Energiewende 02.07.2021, 10:49 Uhr

Wasserstoff-Startups transformieren Ruhrgebiet: “Deutschland hat wieder eine Chance”

Das Ruhrgebiet erlebt seit Jahren einen großen Strukturwandel. Dass sich ausgerechnet in den ehemaligen Kohlehochburgen innovative Wasserstoff-Hubs ansiedeln, hätte vor einigen Jahrzehnten wohl niemand für möglich gehalten. Startups transformieren die Region viel stärker als traditionelle Konzerne. Eine Chance für Deutschland wieder als Technologiespitzenreiter Weltruhm zu erlangen?

Wasserstoff Anlage

Wasserstoff als Booster für das Ruhrgebiet. Startups setzen auf erneuerbare Energien und arbeiten am Strukturwandel der Region.

Foto: panthermedia.net/aaw

Wasserstoff-Valley Ruhrgebiet: Das klingt paradox in Ihren Ohren? Ist es keineswegs, denn der “Pott” ist auf dem besten Weg sich von der dreckigen Kohlehochburg in einen nachhaltigen Industriestandort zu wandeln, auf den Deutschland mit Stolz schauen kann. Fundierte Fakten dazu liefert eine aktuelle Studie des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V. in Kooperation mit der RAG-Stiftung.

Startups gelten als Treiber der digitalen Transformation in jeder Branche. Der Startup-Szene an der Ruhr kommt dabei eine Schlüsselrolle zu – Industrie und Ökologie vereinen sich zunehmend.

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Der Bundesverband Deutsche Startups e.V. veröffentlicht in einer virtuellen Konferenz, zu der auch Andreas Pinkwart (FDP) geladen ist, einen Report, der sich auf eines der zentralen Zukunftsthemen konzentriert: Wasserstoff-Technologie im Ballungsraum Ruhrgebiet.

“Das Thema ist wichtig für Nordrhein-Westfalen und für das Ruhrgebiet”, beginnt Bernd Tönjes Vorstandsvorsitzender von der RAG-Stiftung, die es seit 2007 gibt. Die Stiftung wurde unter anderem ins Leben gerufen, um die Abwicklung des subventionierten deutschen Steinkohlenbergbaus zu bewältigen.

„Uns liegt die nachhaltige Transformation des Ruhrgebiets am Herzen”, so Tönjes.

Und diese hat schon seit Jahren begonnen. Sei es die Wasserstoffstadt Herten mit ihrem großen Anwenderzentrum, der H2Hub in Essen für Startups, Unternehmen und Forschung oder zahlreiche Wasserstofftankstellen in Dortmund – das Ruhrgebiet setzt auf neue Antriebstechnologien und eine grüne Industrie.

“Nicht Berlin, sondern das Ruhrgebiet ist der Hotspot, wenn es um Wasserstoff Startups geht”, unterstreicht Bernd Tönjes in seinem Vortrag.

Tradition trifft auf Innovation im H2-Hotspot

Der größte deutsche Ballungsraum steht vor vielen Herausforderungen – und das seit Jahrzehnten. Frank-Walter Steinmeier hielt am 21. Dezember 2018 im Bottroper Bergwerk Prosper-Haniel ein Stück Steinkohle in den Händen – und symbolisierte damit einen Akt für das Ende einer Ära. Die letzte Zeche im Ruhrgebiet wurde geschlossen. Wie die Zukunft der Region in Nordrhein-Westfalen (NRW) aussieht, haben sich zu diesem Zeitpunkt viele Menschen gefragt. Fakt ist: Seitdem haben sich zahlreiche Gründerinnen und Gründer getraut in der Ruhrmetropole ein Startup anzusiedeln. Seit 2015 sind 41 H2-Startups in NRW entstanden – das Ruhrgebiet hat sich als H2-Hotspot entpuppt. Die Gründe liegen auch in den Stärken der Region begründet, zum Beispiel die zentrale Lage im Herzen Europas und die gut ausgebaute Hochschullandschaft.

Grüner Wasserstoff für Deutschland: Ist das die Antwort?

