Kleines Dorf organisiert die Energiewende ganz groß
Windkraft bringt Geld in die Gemeindekasse, Biogas soll Gebäude heizen: Wie Mühlen Eichsen mit knapp 1000 Einwohnern seine Energiewende plant.
Auf dem Dach des neuen Horts in Mühlen Eichsen erzeugt eine Photovoltaikanlage Strom. Der 2025 in Betrieb genommene Neubau ist Teil der schrittweisen energetischen Modernisierung kommunaler Gebäude.
Foto: Andreas Zerbe
Mühlen Eichsen hat nicht einmal 1000 Einwohner. Eine einzige Windenergieanlage könnte der Gemeinde trotzdem bis zu 26.800 Euro pro Jahr einbringen. Gleichzeitig soll Wärme aus einer Biogasanlage künftig Schule, Sporthalle und Wohnhäuser versorgen. Die kleine Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern setzt dabei nicht auf ein großes Gesamtprojekt, sondern auf mehrere Vorhaben, die nach und nach umgesetzt werden.
Mühlen Eichsen liegt zwischen Schwerin und Grevesmühlen und besteht aus sechs Ortsteilen. Das Amt Gadebusch nennt 943 Einwohner mit Stand März 2025. Einer der Ortsteile ist Goddin. Dort befindet sich ein Windpark, der der Gemeinde inzwischen nicht nur Stromerzeugung vor der Haustür, sondern auch zusätzliche Einnahmen bringt.
Inhaltsverzeichnis
- Bis zu 26.800 Euro pro Jahr aus einer Windenergieanlage
- Warum Windräder Geld in die Gemeindekasse bringen können
- Ein Wärmenetz soll Wärme aus Biogas nutzen
- Warum bestehende Biogasanlagen für Wärmenetze interessant sind
- Auch kommunale Gebäude werden umgestellt
- Kleine Gemeinde, begrenzte Möglichkeiten
Bis zu 26.800 Euro pro Jahr aus einer Windenergieanlage
Nach Angaben des Projektentwicklers wpd stehen im Windpark bei Goddin insgesamt vier Anlagen. Eine davon betreibt das Unternehmen selbst. Es handelt sich um eine Vestas V162 mit 5,6 MW Leistung, 162 m Rotordurchmesser und 169 m Nabenhöhe. wpd erwartet für diese Anlage einen Jahresertrag von mehr als 20 Mio. kWh. Angeschlossen ist sie an ein bereits vorhandenes Umspannwerk des Unternehmens in Gadebusch.
Für Mühlen Eichsen ist aber noch etwas anderes interessant: Die Kommune wird am Ertrag beteiligt. Im Januar 2026 schlossen Mühlen Eichsen, die Nachbargemeinde Veelböken und wpd dazu eine Vereinbarung nach § 6 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.
Mühlen Eichsen rechnet nach Angaben von Bürgermeister Andreas Zerbe mit Einnahmen von bis zu 26.800 Euro pro Jahr – allein aus der von wpd betriebenen Anlage. Der Vertrag läuft über 20 Jahre. Damit könnten insgesamt mehr als eine halbe Million Euro an die Gemeinde fließen. Das Geld soll unter anderem kommunalen Projekten zugutekommen. Zerbe nennt beispielsweise die geplante Sanierung der Regionalen Schule mit Grundschule.
Warum Windräder Geld in die Gemeindekasse bringen können
§ 6 EEG ermöglicht es Betreibern von Windenergieanlagen an Land, umliegende Kommunen an den Erträgen zu beteiligen. Bei Anlagen mit mehr als 1 MW dürfen insgesamt bis zu 0,2 Cent je tatsächlich eingespeister sowie bestimmter fiktiver Kilowattstunde gezahlt werden.
Berücksichtigt werden Gemeinden, deren Gebiet zumindest teilweise innerhalb eines Radius von 2,5 km um die jeweilige Anlage liegt. Sind mehrere Kommunen betroffen, wird der mögliche Betrag zwischen ihnen aufgeteilt.
Das Instrument soll dafür sorgen, dass ein Teil der Wertschöpfung dort bleibt, wo Windräder stehen. Gerade für kleine Gemeinden können solche Einnahmen spürbar sein. Der Windpark bei Mühlen Eichsen könnte zudem noch wachsen. wpd kündigte im Januar 2026 einen zweiten Bauabschnitt mit zwei weiteren Windenergieanlagen an.
Ein Wärmenetz soll Wärme aus Biogas nutzen
Beim nächsten Projekt geht es nicht um Strom, sondern um Wärme. Im Ortsteil Webelsfelde arbeitet bereits seit 2012 eine Biogasanlage mit einer elektrischen Bruttoleistung von 400 kW. Das erzeugte Biogas wird in einem Blockheizkraftwerk genutzt. Ein solches BHKW erzeugt gleichzeitig Strom und Wärme.
Genau diese Wärme soll künftig stärker vor Ort genutzt werden. Nach Angaben der Agentur für Erneuerbare Energien plant Mühlen Eichsen gemeinsam mit WEMAG Wärme und dem Agrarhof in Webelsfelde ein kleines Wärmenetz. Bis 2028 sollen unter anderem die Schule, die Sporthalle sowie Teile der Wohnbebauung im Ortskern angeschlossen werden.
Das Prinzipdahinter: Die Energie aus dem Biogas wird im BHKW nicht nur verstromt. Gleichzeitig fällt nutzbare Wärme an, die über Leitungen zu Gebäuden transportiert werden kann. Wie das Netz konkret ausgelegt wird, ist öffentlich bislang allerdings kaum dokumentiert.
