Warum Europas KI-Pläne am Strom scheitern
Der KI-Boom frisst so viel Strom wie ganz Finnland – und die EU hat keinen Plan, woher die Energie kommen soll. Eine neue Studie des Kiel Instituts zeigt eine Lücke von 80 TWh bis 2030.
Europa braucht mehr Strom, wenn es seine KI-Ausbau-Ziele erreichen will. Dies am besten natürlich mit zusätzlicher, CO2-armer Stromerzeugung und nicht mit Kohlekraftwerken. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Kiel Institut für Weltwirtschaft, die die EU-Ausbauziele für die Stromerzeugung und den KI-Ausbau übereinanderlegt.
Foto: Smaraterpix/Schuelli
Europa fehlt bis 2030 einmal Finnland, um allein den zusätzlichen Stromhunger von KI-Rechenzentren in der EU zu decken. Es klafft eine Stromlücke von 80 TWh (finnischer Jahresstrombedarf 2025: 85 TWh), so Matilde Ciani vom Kiel Institut für Weltwirtschaft im neuen Kiel Policy Brief, sollte die EU wirklich ihre Ausbauziele für neue KI-Rechenzentren bis 2030 umsetzen können.
Die Lücke entsteht, weil die EU auf dem KI-Auge blind ist, wenn es um die Berechnung des Strombedarfs geht. Auch das weist Ciani nach. Die bisherigen EU-Planungen berücksichtigen den KI-Ausbau und seine Folgen für das Stromsystem nicht ausreichend. „KI-Politik darf nicht von Energiepolitik getrennt werden“, empfiehlt Ciani als Lösung. „Europa plant ehrgeizige digitale Infrastruktur, ohne sicherzustellen, dass das Stromsystem dies auch tragen kann.“
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Wie viel Strom die EU für ihren KI-Ausbau bis 2030 wirklich braucht
Dass der KI-Ausbau neue Stromerzeugungskapazitäten braucht, ist schon länger bekannt. So hatte die Internationale Energieagentur (IEA) Schätzungen dazu in ihrem jüngsten World Energy Outlook (WEO 2025) gemacht. Dass es eine Lücke geben dürfte, weil die EU-Planungen für die KI nicht korrelieren mit den EU-Energieausbauplänen, auch. Wie groß die Lücke genau ist, wo in den Planungen der Fehler liegt, damit beschäftigt sich diese Studie erstmals. Matilde Ciani, die in der Macrofinance-Forschungsgruppe am Kiel Institut für Weltwirtschaft forscht, analysiert dazu den EU-„AI Continent Action Plan“.
Die realen Auswirkungen dürften laut der Studie des Kiel Instituts erheblich sein. Die Analyse zeigt, dass die geplanten Rechenzentren bis 2030 voraussichtlich zwischen 98,5 TWh und 168 TWh Strom verbrauchen werden. Das ist etwa so viel wie der gesamte Strombedarf Polens im Jahr 2024 und bis zu 5 % des gesamten EU-Verbrauchs. Der Anteil des gesamten EU-Strombedarfs, der auf Rechenzentren entfällt, werde daher rasch von rund 2 % im Jahr 2023 auf rund 5 % im Jahr 2030 ansteigen, so das Institut.
Welche Falle sich die EU beim Ausbauplan für die KI-Rechenzentren selbst gestellt hat
Der AI Continent Action Plan der EU sieht eine Verdopplung der Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 vor. Die EU schaut dabei auch auf die Auswirkungen des Plans auf den Strombedarf, unterschätzt ihn aber – und zwar systematisch. Das Kiel Policy Brief warnt vor einer irrigen Annahme, die in den EU-Konzepten steckt: Die Nachfrage aller anderen Sektoren bleibt weitgehend unverändert. Dann – und nur dann – bliebe die zusätzliche Stromnachfrage durch die geplanten Rechenzentren gedeckt. Das sei, so die Kieler, „angesichts der zunehmenden Elektrifizierung von Wohnen und Verkehr unrealistisch“.