Stillgelegter Hochofen schwarz weiß Bild

Auf Kohle geboren – Leben mit der Zukunft Wasserstoff. Die Zeiten der Zechen im Ruhrgebiet sind lange vorbei. (Symbolbild)

Foto: panthermedia.net/Hackman

Neue Arbeitsplätze durch Wasserstoff-Startups

Dass wegfallende Arbeitsplätze durch die Schließungen der Zeche das gesamte Ruhrgebiet belasten, liegt auf der Hand. „Wir wollen die Klimaziele auch erreichen, um durch Transformation sicherzustellen, dass wir auch in Zukunft gute Arbeitsplätze in diesem Land haben“, sagt der Minister Andreas Pinkwart in der Digitalkonferenz. „Bei der Umsetzung müssen wir das Tempo erhöhen“, so Pinkwart weiter. Denn dass die Zeit rast, weiß nicht nur NRW, sondern die gesamte Welt muss die CO2-Emissionen runterfahren.

“Wir müssen runter von den Emissionen, die die Stahlindustrie verursacht”, gibt Pinkwart zu.

Olaf Scholz sagt als Finanzminister der Stahlindustrie umfassende Hilfen zu, um CO2-sparsamer zu produzieren. Auch er sieht einen entscheidenden Einsatz in grünem Wasserstoff. Der Kanzlerkandidat der SPD findet aber auch klare Worte: „Deutschland fehlt es noch an Grundvoraussetzungen.“

„Wenn wir das alles schaffen wollen, sind wir auf Startups angewiesen, die uns mit ihren klugen Ideen helfen“, gibt Minister Pinkwart zu bedenken. Die Studie des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V. führt auf, dass 415.000 Arbeitsplätze durch deutsche Startups entstanden sind. Neugründungen sind also nicht nur ein Booster für technologische Innovationen “made in germany”, sondern auch für den Arbeitsmarkt. Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht, denn neue Arbeitsplätze sollen durch Wasserstofftechnologie geschaffen werden – allein bis zu 130.000 in Nordrhein-Westfalen. Knut Giesler, Chef der IG Metall in Nordrhein-Westfalen, ist das besonders wichtig: „Das Ruhrgebiet ist gebeutelt, wenn es um das Thema Transformation geht.“ Es sei wichtig, Zukunftsprojekte zu fördern.

Wasserstoff: Was der Arbeitsmarkt der Zukunft wirklich hergibt

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart im VW id.3.

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart im VW id.3. Der Politiker will bei der Umsetzung von innovativen Energie-Projekten „aufs Gas treten“. Das unterstreicht er bei der Digitalkonferenz des Bundesverbandes Deutscher Startups e.V.

Foto: Peter Sieben

Werte wie Zusammenhalt, Teamgeist und Mut schwingen bei der Präsentation der Studienergebnisse permanent mit. Es scheint, als dürfte die Tradition trotz aller Innovation nicht verschwinden. Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Startup Verbands, ist dieses Thema in ihrem Kurzvortrag besonders wichtig.

“Mit der Wasserstoff-Technologie hat Deutschland wieder die Chance technologischer Vorreiter zu werden”, so Teubert. “Es braucht dafür Orte und den Austausch – von Investoren, Politikern und Technikern.” Sie appelliert an die großen Industriepartner, die nicht “nur Auftraggeber, sondern auch Investor sein sollten”.

Reicht es, wenn Startups aus dem ehemaligen Kohleboden sprießen, um einen Wandel in der Gesellschaft zu erzielen und auch die Akzeptanz für neue Energien zu schaffen? Auf diese Frage antwortet Research Marketer Jannis Gilde vom Verband:

“Wir sehen das, ja. Die Bereitschaft zu gründen und Neues zu schaffen ist da. Es wird aber auch an die historische Stärke der Region angeknüpft. Die Gründungen im Bereich Wasserstoff sind noch etwas überschaubar, aber wir erhoffen uns einen weiteren stärkeren Wandel.”

„In der deutschen Wasserstoff-Strategie kommt das Wort Startup leider nicht vor“, so Jannis Gilde weiter. Dass sich daran seiner Meinung nach etwas ändern sollte, bleibt unausgesprochen, aber deutlich zwischen den Zeilen lesbar.

Das Investment in H2-Startups steigt dafür weltweit, so die Ergebnisse des Reports. 70 Millionen US-Dollar wurden 2020 in Europa investiert; 72 Millionen US-Dollar in den USA. 2019 lag das europäische Investment noch bei 39 Millionen US-Dollar.

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Startups und etablierte Industriekonzerne gehen Hand in Hand – das Ruhrgebiet als Standort der Wasserstoff-Technologie in Deutschland will ein Vorbild für Moderne und Tradition im Einklang sein.

Den gesamten Report gibt es auf deutschestartups.org.

Wenn Sie selbst ein Startup gründen wollen, sollten Sie in diese Podcast-Folge von „Technik aufs Ohr“ reinhören:

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Ein Beitrag von:

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

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