Lieferkette unterbrochen 30.05.2017, 13:14 Uhr

BMW macht Pause: Just in time wird zu just geht nix

Hightech ist das nicht: Es ist nur ein fehlendes Gussgehäuse für das Lenkgetriebe, das derzeit die Produktion bei BMW lahm legt. Und nur ein Jahr ist es her, dass auch VW seine Produktion einschränken musste, weil ein Zulieferer ein Gussgehäuse nicht lieferte. Just in time ist ganz schön gefährlich in Zeiten von Dauerstaus, Brexit und Grenzkontrollen wegen der Flüchtlingskrise.

BMW-Produktion in Leipzig: Durch fehlende Lenkgetriebeteile steht derzeit die Produktion in Leipzig, München und Tiexi in China weitgehend still.

BMW-Produktion in Leipzig: Durch fehlende Lenkgetriebeteile steht derzeit die Produktion in Leipzig, München und Tiexi in China weitgehend still.

Foto: BMW

Eigentlich ist die Geschichte ein Wahnsinn: Da kann Bosch, der größte Automobilzulieferer der Welt, keine Lenkgetriebe für die BMW-Modelle Einser, Zweier, Dreier und Vierer in die Werke München, Leipzig und Tiexi in China liefern, weil der italienische Zulieferer des BMW-Zulieferers Bosch derzeit Lieferprobleme mit den Gussgehäusen für die Lenkgetriebe hat. Materiallager sind also nicht nur bei den Herstellern eingespart worden, auch die Zulieferer beliefern sich nur noch just in time. Schön – so potenziert man Risiken in der Lieferkette.

BMW-Vorstand: „Bosch ist nicht in der Lage zu liefern“

„Unser Lieferant Bosch ist zurzeit nicht in der Lage, uns mit einer ausreichenden Zahl von Lenkgetrieben für die BMW 1er, 2er, 3er und 4er Reihe zu beliefern“, bestätigt BMW-Einkaufsvorstand Markus Duesmann. Und deshalb werden diese Modelle derzeit in den BMW-Werken München, Leipzig und Tiexi nicht gebaut. Auch in Südafrika stehen die Bänder teilweise still. Derzeit nutzen die Mitarbeiter ihre Arbeitszeitkonten, um die Ausfällle zu kompensieren.

Teilweise haben die Autohersteller bis zu 30 tägliche Lieferfenster, in denen Zulieferer ihre Produkte in bestimmter Reihenfolge ans Band liefern müssen. Die Just-in-time-Produktion ist dadurch extrem störungsanfällig geworden.

Teilweise haben die Autohersteller bis zu 30 tägliche Lieferfenster, in denen Zulieferer ihre Produkte in bestimmter Reihenfolge ans Band liefern müssen. Die Just-in-time-Produktion ist dadurch extrem störungsanfällig geworden.

Foto: BMW

Wie groß der Schaden ist, weiß noch keiner, zumal die Herstellung der jetzt nicht gebauten Autos möglicherweise nachgeholt werden kann. Doch der Fall BMW wirft die Frage auf, ob es insbesondere die Autohersteller mit der schlanken Produktion übertrieben haben.

Fehlendes Gehäuse kostete VW 100 Mio. Euro

Schon vergangenes Jahr musste VW die Produktion des Golf in Wolfsburg und des Passat in Emden unterbrechen, weil ein Zulieferer keine Gussgehäuse für das Getriebe lieferte. Mangels Lagerhaltung konnten die Autos nur wegen dieses einen fehlenden Bauteils nicht gebaut werden. Bis zur Einigung mit dem Zulieferer Prevent entstand bei VW ein Schaden von rund 100 Millionen Euro.

Doch im Fall Prevent ließ der kleine Zulieferer die Muskeln spielen, weil VW mit einer Frist von nur zwei Tagen einen Großauftrag gekündigt hatte. Für einen kleinen Zulieferer die Katastrophe schlechthin.

Grenzkontrollen: Risiko für Just-in-time-Produktion

Der neue Fall zeigt, dass nun auch andere Probleme die Lieferkette empfindlich stören können. Seit der Flüchtlingskrise und der Wiedereinführung von Grenzkontrollen gibt es wieder endlose Staus an den Grenzen. Selbst zwischen Deutschland und Österreich läuft der Verkehr nicht mehr reibungslos.