Damit unterscheidet sich das Projekt beispielsweise von bereits realisierten Wärmenetzen mit detailliert ausgelegter Erzeuger- und Speichertechnik, bei denen Leistung, Netzstruktur und zusätzliche Wärmeerzeuger bereits feststehen.
Warum bestehende Biogasanlagen für Wärmenetze interessant sind
Biogasanlagen produzieren häufig nicht nur Strom. Das BHKW gibt gleichzeitig Wärme ab. Wird diese nicht vollständig auf dem Betrieb selbst benötigt, können nahe gelegene Gebäude zusätzliche Abnehmer sein.
Genau das macht Standorte mit bestehender Biogasanlage für lokale Wärmenetze grundsätzlich interessant. Allerdings entscheidet nicht allein die verfügbare Wärmequelle darüber, ob sich ein Netz lohnt. Wichtig ist auch, wie viel Wärme entlang der geplanten Leitungen tatsächlich abgenommen wird.

Schule und Sporthalle sind deshalb für das Vorhaben in Mühlen Eichsen interessante Verbraucher: Ihr Wärmebedarf lässt sich vergleichsweise gut abschätzen. Hinzu kommen sollen Wohngebäude.
Gleichzeitig zeigt das Beispiel ein grundsätzliches Problem. Wärmenetze werden für Jahrzehnte gebaut. Die Biogasanlage in Webelsfelde ist bereits seit 2012 in Betrieb. Für die Planung muss deshalb geklärt werden, wie die Wärmeversorgung langfristig abgesichert werden kann.
Diese Frage gewinnt derzeit zusätzlich an Bedeutung. Viele der knapp 10.000 deutschen Anlagen stehen vor der Frage, wie sie nach dem Ende ihrer bisherigen Förderung wirtschaftlich weiterbetrieben werden können. Welche Folgen das auch für angeschlossene Wärmenetze haben kann, zeigt unser Beitrag „Fast 10.000 Biogasanlagen kämpfen ums Überleben“.
Auch kommunale Gebäude werden umgestellt
Mühlen Eichsen arbeitet außerdem an der Energieversorgung eigener Gebäude. Beim Neubau des kommunalen Horts wurden eine Photovoltaikanlage und eine Wärmepumpe vorgesehen. Der Landkreis Nordwestmecklenburg nannte in den Planungsunterlagen konkret eine Luft-Wasser-Wärmepumpe. Der eingeschossige Holzbau bietet 88 Hortplätze und wurde 2025 in Betrieb genommen.
Für weitere Gebäude prüft die Gemeinde ebenfalls neue Lösungen. Dazu gehören laut Agentur für Erneuerbare Energien unter anderem elektrische Heizungen in selten genutzten Gebäuden wie Feuerwehr und Trauerhalle.
Eine Infrarotheizung ist allerdings keine erneuerbare Energiequelle. Sie wandelt Strom direkt in Wärme um. Ob das sinnvoll ist, hängt deshalb stark davon ab, wie häufig ein Gebäude beheizt wird und woher der Strom stammt.
Kleine Gemeinde, begrenzte Möglichkeiten
Mühlen Eichsen baut damit kein energieautarkes Dorf und auch kein vollständig gekoppeltes Energiesystem. Windpark, Wärmenetz, Photovoltaik und Gebäudetechnik sind zunächst eigenständige Projekte.
Gerade bei kleinen Kommunen spielen dabei Geld und Personal eine große Rolle. Deutschlandweit müssen auch kleinere Gemeinden bis spätestens Mitte 2028 eine kommunale Wärmeplanung vorlegen. Dabei geht es unter anderem darum, geeignete Gebiete für Wärmenetze und dezentrale Lösungen zu identifizieren. Wie weit die Kommunen dabei sind, haben wir im Beitrag „Wie weit ist die kommunale Wärmeplanung?“ zusammengefasst.
Mühlen Eichsen nutzt bereits vorhandene Möglichkeiten: Windenergie schafft zusätzliche Einnahmen, eine bestehende Biogasanlage könnte Wärme für Gebäude liefern und bei kommunalen Neubauten kommen Photovoltaik und Wärmepumpen zum Einsatz.
„Grundsätzlich kann man sich dem Thema nicht entziehen. Wir versuchen deshalb, die Möglichkeiten zu nutzen, die sich für unsere Gemeinde ergeben“, sagt Bürgermeister Andreas Zerbe. Für diesen Ansatz hat die Agentur für Erneuerbare Energien Mühlen Eichsen im September 2026 als „Energie-Kommune des Monats“ ausgezeichnet. Noch ist ein wichtiger Teil davon Zukunftsmusik: Das Wärmenetz soll erst bis 2028 entstehen. Ob daraus ein wirtschaftlich tragfähiges Versorgungssystem wird, hängt vor allem von der konkreten technischen Auslegung, genügend Wärmeabnehmern und einer langfristig verfügbaren Wärmequelle ab.
Quellen
- Agentur für Erneuerbare Energien: Energie-Kommunen
- wpd: Windprojektierer bringt Wertschöpfung nach Mühlen Eichsen und Veelböken
- Erneuerbare-Energien-Gesetz: § 6 – Finanzielle Beteiligung der Kommunen
- Mecklenburg-Vorpommern Energieagentur: Biomasse und Biogasanlagen
- Amt Gadebusch: Gemeinde Mühlen Eichsen
- Landkreis Nordwestmecklenburg: Hort-Neubau in Mühlen Eichsen
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