Windkraft: Bundesregierung will starke Branche – aber nicht um jeden Preis
Windenergie in Deutschland wächst deutlich. Doch Netzausbau, Speicher, verlässliche Regeln und Investitionen entscheiden über den weiteren Erfolg der Branche.
Ein Modell von einem Windrad steht auf der Fachmesse Windenergy Hamburg 2026 in der Hamburg Messe, die am heutigen 22. September startete. die Messe geht bis Freitag.
Foto: picture alliance/dpa/Daniel Bockwoldt
Stefan Rouenhoff (CDU) musste sich als Vertreter der Bundesregierung in Hamburg einiges anhören, bevor er als letzter Redner an diesem Vormittag zu Wort kam. Der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschafts- und Energieministerium sollte kurz vor Mittag am heutigen 22. September dort die Branchenleitmesse Windenergy eröffnen.
Was er dann auch tat. Aber er begegnete einer sehr selbstbewusst auftretenden Branche. Die nutzte die vorgelagerte Pressekonferenz wie auch die Eröffnungsreden eifrig und zeigte auf, was die Bundesregierung tun müsse, um den Erfolg von Industrie und Markt weiter sicherzustellen. Und das es mit hybriden Anlagen aus Wind und Speichern längst um mehr geht, als um den reinen Aufbau von Stromerzeugungskapazitäten. „Die Energiekapazität wächst weiter, und mit dem Bau weiterer Windparks steigt auch der Bedarf an Energiespeichern und intelligentem Energiemanagement“, setzte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher in seiner Rede den Fokus auf den Systemgedanken.
Inhaltsverzeichnis
- Bundesregierung bekennt sich zur Windkraft und erntet Skepsis
- Der Ausbau der Windkraft in Deutschland ist auf dem richtigen Weg
- Kann die Windkraftbranche liefern?
- Bundesregierung will starke Offshore-Windenergie
- Speicher als Mittel für zuverlässige Netze und bezahlbaren Strom
- Es fehlt mitunter die Perspektive der Kundschaft
Bundesregierung bekennt sich zur Windkraft und erntet Skepsis
„All jenen unter Ihnen, die der Regierungspolitik skeptisch gegenüberstehen möchte ich versichern: Die Bundesregierung bekennt sich klar zu den erneuerbaren Energien“, sagte Rouenhoff in Hamburg. Er mahnte aber an, „auch die Kostenseite im Blick“ zu behalten. Er sehe aber „keinen Grund für Pessimismus; wir müssen lediglich im ständigen Austausch bleiben“. Und er machte den Branchenvertreterinnen und -vertretern Hoffnung, dass ihre Kritikpunkte gehört werden. Schließlich komme ja, wie man wisse, kein Gesetz so aus dem Bundestag heraus, wie es hineingekommen wäre.
Mehr als 1600 Aussteller sind in diesem Jahr auf der Messe. Die Windenergy ist längst zum internationalen Branchentreff avanciert, die Messegesellschaft erwartet rund 43.000 Besucherinnen und Besucher. Aber natürlich geht es um den deutschen Markt und die deutsche Politik. Dies vor allem, da mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), des Windenergie-auf-See-Gesetzes und des Netzpakets gleich drei wichtige Grundpfeiler im Herbst im Bundestag verhandelt werden.
Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbandes Windenergie (BWE) legte den Finger in die Wunde, denn eine gründliche öffentliche Verbändeanhörung hat es zum Beispiel für die EEG-Novelle nicht im Deutschen Bundestag gegeben. Daher klappern der BWE und andere Verbände die Parlamentarier derzeit persönlich ab: „Wir haben mit vielen Abgeordneten gesprochen, und viele von ihnen sind mit dem Gesetzentwurf nicht wirklich zufrieden, weil es eine Reihe von Punkten gibt, die nicht wirklich gründlich durchdacht sind und sich in der Praxis nicht wirklich gut umsetzen lassen.“
Heidebroek geht es auch um Regelungen, die bereits genehmigte Projekte rückwirkend in die Unwirtschaftlichkeit treiben könnte. Eine Erfahrung, die vor vielen Jahren der Solarsektor in Spanien gemacht hatte, und der zu einem akuten Zusammenbruch führt; das sorgte damals europaweit für Aufmerksamkeit. “ Ich denke also, es gibt Dinge, die geändert werden könne,“, so Heidebroek, „und da es sich nicht um große, sondern nur um kleine Änderungen handelt, können diese die Gesetzgebung wirklich verbessern.“
Der Ausbau der Windkraft in Deutschland ist auf dem richtigen Weg
Staatssekretär Rouenhoff verweist auf Fortschritte: 2025 seien an Land rund 4,6 GW neue Windenergieleistung in Betrieb gegangen, etwa 75 % mehr als im Vorjahr. Auf See würden 10 GW installierter Leistung überschritten werden. Windenergie habe 2025 mehr als ein Viertel des deutschen Bruttostromverbrauchs gedeckt. „Windenergie ist und bleibt eine tragende Säule der Stromerzeugung in Deutschland“, versichert er.
Windeurope-Chefin Tinne van der Straeten erwartet für Europa in diesem Jahr 24 GW neue Windenergieleistung: „Das sind enorme Kapazitäten. Es wird ein Rekordjahr für die Windindustrie werden. Aber betrachten wir das Ganze einmal im richtigen Zusammenhang: Das entspricht der Energie, die 20 Mio. europäische Haushalte versorgen könnte, und es wird verhindern, dass jährlich 65 LNG-Tanker nach Europa fahren müssen. Das ist Souveränität. Das bedeutet, wieder die Kontrolle zu haben.“ Auch Heidebroek betonte, dass es wichtig sei klar zu machen, dass jede Kilowattstunde Windstrom unabhängiger von fossilen Brennstoffen mache.
Flender-Chef Andreas Evertz betont, gleichzeitig sei es kritisch, sich an den Aufbau resilienter Lieferketten zu machen – nicht dass man später bereue, das nichts getan zu haben: „Das ist etwas, das wir gleich zu Beginn angehen müssen.“ Denn die Branche sei schon „ziemlich abhängig. Deshalb beschäftige ich mich auch mit Themen wie lokalen und globalen Lieferketten einerseits, um Synergien zu nutzen, aber auch um lokal produzieren zu können, um nicht abhängig zu sein.“
Die Probleme, die van der Straeten in Europa sieht, ähneln denen in Deutschland. Es mangelt an Netzanschlüssen, und die Frage der Anbindung von mehr Elektrizitätstechnologien in der Industrie stellt auch dort die Frage der Versorgung mit Ökostrom. Nur so gelingt dort Dekarbonisierung und Klimaschutz. „Konzentrieren wir uns also auf die steigende Nachfrage“, sagte die Windeurope-Chefin, „Stellen wir sicher, dass die Menschen – europäische Bürger, Industrie und Unternehmen – mehr Strom und weniger importierte fossile Brennstoffe verbrauchen.“
Kann die Windkraftbranche liefern?
Sie kann – so kurz beantwortet Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer von VDMA Power Systems, die Frage in Hamburg zwar nicht, aber doch recht eindeutig: „Wir kommen als Industrie und auch als Lieferkette aus einer Position der Stärke“, sagt er. Deutschland ist größter europäischer Windmarkt und größter Standort für die Lieferkette.
Den entscheidenden Engpass sieht Rendschmidt derzeit nicht in den Produktionskapazitäten, sondern bei Umsetzung und Planungssicherheit: „Es geht um politische Sicherheit. Die politischen Entscheidungsträger müssen also dafür sorgen, dass es einen Rahmen gibt, der den Entscheidungsträgern in der Branche und in der Lieferkette Sicherheit und Planungssicherheit bietet. Es muss ein sehr starker Rahmen sein, der auch auf globaler Ebene wettbewerbsfähig ist“.

