung des Weltluftfahrtverbands Iata (International Air Transport Association). „Wir müssen einen 40 Jahre alten Überwachungsprozess modernisieren“, forderte deren Präsident Giovanni Bisignani am Dienstag bei einer Sicherheitskonferenz der Branche. Entsprechende technische Verfahren könnten zügig realisiert werden, nötig sei dazu aber Druck von Regierungen und nationalen Luftfahrtbehörden.

Heikelster Punkt im Frachtverkehr: der Weg des Stückguts vom Versender zum Flughafen. Bisignani verwies auf das von seinem Verband entwickelte E-Freight-System, bei dem Frachtpapiere durch einen Chip ersetzt werden. Mit dem angestrebten papierlosen, computergestützten Luftfrachtverkehr würden Frachtfluggesellschaften, Spediteure, Bodenabfertigungsagenten, Kunden und die Zollbehörden kooperieren und das Einschleusen nicht geprüfter Frachtstücke erheblich erschweren.

Nach Auskunft von Günter Berger, Niederlassungsleiter der Münchner Multi Logistics GmbH, kann sein Unternehmen in der Regel eine lückenlose Sicherheitskette aller von ihm transportierten Sendungen nachweisen: „Soweit wir von einem Versender, der bei uns als ‚Known Shipper‘ eine Sicherheitserklärung (SE) unterzeichnet hat, bis zum Anliefern bei der Airline eine sichere Lieferkette darstellen können, können wir die Sendung als ‚Secured Cargo‘ anliefern.“

Doch auch für unbekannte Versender oder Neukunden, von denen keine SE vorliegt, gibt es Berger zufolge Verfahren, die Sicherheit gewährleisten: „Wenn wir Spediteure für die Vorholung zum Flughafen einsetzen müssen, die noch keine Transporteurserklärung gezeichnet haben, liefern wir die Fracht als ‚Unsecured Cargo‘ an.“ Diese werde in Lagern separat abgestellt und von den Airlines selbst gescannt. Alternativ werde das Röntgen auch durch einen Agenten am Flughafen München wie LUG, Cargo-Gate oder Swissport durchgeführt.

Laut Marc Onnen, IT- und Logistikexperte bei Dimension Data aus Oberursel, geht es dabei in den Frachthallen der Flughäfen generell nicht anders zu als in den Umschlagzentren der Speditionen. Alles wird bei Eingang durchleuchtet.

UPS-Sprecherin Marion Frings vom Fracht-Drehkreuz Köln/Bonn weiß: „Jedes ankommende Paket wird mit genau der gleichen Röntgentechnik gescannt, die auch im Passagierverkehr zum Einsatz kommt. Daneben sind unter den Förderbändern der Eingangs- und Verteilanlagen Spürhunde unterwegs, die schon bei kleinsten Mengen Sprengstoff gleich welcher Art anschlagen.“

So gesehen gelten Frachtsendungen also als sicher. Brisant wird die Situation dann, wenn Terroristen ihre Bomben so perfide konstruieren, dass sie wie jüngst die als Laserdruckerpatronen getarnten Sprengsätze nicht erkannt werden.

Ob Zufall, Glück oder von langer Hand vorbereitete Kleinarbeit – es haben ausschließlich geheimdienstliche Erkenntnisse dazu geführt, dass ein in Riad stationierter Verbindungsbeamter des Bundeskriminalamtes (BKA) die deutschen Behörden warnen konnte. Erst nachdem die Fracht in Köln/Bonn zwischengelagert, umgeladen und weitertransportiert wurde, konnte die Bombe bei Nottingham aus dem Verkehr gezogen werden.

Darum hat auch die Pilotenvereinigung Cockpit eine lückenlose Kontrolle der Luftfracht und ein umfassendes Sicherheitskonzept für den weltweiten Luftverkehr angemahnt. Die Politik habe bislang trotz mehrerer Vorfälle nicht ausreichend reagiert, erklärte der Verband. „So verwundert es nicht, dass nun durch die Pakete aus dem Jemen eine weitere Lücke offenbar geworden ist. Dies ist nicht die erste und auch nicht die letzte“, sagte Verbandssprecher Jörg Handwerg.

Nicht erst seit dem jüngsten Vorfall wird daran gearbeitet, Sicherheitslücken zu schließen. Ein wenig praktikabler Ansatz ist, alle Fracht aus kritischen Ursprungsländern noch einmal zu scannen. Denn Luftfracht wird in Frachtcontainern transportiert und diese müssten aus- und nach dem Check wieder eingepackt werden. Das ist bei dem heutigen Frachtaufkommen schlicht unmöglich.

Alternativ wird Onnen zufolge „fieberhaft daran gearbeitet, Sicherheitslücken durch die Integration neuer und bewährter Technologien wie von Röntgen-Scannern und RFID-Systemen zu schließen“. Derzeit werden Apparate entwickelt, die ganze Frachtcontainer mühelos durchleuchten können. Solche Großgeräte, die trotz ihrer Leistungsfähigkeit für das Bedienpersonal ungefährlich sein müssen, sind aber erst in zwei Jahren zu erwarten. K. BUCK

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