Digitalgipfel in Berlin 18.11.2025, 18:20 Uhr

SAP, Mistral, Charité: Europas neue KI-Allianzen im Überblick

Europa startet milliardenschwere KI-Kooperationen. SAP, Mistral & Co. bauen gemeinsame Lösungen für mehr digitale Unabhängigkeit.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (l) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)

Künstliche Intelligenz als Chefsache: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (l) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nehmen am Gipfel zur Europäischen Digitalen Souveränität im Euref-Campus teil.

Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Europa präsentiert auf dem deutsch-französischen Digitalgipfel 18 neue KI-Kooperationen im Wert von rund einer Milliarde Euro. SAP, Mistral, Allianz, Mercedes und mehrere Forschungseinrichtungen schließen sich mit Partnern zusammen, um Cloud, KI-Modelle, Gesundheitsforschung und Verteidigungstechnologie zu stärken. Gleichzeitig fordert die Politik mehr Mut und weniger bürokratische Hürden, um digitale Souveränität erreichbar zu machen.

Europa steht bei KI-Technologien unter Druck. Die USA dominieren mit den großen Modellen und Plattformen, China baut seine Infrastruktur im Rekordtempo aus. Und Europa? War bisher oft Zuschauer. Das soll sich nun ändern.

SAP und Mistral – wenn Schwergewichte gemeinsame Sache machen

Ein Kernstück der angekündigten Projekte ist die Partnerschaft zwischen SAP und Mistral AI. Hier treffen zwei verschiedene Welten aufeinander: ein deutscher Software-Riese, dessen Programme in unzähligen Unternehmen laufen, und ein französischer KI-Spezialist, der in kurzer Zeit Europas führenden Platz im KI-Modellmarkt beansprucht.

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SAP nutzt heute schon Technik von Amazon, Microsoft und Google. Doch intern wächst der Wunsch nach europäischer Souveränität. Die neue Kooperation soll genau das liefern: europäische KI-Modelle, die tief in SAP-Produkten stecken und Unternehmen eine Alternative zu den US-Angeboten bieten.

Auch bei der Cloud gibt es Bewegung: Der SAP-Partner Delos kooperiert künftig mit dem französischen Anbieter Bleu. Das Ziel: eine europäische Cloud-Infrastruktur, die strenge Datenschutzstandards erfüllt und trotzdem performant genug für KI-Anwendungen ist.

KI im Verteidigungsbereich – Mistral und Helsing legen nach

Wer in Berlin aufmerksam zuhörte, merkte schnell, wie breit die neuen KI-Allianzen gedacht sind. Besonders sichtbar wurde das bei Helsing – einem Münchner Start-up, das sich auf Verteidigungssoftware spezialisiert hat.

Helsing und Mistral gehen in die nächste Phase ihrer Zusammenarbeit. Im Mittelpunkt: Bildverarbeitungsmodelle, die Szenen aus Drohnenkameras, Sensoren oder Einsatzsystemen schneller auswerten können. Helsing entwickelt Software, die gewaltige Datenmengen in Echtzeit verarbeitet – ein entscheidender Vorteil in sicherheitsrelevanten Situationen. Und das Start-up baut sogar eigene Drohnen.

Der Einsatzbereich bleibt sensibel. Aber der Trend ist klar: KI wird immer stärker Teil sicherheitskritischer Systeme. Die Kooperation zwischen Mistral und Helsing zeigt, dass Europa diesen Bereich nicht länger den USA oder Israel überlassen will.

Versicherung, Autoindustrie, Bildmodelle – KI wandert in den Alltag

Zu den neuen Vereinbarungen zählt auch die Allianz, die gemeinsam mit dem Berliner KI-Start-up Parloa an automatisierter Kundenkommunikation arbeitet. Statt einfacher Chatbots geht es um Systeme, die Gespräche verstehen, strukturieren und verlässlich weiterverarbeiten.

Mercedes-Benz kündigte eine Zusammenarbeit mit Black Forest Labs an. Das deutsch-französische KI-Unternehmen entwickelt generative Bildmodelle – also Software, die Bilder erzeugen kann. Anwendungen dafür reichen von Designprozessen bis zu Assistenzsystemen im Fahrzeug.

Europa zeigt hier Breite: KI soll nicht nur Forschung beschleunigen, sondern auch Versicherungen, Werkstätten, Service-Center oder Fahrzeugentwicklungen verändern.

Biologische Superintelligenz – und ein Netzwerk für Gesundheitsforschung

Ein Begriff stach im Berliner Gipfel deutlich heraus: „biologische Superintelligenz“. Dahinter steckt eine Kooperation zwischen der Charité, dem französischen Spitzenzentrum Gustave Roussy und dem KI-Unternehmen Owkin.

Das Ziel klingt ambitioniert: eine europäische Infrastruktur aufzubauen, die Forschung und Arzneimittelentwicklung automatisieren kann – von der Datenaufbereitung bis zur Analyse. Im Kern geht es um Systeme, die Muster in biologischen Prozessen erkennen. Das könnte Prozesse verkürzen, die heute oft Jahre dauern.

Die drei Partner wollen biologische Daten ähnlich zugänglich machen wie heute digitale Forschungsdaten. Damit öffnet sich ein neues Feld: KI, die nicht nur medizinische Bilder auswertet, sondern reale biologische Abläufe modelliert.

ESTIA – Europas neue Tech-Allianz

Eine weitere Gruppe nutzte den Gipfel, um sich offiziell zu formieren: die European Sovereign Tech Industry Alliance (ESTIA). Dahinter stehen Unternehmen wie Airbus, Deutsche Telekom, OVHCloud, Orange und Dassault Systèmes.

Die Allianz will sich politisch einbringen, industrielle Standards setzen und – ganz zentral – europäische Alternativen zu amerikanischen Tech-Konzernen stärken. Es geht um Cloud, digitale Dienste und eine gemeinsame Stimme in Brüssel.

ESTIA ist weniger ein Produktlieferant, sondern ein Machtfaktor. Ein Zusammenschluss, der Europas digitale Industrie sichtbarer machen soll.

Was Merz und Wildberger fordern – weniger reden, mehr bauen

Bundeskanzler Friedrich Merz ließ keinen Zweifel an der Dringlichkeit. Die Technik komme aus China und den USA, Europa müsse aufholen. „Europa darf ihnen dieses Feld nicht überlassen“, sagte Merz. Digitale Souveränität sei notwendig – aber eben nicht durch Abschottung.

Auch Digitalminister Karsten Wildberger sprach Klartext. In mehreren Statements forderte er mehr Mut, weniger Angst vor Risiken und mehr Freiheit für Innovation. Der Datenschutz bleibe ein Grundrecht, sagte Wildberger, aber die Praxis sei zu kompliziert geworden: „Wir haben eine Regulierung gebaut, die so komplex ist, dass sie viele Innovationen abwürgt.“

Er forderte einen Kulturwandel: weg von Risikovermeidung, hin zu Fortschritt. Oder, wie er es formulierte: Europa müsse vom Kunden zum „Schöpfer“ werden. (mit dpa)

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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