Energiewende 15.01.2021, 08:20 Uhr

Grüner Wasserstoff für Deutschland: Ist das die Antwort?

Deutschland will bis 2050 klimaneutral sein: Auch mithilfe von Wasserstoff. Doch der ist hierzulande kaum klimafreundlich produzierbar. Woher also kommt künftig grüner Wasserstoff? Eine Antwort liegt in Australien.

Schild mit Känguru Straße Australien

Wasserstoff aus Australien - es könnte ein Weg für grüne Energie in Deutschland sein.

Foto: panthermedia.net/jankratochvila

Australien: das Land der Koalas und Kängurus – und der sengenden Hitze. Downunder haben sie etwas, das in Deutschland Mangelware ist: Viel Sonnenlicht und viel Platz. Was hierzulande fehlt, will man sich in einer Kooperation zu Nutze machen und mithilfe Australiens klimafreundlicher werden. Gemeinsam stark und grün sozusagen.

Wie passt das zusammen? Australien ist nicht für ambitionierte Klimapolitik bekannt. Das Land ist einer der größten Kohleexporteure der Welt und hat einen gewaltigen Anteil am globalen CO2-Ausstoß. Aber: Pro Kopf stehen hier auch die meisten Solaranlagen und Windräder. Zum Vergleich: In Deutschland kommt pro Einwohner nicht mal halb so viel neue Grünstrom-Kapazität hinzu. Sonne, Wind, Platz: Das braucht es für Onshore-Kraftwerke oder Photovoltaik. Australien ist also von Natur aus gesegnet, was diese Komponenten betrifft. In den nächsten 20 Jahren werden die meisten Kohlekraftwerke ihre geplante Nutzungsdauer erreichen. Eine neue Energie-Ära steht bevor.

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Deutschland will bis 2050 klimaneutral werden, Wasserstoff als Energieträger soll dabei maßgeblich helfen. Nur: Die Produktion ist energieaufwändig. Weil hierzulande die Umstellung auf erneuerbaren Strom immer noch nicht weit gediehen ist, kämen für die Produktion von Wasserstoff vornehmlich Kohle- oder Atomstrom infrage.

Die Idee: Eine Kooperation mit Ländern, die viel Sonne, Wind und Platz haben – und bereits eine gute Infrastruktur für erneuerbare Energie.

HySupply: Deutschland und Australien als Wasserstoff-Partner

Deutschland und Australien steigen gemeinsam in die Produktion von grünem Wasserstoff ein. In einem Kooperationsprojekt unter dem Namen “HySupply” wollen beide Länder den Transport und Nutzung von Wasserstoff abbilden. Der Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI) und acatech (Deutsche Akademie der Technikwissenschaften) untersuchen zum ersten Mal, ob und wie eine interkontinentale Lieferkette von erneuerbarem Wasserstoff zwischen zwei Industriestaaten machbar ist. Das Ziel: echte Geschäftsmodelle schaffen.

Doch warum will Deutschland ausgerechnet vom entlegensten Land der Erde Wasserstoff befördern?

„Diese Frage ist berechtigt. Australien ist ja nun mal geografisch mit am weitesten von Deutschland entfernt. Tatsächlich existieren aber bereits Energiekooperationen mit Australien. Kohle etwa kommt schon heute mit dem Schiff zu uns. Wasserstoff über das Meer zu transportieren ist jedoch noch mal etwas Anderes”“, erklärt Maike Schmidt, Leiterin des Fachgebiets Systemanalyse bei Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW).

Schmidt hat im September 2019 selbst an einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Delegationsreise von acatech und dem BDI nach Australien teilgenommen. Man traf sich dort mit führenden Forschungseinrichtungen und Unternehmen im Bereich Wasserstoff. Die Erkenntnis: Australien ist ein idealer Partner für eine nachhaltige Wasserstoffpartnerschaft mit Deutschland.

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Wie kommt Wasserstoff von Australien zu uns?

