Retrofitting 04.02.2011, 19:51 Uhr

„Hightech-Kur“ bringt gebrauchte Werkzeugmaschinen wieder in Topform

Betagte Werkzeugmaschinen gehören nicht zwangsläufig zum alten Eisen: Mit einer umfassenden Modernisierung erhalten sie die Chance auf einen Neustart in der Produktion. Technisch gründlich generalüberholt, kann sich der Kauf einer solchen Maschine durchaus lohnen – etwa wenn bestehende Fertigungslinien ausgelastet sind oder neue Aufträge aus dem Bereich alternative Energien hinzukommen.

Beim Pressen- und Umformspezialisten Eumuco, Leverkusen, installierte Gustav Schreiber 1966 eine Portalfräsmaschine: Damals konnte der Richtmeister bei WaldrichSiegen Werkzeugmaschinen, Burbach, nicht ahnen, dass er dieselbe Anlage mehr als 40 Jahre später nochmals rund 450 km ostwärts aufbauen würde. Zwar ist Schreiber inzwischen im wohlverdienten Ruhestand und betreut solche Aufbauarbeiten als Hobby – die Großmaschine aber geht in ihr zweites Produktionsleben. Dafür hat ihr neuer Eigentümer Gerhard Stohl, Inhaber der MSG Maschinenservice Gera GmbH, eine Grundrenovierung spendiert. „Jetzt entspricht die Maschine dem neuesten Stand der Technik“, berichtete er gegenüber den VDI nachrichten.

Tatsächlich sind von der alten Maschine nur knapp 160 t aufbereitete Gussteile – also Ständer, Betten und Querbalken – übrig geblieben. Die komplette Elektrik, der 8 m lange Schaltschrank, die gesamte Verdrahtung, alle Achsantriebsmotoren, das komplette Schmiersystem sowie diverse energieschluckende Umformer und Gleichstrommotoren wurden entsorgt. Insgesamt 30 t Schrott türmten sich während der Umbauphase auf dem Firmengelände in Gera.

Die Maschinentische der Portalfräsmaschine sind nach dem Neuaufbau hydrostatisch gelagert. Ein Ölfilm zwischen den Betten und den Maschinentischen verhindert das Ruckgleiten von gegeneinander bewegten Festkörpern (Stick-Slip-Effekt). „Mit dieser hydrostatischen Lagerung und mit den erweiterten Maschinenbetten können wir selbst sehr große Bauteile mit einem Gewicht von bis zu 150 t bearbeiten“, erläuterte Stohl. „Das reicht aus“, ergänzte sein Geschäftsführer Hans-Helmut Tillmanns, „um selbst Großteile für Windkraftgeneratoren oder Gussteile für große Dieselmotoren in höchster Präzision zu bearbeiten.“

Retrofitting der gebrauchten Werkzeugmaschine lohnt sich für MSG auch in puncto Energieeffizienz

Die Maschinenbetten wurden im Rahmen des Neuaufbaus um 5 m und die beiden Tische um jeweils 2,5 m verlängert. Die ursprüngliche Maschine besitzt dadurch jetzt eine 15 m lange x-Achse. Das Portal ist 4,5 m hoch und 3,5 m breit. Als Steuerung kommt heute eine Siemens-Sinumerk 840-D zum Einsatz. Sie kann vom Maschinenhersteller und teilweise auch vom Anwender selbst nach eigenen Anforderungen konfiguriert werden. Sie ist gleichermaßen in der Kleinserie wie in vollautomatischen Fertigungsstraßen einsetzbar und weit verbreitet. Entsprechend lassen sich alle aktuellen Datenformate einlesen.

Und auch im Hinblick auf die Energieeffizienz hat sich der Komplettumbau nach Unternehmensangaben gelohnt. Durch den Einsatz neuer Antriebselemente für die Achsen sowie durch die Umstellung auf eine hydrostatische Lagerung ergebe sich eine Energieeinsparung von mehr als 20 % im Vergleich zur alten Ausführung.

Die beschriebene WaldrichSiegen-Fräsmaschine haben die Experten vom Maschinenservice Gera für den eigenen Bedarf hergerichtet. Damit soll künftig die Palette maschinenbautechnischer Dienstleistungen des Unternehmens erweitert werden. „Darüber hinaus wollten wir aber prüfen, ob wir das Retrofitting von Großmaschinen beherrschen und dabei auch noch wirtschaftlich arbeiten können“, so der Firmenchef.

MSG will mit Retrofitting von gebrauchten Werkzeugmaschinen Geld verdienen

Heute kann der MSG-Inhaber beide Fragen mit Ja beantworten. Schließlich kostet eine neue Maschine dieser Größe etwas mehr als 5 Mio. €. Für die Aufbereitung des „Oldtimers“ hat sein Unternehmen insgesamt etwa 2 Mio. € aufbringen müssen – einschließlich des Kaufpreises für die alte Maschine. Jetzt will das mittelständische Familienunternehmen mit der neuen Dienstleistung auf den Markt gehen und künftig gebrauchte Großmaschinen auch für andere Interessenten aufbereiten. „Ich rechne mir dabei gute Chancen aus. Denn das Retrofitting von Großmaschinen beherrschen in Deutschland eigentlich nur ganz wenige Firmen. Schließlich muss das entsprechende Equipment vorhanden sein, um die großen Bauteile überhaupt handeln zu können“, ist der Ingenieur zuversichtlich.

Doch will das Dienstleistungsunternehmen nicht nur alte Maschinen aufbereiten und dann verkaufen, sondern auch bereits bestehende Anlagen herrichten und an alter Stelle wieder aufbauen. Dadurch ergeben sich laut Tillmanns neben der deutlichen Kaufpreiseinsparung noch weitere Vorteile für seine Kunden: „Da die Maschine an der gleichen Stelle wieder aufgebaut wird, entfallen die Kosten für die Errichtung des Fundaments.“ 

Ein Beitrag von:

  • Dietmar Kippels

    Redakteur VDI nachrichten im Ressort Produktion. Fachthemen: Maschinenbau, CAD, Lasertechnik

  • Rolf Müller-Wondorf

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