Soziale Medien 19.11.2021, 14:58 Uhr

Cybermobbing weist „bedrohliche Dynamik“ auf

Der Prozess um den Youtuber „Drachenlord“ rückte Cybermobbing in den öffentlichen Fokus. Doch das Phänomen geht viel tiefer und nimmt erschreckende Ausmaße an.

Der Fall um den Youtuber Drachenlord hat das Thema Cybermobbing in den öffentlichen Fokus gerückt. Erschreckend viele Menschen sind Opfer solcher Attacken, vor allem Jüngere und Frauen sind betroffen. Foto: Panthermedia.net/Pheelingsmedia

Der Fall um den Youtuber Drachenlord hat das Thema Cybermobbing in den öffentlichen Fokus gerückt. Erschreckend viele Menschen sind Opfer solcher Attacken, vor allem Jüngere und Frauen sind betroffen.

Foto: Panthermedia.net/Pheelingsmedia

Die Sache mit dem Drachenlord ist nur die Spitze des Eisbergs. Ein Extremfall – aber bei weitem kein Einzelfall. Rainer Winkler, so heißt der Drachenlord mit bürgerlichem Namen. Unter seinem Pseudonym präsentiert er Videos bei Youtube: Wie er tanzt, wie er spazieren geht – oder wie er einfach vor einem grünen Vorhang sitzt und aus seinem Leben erzählt.

Irgendwann wurde Winkler zum Hassobjekt einer bizarren Szene von Internetmobbern. Sie beschimpften ihn nicht nur online, sondern belagerten sein Haus, bedrohten seine Schwester, schändeten das Grab seines Vaters. Jahrelang. Tag für Tag. Einer dieser Vorfälle eskalierte, Winkler griff einen seiner „Hater“ vor seinem Haus an. Dafür wurde er nun von einem Gericht verurteilt, zu zwei Jahren Freiheitsstrafe. Ein umstrittenes Urteil. Der Prozess rückte ein Phänomen erstmals besonders anschaulich in die Öffentlichkeit: Das sogenannte Cybermobbing war in der realen Welt angekommen.

Drachenlord: Systematische Quälerei

Immer mehr Erwachsene sind von digitaler Hetze betroffen, wie jetzt aus einer aktuellen Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing hervorgeht. Der rasante Anstieg solcher Angriffe weise eine „bedrohliche Dynamik“ auf, heißt es darin. Begünstigt werde die Entwicklung durch die Umstände der Corona-Pandemie.

Frauen und jüngere Menschen treffe es dabei besonders, heißt es in der repräsentativen Studie mit dem Titel „Mobbing und Cybermobbing bei Erwachsenen“. 4.000 Personen zwischen 18 und 65 Jahren waren dafür befragt worden, 2.000 in Deutschland und jeweils 1.000 in Österreich und der deutschsprachigen Schweiz.

„Die meisten Hater sind durchschnittliche Menschen“

Was treibt Menschen überhaupt dazu, andere über das Internet zu quälen? Wer sind die Hater? „Cybermobbing hat eine ganze Reihe von Ursachen, wobei Trolle, die entweder sadistisch veranlagt sind oder bezahlt werden, um einem Gegner zu schaden, die Ausnahme darstellen“, sagt Medienethikerin Claudia Paganini. „Die meisten Hater sind ganz durchschnittliche Menschen, bei denen sich beim Surfen im Netz Frustration und Aggression aufstaut und die diese dann an einem mehr oder weniger beliebigen Opfer ausagieren. Insofern kann man sagen, dass Hass im Netz sehr viel mehr mit den Tätern und ihren spezifischen persönlichen Problemen zu tun hat, als mit den Opfern.“

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Mobbing als „Sinngefühl“

Als Opfer böten sich besonders exponierte Personen an – umso mehr, wenn sie nicht den gesellschaftlichen idealen entsprächen. So wie der Drachenlord, der übergewichtig ist, mit breitem schwäbischen Dialekt spricht und dem eine vermindertete Intelligenz attestiert wurde.

„Cybermobbing wird weiters dadurch gefördert, dass die Empathie im digitalen Raum nur sehr gering ausgeprägt ist, das entkörperlichte Handeln senkt die Hemmschwelle für aggressives Vorgehen. Wenn ein Mensch dann durch Cybermobbing einmal entmenschlicht worden ist, ist der Schritt zur realen Gewalt und zu Übergriffigkeiten meist nur ein kleiner“, erklärt Paganini.

Verstärkend hinzu komme, dass durch den gemeinsamen Hass gegen eine Person ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entstehe, was den einzelnen Hatern gar eine Art „Sinngefühl“ vermitteln könne.

Tatsächlich fabulieren Nutzer in den Kommentaren unter den Drachenlord-Videos immer wieder davon, dass Winkler ja selbst Schuld sei. Er provoziere, er sei Holocaust-Leugner und Rassist – Behauptungen, basierend auf aus dem Kontext gerissene Aussagen, die andere ihm bewusst in den Mund gelegt haben. Man redet sich die menschenverachtende Quälerei schön, gibt ihr einen „Sinn“.