„Wir waren noch nie so beschäftigt wie im Moment“, sagt Marc Becker, Senior Vice President Offshore bei Siemens Gamesa. Das Unternehmen habe in Fabriken und Fähigkeiten investiert, unter anderem in Deutschland, Dänemark und Großbritannien. Unsicherheit bereite dagegen die künftige Projektpipeline: Die aufgebauten Kapazitäten brauchen Anschlussaufträge. Und die hängen in Deutschland – obwohl Projekte vor allem im Offshore-Bereich einen Zuschlag haben – in der Luft.
Bundesregierung will starke Offshore-Windenergie
Dies ist daher auch eine Debatte über die neuen Ausschreibungsregeln, die derzeit über die Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes für die Offshore-Windkraft neu verhandelt werden. Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbandes Windenergie Offshore, hatte dazu im Messevorfeld VDI nachrichten gesagt: „Der BWO schlägt daher vor, für die Projekte aus den Ausschreibungsjahren 2023 bis 2025 einen einmaligen Rückgabemechanismus einzuführen. So können wir Projekte mit einem Investitionsvolumen von rund 30 Mrd. € bis 40 Mrd. € stabilisieren, welche sonst im Wirtschaftskreislauf fehlen würden. Wichtig wäre zudem, die betroffenen Flächen schnell neu auszuschreiben.“
Rouenhoff räumt Handlungsbedarf ein. Die Bundesregierung wolle mit einer Änderung des Windenergie-auf-See-Gesetzes erfolgreiche nächste Ausschreibungen ermöglichen und einen Bruch beim Offshore-Ausbau verhindern: „Wir wollen einen Fadenriss beim Ausbau zwingend vermeiden. Wir wollen die Offshore-Windenergie auch in Zukunft als starken Pfeiler sehen“. Er verweist zugleich auf die Konkurrenz um Kapital: Windprojekte konkurrierten etwa mit künstlicher Intelligenz, Halbleitern und Rohstoffen um Investitionen.
Speicher als Mittel für zuverlässige Netze und bezahlbaren Strom
Mehr Netze und mehr Flexibilität gehören für die Branche zusammen. Heidebroek nennt Batterien, weitere Speicher, Elektrolyse und die Digitalisierung der Stromnetze als Voraussetzungen für den nächsten Wachstumsschritt. „Wir brauchen Batterien, wir brauchen Speicheranlagen, wir brauchen Elektrolyse“, sagt sie.
Auf der Messe erhält das Thema Speicher erstmals einen eigenen Ausstellungsbereich, wie auch Rouenhoff betont. Speicher haben eben auch mit Bezahlbarkeit zu tun; eine Thema, das der Bundesregierung ganz wichtig ist. Catrin Jung, Leiterin der Windkraftsparte von Vattenfall, beschreibt die Aufgabe als Zusammenspiel von Windpark, Batterie, Solaranlage und Netz. Entscheidend sei, dass so bezahlbarer Strom beim Kunden ankomme. „Am Ende muss es aber einen Kunden geben, der langfristig bereit ist, für das zu bezahlen, was wir tun“, sagt sie.
Es fehlt mitunter die Perspektive der Kundschaft
Anne Bendzulla, Vorstandsmitglied bei Enertrag, ergänzt: „Sie haben dieselben Investitionsunsicherheiten wie wir.“ Gemeint sind industrielle Abnehmer für Strom aus Windkraftanlagen, die sich ebenfalls langfristig festlegen müssten – und auch wollen. In der Praxis werde es da mitunter für Investoren recht schwer.
Als Beispiel nennt sie ein Umspannwerk: „Die Finanzierung einer Umspannstation ist derzeit ziemlich schwierig, weil die Leute wissen wollen, welche Projekte dort realisiert werden“. Ihrer Schilderung zufolge beisst sich da oft die Katze in den Schwanz, denn die Projekte wiederum könnten ohne Umspannwerk nicht umgesetzt werden. Zugleich seien industrielle Stromkunden bei ihren eigenen Investitionen unsicher. Es sei klar, so Bendzulla, das Rechenzentren kämen und die Elektromobilität zunähme, aber wann, wo und wie? Der erwartete Strombedarf lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres in langfristige Abnahmezusagen übersetzen – und damit in eine günstige Finanzierung.
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