Fertigung 03.06.2011, 19:53 Uhr

„Glokalisierung“ stärkt nachhaltige Produktion

Global Player entwickeln für weltweite Märkte und produzieren gleichzeitig immer stärker in den jeweiligen Absatzländern. Das macht Sinn, denn sie nutzen regionale Vorteile etwa in Form von alternativen Energien für ökonomische und ökologische Ziele. Diese „Glokalisierung“ entwickelt sich zum Megatrend, der Wirtschaft und Gesellschaft verändert.

Die Fertigungstechnik ist ein wichtiger Bereich des neuen Megatrends: Denn in produzierenden Unternehmen gewinnt das Thema Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung, ökologische Zielkriterien wie Energie- und Materialeffizienz oder geringe CO2-Emissionen schließen zu den traditionellen ökonomischen Zielgrößen Zeit, Kosten und Qualität auf.

Glokalisierte Lösungen für nachhaltige Produktion waren im April Kongressthema der Internationalen Akademie für Produktionstechnik (CIRP) in Braunschweig. 180 Teilnehmer stellten aktuelle Forschungsergebnisse vor und diskutierten, wie sich die globale Versorgungskette hinsichtlich der Rohstoffe, Produktionsbedingungen und Dienstleistungen bis hin zum Recycling der Produkte verbessern lässt und die ökologischen, wirtschaftlichen sowie sozialen Möglichkeiten der jeweiligen Standorte optimal ausgenutzt werden können.

„Glokalisierung ist kein abgeschlossenes Konzept“, so Christoph Herrmann, Abteilungsleiter am Institut für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik (IWF) der TU Braunschweig, das die Veranstaltung organisierte. Dabei gebe es keine Standardlösungen, sondern es gehe immer um „best of local“, also um das, was lokal verfügbar sei, aber auch um lokale Einschränkungen. Herrmann: „Bei der Gestaltung der lokalen Produktion ist der Blick aufs Ganze gefordert. Es geht nicht nur um einzelne Maschinen, sondern es zählt die gesamte Prozesskette inklusive technischer Gebäudeausstattung bis hin zur Gebäudehülle.“

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Eine Grundfrage dabei betrifft die Energiebereitstellung: Welche Möglichkeiten gibt es, erneuerbare Energien oder Rohstoffe zu nutzen? „In Australien ist das Solarenergie“, erläuterte Herrmann, „in Deutschland eher Windenergie.“ Umgekehrt sei Wasserkühlung in Australien keine wirklich gute Idee. So mache es einen deutlichen Unterschied, ob eine klimatisierte Produktion in Deutschland oder Australien stattfinde.

Ein wichtiger Aspekt in Richtung Glokalisierung ist die Substitution von Rohstoffen durch andere, insbesondere durch lokal verfügbare, wie in Braunschweig deutlich wurde. Die in der Metallbearbeitung eingesetzten Kühlschmierstoffe sind üblicherweise mineralölbasiert, als Grundstoff eignet sich laut Herrmann aber auch die Jatropha-Pflanze, die rund um den Sonnengürtel wächst: „Die Menge der lokalen Rohstoffe ist nahezu unbegrenzt.“ Gefragt seien gute alternative Ideen für Produkt- und Prozessinnovationen. Dazu zählte er Schleifmittel zur Behandlung von Oberflächen aus Kirschkernen, Gummi aus Löwenzahn, hochwertige technische Fette, die sich aus Tierfett herstellen lassen, und Holz – „das bietet ein schier unerschöpfliches Reservoir“.

Bereits seit 1996 beschäftigt sich Herrmann mit dem Thema Lebenszyklen. Beim Recycling elektronischer Produkte tauchte dabei schon früh die Frage auf, wie sich solche Produkte entsprechend dieser Strategie gestalten lassen. „Stets im Life Cycle Engineering denken“, so seine Empfehlung und sich stets zu fragen: „Was tue ich, welche Auswirkungen hat mein Handeln an dieser Stelle?“ Andernfalls bestehe die Gefahr, ein Problem lediglich zu verschieben, beispielsweise von der Rohstoff- in die Entsorgungsphase. „Bei der Gewinnung wird dann die Umwelt zwar weniger belastet, aber bei der Entsorgung dafür umso mehr.“ ANNE SCHNELLER/KIP

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