Dänische Grenzkontrolle am Grenzübergang Krusa bei Flensburg: Die Wiedereinführung von Grenzkontrollen als Folge der Flüchtlingskrise behindert längst auch den freien Warenverkehr.

Dänische Grenzkontrolle am Grenzübergang Krusa bei Flensburg: Die Wiedereinführung von Grenzkontrollen als Folge der Flüchtlingskrise behindert längst auch den freien Warenverkehr.

Foto: Carsten Rehder/dpa

Das hat schon im vergangenen Jahr die Autohersteller alarmiert. „Wenn Grenzen nicht passierbar sind, bringt das das Gesamtsystem in Gefahr“, sagte Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche. Das Problem sieht auch BMW-Chef Harald Krüger. „Wenn Lkw länger an der Grenze stehen müssen, kann das die Produktion ziemlich beeinflussen.“

Täglich 30 Zeitfenster für die Anlieferung ans Band

Geändert hat sich seitdem trotzdem nichts. Die Hersteller schreiben den Zulieferern ganz genau vor, wann sie welches Bauteil in welcher Reihenfolge pünktlich ans Band liefern sollen. Das wird in Zeiten zunehmender Verkehrsbelastungen immer schwerer.

Wie punktgenau die Anlieferung ans Band inzwischen ist, zeigt eine Aussage von Christian Vietmeyer vom Verband der Zulieferindustrie gegenüber der dpa. „Ich kenne ein Werk eines großen Herstellers, in dem es täglich 30 Zeitfenster für Zulieferungen gibt“, so Vietmeyer.

Längst sind die Zulieferer gezwungen, neben den Werken eigene Montagehallen zu bauen, um vorzuproduzieren und die Just-in-time-Produktion zu garantieren. Wie aber sollen die Zulieferer diese Investitionen weiterhin stemmen, wenn die Hersteller umgekehrt ihre Abhängigkeit von einzelnen Zulieferern reduzieren wollen? So sollen möglichst mehrere Zulieferer die gleichen Teile liefern. Soll jeder eine eigene Fabrikationshalle neben dem Autowerk bauen? Verschwinden damit nicht die Kostenvorteile?

BMW will den Schaden von Bosch ersetzt bekommen

BMW will nun von Bosch die Kosten einfordern. „Wir gehen davon aus, dass Bosch als der verantwortliche Lieferant für den uns entstandenen Schaden einstehen wird“, sagte Einkaufsvorstand Duesmann. Das wird sicher ein spannender Rechtsstreit. Interessantes Detail: Im Bosch-Werk Schwäbisch Gmünd will Bosch 760 der 3.500 Stellen abbauen. Grund ist der Preisverfall bei Lenkgetrieben. Diesen Preisdruck dürfte Bosch auch an seinen italienischen Zulieferer weiterleiten. Welches Unternehmen das ist, will Bosch übrigens nicht verraten. Auf jeden Fall können die Italiener derzeit keine Gehäuse liefern. Hört sich ganz so an, als wäre der Fall Prevent ein Vorbild.

Lkw-Zufahrt für Zulieferer des VW-Werks in Wolfsburg: Inzwischen kann jedes Einzelteil, das nicht rechtzeitig angeliefert wird, die Produktion unterbrechen.

Lkw-Zufahrt für Zulieferer des VW-Werks in Wolfsburg: Inzwischen kann jedes Einzelteil, das nicht rechtzeitig angeliefert wird, die Produktion unterbrechen.

Foto: Julian Stratenschulte/dpa

BMW behilft sich derzeit damit, Gussgehäuse in Autohäusern und bei Ersatzteillieferanten zu besorgen. So weit ist es also schon gekommen, weil man keine Lager mehr betreiben will. Ein Geschäftsmodell für Start-ups?

Neue Probleme durch den Brexit

Besonders spannend wird es in Sachen Lieferkette nach erfolgtem Brexit für die Autohersteller, die auf dem Kontinent sitzen, aber Werke in Großbritannien betreiben. Die Mini-Produktion in Oxford greift auch auf Bauteile vom Kontinent zurück. Ebenso dürften die Werke der Opel-Schwestermarke Vauxhall und Ford vor der Frage stehen: Kommen die Bauteile noch pünktlich über den Kanal?

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