Doch eins ist noch unklar: Wie der Wasserstoff von Downunder nun genau nach Deutschland kommen soll. Im Gespräch sind andere chemische Energieträger wie Ammoniak oder Methanol. „Es wird auch geprüft, ob der Wasserstoff verflüssigt und direkt per Schiff nach Deutschland transportiert werden kann.“

Eine weitere Möglichkeit wäre, eine Art synthetisches Rohöl zu erzeugen und dieses Produkt über die bestehenden Transportwege nach Deutschland zu bringen. „Es könnte dann in deutschen Raffinerien zu Kraftstoffen wie synthetischem Kerosin für den Flugverkehr weiterverarbeitet werden“, erklärt die Expertin. „Eine Nutzung als Wasserstoff wäre so allerdings in Deutschland nicht möglich.“

Welche Methode wird sich durchsetzen? Dazu kann Maike Schmidt noch keine Aussage machen. „Es gibt neben dem Kooperationsprojekt „HySupply“ zwischen acatech und dem BDI eine Arbeitsgruppe des Akademienprojekts „ESYS“, die sich damit aktuell befasst.“ Substanzielle Kenntnisse fehlen einfach noch.

„Wir haben ja heute schon die Situation, dass wir Energieträger importieren. Wir importieren den größten Teil unseres Mineralöls und auch große Teile von Erdgas und Kohle zur Stromerzeugung. Der Wunsch war mit dem Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung unabhängiger von Energieträgern aus dem Ausland zu werden. Doch mit Blick auf den Wasserstoff muss man deutlich sagen, dass wir natürlich zur Produktion von grünem Wasserstoff nochmal erhebliche zusätzliche erneuerbare Stromerzeugungskapazitäten benötigen. Und da stoßen wir in Deutschland einfach an Ausbaugrenzen.“

Die Akzeptanz der deutschen Bevölkerung spielt dabei auch keine unbedeutende Rolle. Wer möchte schon aus dem Fenster direkt auf ein Windrad schauen.

Australien hat hingegen großes Potenzial für Photovoltaik-Anlagen und Windenergie. Erneuerbare Energien können auch insgesamt kostengünstiger produziert werden.

„Da sind wir in Deutschland mit unseren PV Volllaststunden von 900-1.000 eher eingeschränkt. Auch bei der Windenergie gibt es prädestiniertere Regionen“, so Schmidt weiter.

Auf der Abnehmerseite müssen diese neuen Wege auch erst etabliert werden, wie die Brennstoffzelle für den Verkehr, gibt die Leiterin zu bedenken.

Maike Schmidt, Leiterin des Fachgebiets Systemanalyse bei Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) war auch zu Gast im Podcast „Technik aufs Ohr“. Sie war selbst auf Forschungsfahrt in Australien und berichtet von ihren Eindrücken.

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Wie profitiert Australien von Deutschland?

Was sich Deutschland von Australien verspricht, ist deutlich geworden. Doch was hat das entfernte Land von uns? Australien bietet selbst hervorragende Infrastrukturen für den Export von Rohstoffen. Um das Potenzial aber vollends auszuschöpfen, braucht das Land erstklassige Wasserstoff-Technologie – vor allem im Bereich der Elektrolyse. Und nun wird ein Schuh draus: Deutschland ist aktuell Marktführer in der Elektrolysetechnologie. Eine klassische Win-Win-Situation.

Über HySupply“

HySupply arbeitet an einer Machbarkeitsstudie, um mögliche Geschäftsmodelle für die Lieferkette von erneuerbarem Wasserstoff zwischen Australien und Deutschland zu untersuchen. Ein deutsch-australisches Team aus der Wissenschaft und Unternehmen arbeitet gemeinsam an regulatorischen, ökonomischen und technischen Herausforderungen. In Zukunft soll eine „Wasserstoff-Brücke“ zwischen beiden Ländern entstehen. Die Bundesregierung fördert das Projekt mit 1,7 Millionen Euro.

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Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben ist Content Manager und verantwortlicher Redakteur für ingenieur.de. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs. Er schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen.

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

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