Immer mehr Menschen werden Opfer

Immer mehr Menschen werden Opfer von Mobbingattacken in Deutschland, heißt es beim Bündnis gegen Cybermobbing. Demnach stieg die Opferzahl um 25% gegenüber der letzten Studie von 2018 an. Run fünf Millionen der Erwachsenen bis 65 Jahre seien betroffen, so Bündnisvorsitzender Uwe Leest. Insgesamt waren in Deutschland 32,6% der Befragten schon einmal Opfer von Mobbingattacken, in Österreich 36,1% und in der  Schweiz: 38,7%.

Die meisten Mobbingattacken passieren demnach im Job, aber private Angriffe nehmen stark zu. Ob sich das Phänomen nach der Coronakrise wieder etwas abflaue, sei unklar, sagt Medienethikerin Claudia Paganini: „Prognosen abzugeben, ist für mich schwierig. Was man aber sagen kann, ist dass Aggression und Hass sehr schnell zu Masternarrativen werden können, die dann eine starke Eigendynamik entfalten. Menschen, die eine andere Meinung vertreten, trauen sich nicht mehr, diese zu äußern, es kommt zur Selbstzensur und nur jene Meinungen bleiben sichtbar, die am lautesten und aggressivsten vertreten werden.“

Mobbing im Job – Was Sie dagegen unternehmen können

Es brauche digitale Zivilcourage, um das zu verhindern: „Damit das Internet ein freundlicher und kreativer Ort sein kann und nicht ein kalter, angsterfüllter“, so Paganini. „Cybermobbing entgegenzuwirken ist nicht nur im Sinn der Opfer wichtig, sondern weil eine Gesellschaft, die ein inklusives Verständnis von Frieden und Gerechtigkeit für sich beansprucht, sich letztlich danach bewerten lassen muss, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht.“

Drachenlord: Fehlurteil wegen Unkenntnis?

Zudem müsse sich die Gesellschaft im Klaren darüber sein, dass das Internet eben keine reine Parallelwelt sei, sondern Auswirkungen auf die echte Welt habe. Das gilt auch für das Justizsystem: Unter anderem Spiegel-Autor Sascha Lobo warf dem Gericht im Drachenlord-Fall in seiner Kolumne ein Fehlurteil vor und attestierte Richterin und Staatsanwaltschaft Unkenntnis. Experten fordern seit Jahren ein eigenes Gesetz gegen Cybermobbing. Bislang können sich Betroffene, wenn überhaupt, nur über Umwege dagegen wehren. Etwa mit einer Anzeige wegen Beleidigung. Nur wird das der Dynamik von Cybermobbing kaum gerecht. „Ich bin keine Jurisitin, aber überall dort, wo technischer Fortschritt stattfindet, entstehen nicht nur neue positive Anwendungsmöglichkeiten, sondern auch Möglichkeiten für Missbrauch. Daher müssen Gesetze laufend adaptiert werden – so auch in diesem Bereich“, findet Claudia Paganini. „Aber schon jetzt umfasst Cybermobbing eine ganze Reihe von Straftatbestände, die nach geltendem Recht geahndet werden könnten: Volksverhetzung, Verleumdung, üble Nachrede, Beleidigung, Ruf- und Kreditschädigung, Nötigung, Bedrohung, Aufforderung zu Straftat. Wichtig ist dafür, dass Delikte angezeigt werden beziehungsweise dass man mit Hilfe einer Task Force gezielt nach Übertretungen fahndet.“

Internetmobbing wird kaum geahndet

Peter Sommerhalter, Leiter für Prävention und Medienberatung beim Bündnis gegen Cybernobbing, musste erleben, dass das gar nicht so einfach ist. Er ist selbst Opfer von Mobbing. Seit über zehn Jahren erhält er Morddrohungen von einem Unbekannten. Der Täter konnte bislang nicht ausfindig gemacht werden.

„Cybermobber machen nicht die Erfahrung, dass ihnen Strafen drohen“, so Sommerhalter.

Wegen des seelischen Stresses war er selbst zeitweise krankgeschrieben. Eine Hürde bei den Ermittlungen: Der Datenschutz sei hier Täterschutz, so Sommerhalter.

Auch Uwe Leest erklärt: Internetmobbing werde kaum geahndet, die Anonymität im Netz werde als viel zu hohes Gut betrachtet. „Ich garantiere: Wenn die Anonymität wegfiele, hätten wir 90 Prozent weniger Cybermobbingfälle.“ Die Meinungsfreiheit werde über die Menschenwürde gestellt. (mit dpa)

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Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben ist Content Manager und verantwortlicher Redakteur für ingenieur.de. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs. Er schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen.

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

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