Ohne Gegenmaßnahmen droht der EU laut Ciani ein Trilemma: Abhängigkeit von fossiler Energie, Einschränkungen beim Wirtschaftswachstum oder ein weiteres Zurückfallen im internationalen KI-Wettlauf. Entweder die EU revidiert ihre Energieplanung grundlegend und investiert massiv in beschleunigten Netz- und Kraftwerksausbau bzw. in Effizienztechnologien, oder sie wird KI-Ziele sehenden Auges verfehlen. Dabei ließen sich sowohl bestehende Netze mit Hilfe neuer Technologien besser nutzen als auch im Rechenzentrumssektor durch entsprechende Rahmenbedingungen die effizientesten Technologien beim Ausbau anreizen.
Was die EU tun muss, um für den KI-Ausbau gerüstet zu sein
Ciani empfiehlt, den Ausbau von Rechenzentren systematisch mit zusätzlicher CO₂-armer Stromversorgung zu koppeln. Sie rät, die Planung von Energie und digitaler Infrastruktur stärker zu verzahnen und öffentlich-private Partnerschaften zu nutzen, um den Ausbau erneuerbarer Energien parallel zur neuen KI-Infrastruktur zu sichern. Generell wäre es nicht nur in diesem Fall hilfreich, Energiepolitik nicht länger als nachgelagerte Dienstleistung für die Erfüllung von Zielen anderer Politikbereiche zu betrachten, in diesem Fall der Digitalpolitik. Energiesysteme als primäre Enabler müssten grundsätzlich frühzeitig in EU-Politikziele anderer Bereiche mit eingebunden werden, auch unter dem Blickpunkt der Resilienz der kritischen Infrastruktur.
Die Europäische Kommission hat die Problematik erkannt und hat zum AI Continent Action Plan zusätzliche Beratungen initiiert. Ein zentraler Baustein sollen „tripartite Vereinbarungen“ zwischen Behörden, Rechenzentrumsbetreibern und Energieversorgern sein. Dies könnte sicherstellen, dass neue Rechenkapazitäten zwingend mit neuen, emissionsarmen Erzeugungskapazitäten gekoppelt werden.
Wie sich der Strombedarf durch KI weltweit entwickeln dürfte
Generell hatte die IEA im Rahmen des WEO 2025 sich mit dem Stromverbrauch durch KI-Rechenzentren beschäftigt. Danach rechnet die Organisation generell mit einer Verdopplung des Stromverbrauchs in der kommenden Dekade (2025 bis 2035) durch Rechenzentren. Schwerpunkt seien die USA, dort stehe das Wachstum des Strombedarfs durch Rechenzentren für die Hälfte des Gesamtwachstums. Folgend die Kernaussagen des WEO zu KI-IT-Infrastruktur und ihrer Auswirkung auf das Energiesystem:
- KI-spezifische Server: Der Stromverbrauch durch KI-optimierte Server wird sich bis zum Jahr 2030 verfünffachen.
- Gesamte Rechenzentren: Der globale Stromverbrauch von Rechenzentren wird sich bis 2030 verdoppeln, bis 2035 verdreifachen.
- Anteil am globalen Wachstum: Rechenzentren und KI machen zwischen 2024 und 2030 (sowie bis 2035) weniger als 10 % des gesamten weltweiten Wachstums der Stromnachfrage aus.
- In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften steigt der Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2035 um durchschnittlich 50 TWh pro Jahr.
- Stromhunger neuer Anlagen: 55 % der geplanten neuen Rechenzentren haben eine Kapazität von mehr als 200 MW und verbrauchen damit bei voller Auslastung so viel Strom wie etwa 200.000 Haushalte.
- In China und der EU werden Rechenzentren bis 2030 6 % bis 10 % des Stromnachfragewachstums ausmachen.
Auffällig ist dabei, dass die EU selbst bei vollständiger Umsetzung des Plans voraussichtlich weiter hinter ihre wichtigsten Wettbewerber, die USA und China, zurückfallen werde, so das Kiel Institut in seiner Mitteilung zur Studie. China will seine Rechenzentrumskapazität bis 2030 verdreifachen. Die Vereinigten Staaten sind dabei, sie zu verdoppeln. Hierdurch werde Europa mit deutlich geringeren Anteilen an der globalen Kapazität zurückbleiben.
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