EEG-Novelle 2027 06.08.2026, 16:45 Uhr

Fast 10.000 Biogasanlagen kämpfen ums Überleben

Mit der EEG-Novelle 2027 entscheidet sich auch, wie viele Biogasanlagen weiterlaufen. Die Regierung verspricht ihnen eine Zukunft, die Branche sieht die Anlagen auf einem „Sterbepfad“. Wer hat recht?

Luftaufnahme einer Biogasanlage mit zwei grünen Fermenterkuppeln, dahinter Felder und eine Windkraftanlage

Biogasanlage und Windrad im selben Landschaftsbild: Wenn Wind und Sonne ausfallen, sollen Biogasanlagen einspringen. Ob sie das können, entscheidet das EEG 2027.

Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON

Am 29. Juli kommen aus Berlin zwei Pressemitteilungen zum selben Gesetzesentwurf. Sie könnten kaum gegensätzlicher sein. Die Bundesregierung feiert den Kabinettsbeschluss zur Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG): Durch die Fortschreibung der Ausschreibungsmengen bis 2032 und ein neues Ausbauziel bis 2035 gebe der Entwurf „der Bioenergie eine Zukunft im Stromsektor„. Kurz darauf melden sich die Bioenergieverbände: Die vorgesehenen Volumina seien „de facto ein Sterbepfad für den Biogasanlagenbestand“.

Zukunft oder Sterbepfad. Wer hat recht? Die kurze Antwort: Beide Aussagen stimmen, beschreiben aber verschiedene Dinge. Der Regierung geht es um installierte Leistung, der Branche um die Strommenge, die damit noch erzeugt werden darf. Und die wird zweifellos kleiner. Damit ist die Zukunft der rund 10.000 Biogasanlagen in Deutschland tatsächlich ungewiss.

Dabei will die Regierung von diesen Anlagen künftig mehr Flexibilität: Sie sollen vor allem dann einspringen, wenn Wind und Sonne ausfallen. Für dieselbe Aufgabe schreibt der Staat über das am 22. Juli in Kraft getretene Stromversorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz (StromVKG, vulgo: Kraftwerksgesetz) 9 GW neuer Langzeitkapazität aus, die faktisch vor allem auf Gaskraftwerke zielt, sowie weitere 2 GW, um die sich auch Batteriespeicher bewerben können. Die Förderkosten des gesamten Kapazitätsmarkts (inklusive weiterer Ausschreibungen 2027 und 2029) schätzt die Bundesregierung auf bis zu 35 Mrd. € bis 2045.

Doch warum fließt so viel Geld in den Neubau, wenn ein großer Teil dieser flexiblen Leistung aus Anlagen kommen könnte, die längst existieren, jetzt aber um ihr Überleben fürchten müssen?

Top Stellenangebote

Zur Jobbörse
Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
Professorin | Professor (m/w/d) für das Lehrgebiet "Nachhaltige Sanierung und Renovierung" Technische Hochschule Deggendorf
Deggendorf Zum Job 
Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR (GMSH)-Firmenlogo
Bauingenieur (m/w/d) Fachrichtung Tiefbau, Straßenbau oder Siedlungshydrologie Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR (GMSH)
VDM Metals Gruppe-Firmenlogo
Qualitätsingenieur Schmiede (m|w|d) VDM Metals Gruppe
VDM Metals Gruppe-Firmenlogo
Trainee Nachhaltigkeitsmanagement (m|w|d) VDM Metals Gruppe
Werdohl, Altena, Unna, Dortmund, Frankfurt Zum Job 
VDM Metals Gruppe-Firmenlogo
Trainee Qualitätssicherung / Technische Klärung (m|w|d) VDM Metals Gruppe
Werdohl, Altena, Unna, Dortmund, Frankfurt Zum Job 
VDM Metals Gruppe-Firmenlogo
Initiativbewerbung Ingenieure / Produktionsmitarbeiter (m|w|d) VDM Metals Gruppe
Werdohl, Altena, Unna, Dortmund, Frankfurt Zum Job 
Hamburger Hochbahn AG-Firmenlogo
Prüfingenieur Konstruktiver Ingenieurbau / Bauwesen (w/m/d) Hamburger Hochbahn AG
Hamburg Zum Job 
GEWOBAU Wohnungsgenossenschaft Essen eG-Firmenlogo
Assistenz der Bauleitung für die Instandhaltung und Modernisierung (m/w/d) GEWOBAU Wohnungsgenossenschaft Essen eG
Die Autobahn GmbH des Bundes-Firmenlogo
Sachbearbeiter Landschaftspflege (w/m/d) Die Autobahn GmbH des Bundes
Hohen Neuendorf Zum Job 
Dawonia-Firmenlogo
Techniker Propertymanagement (m/w/d) in der Immobilienwirtschaft Dawonia
München Zum Job 
AWB Abfallwirtschaftsbetriebe Köln GmbH-Firmenlogo
Sachgebietsleiter Bau (m/w/d) AWB Abfallwirtschaftsbetriebe Köln GmbH
AWB Abfallwirtschaftsbetriebe Köln GmbH-Firmenlogo
Bauingenieur (m/w/d) AWB Abfallwirtschaftsbetriebe Köln GmbH
medac pharma production GmbH-Firmenlogo
Projektingenieur (m/w/d) medac pharma production GmbH
Dessau-Roßlau Zum Job 
Stadt Celle-Firmenlogo
Projektingenieur (d/m/w) Stadt Celle
TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH-Firmenlogo
Qualifizierung Kfz- Prüfingenieur/-in (m/w/d) bzw. Kfz- Sachverständige/-r (m/w/d) TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH
Heppenheim, Bischofsheim Zum Job 
Staatliches Bauamt Nürnberg-Firmenlogo
Projektleiter (m/w/d) / Projektbearbeiter (m/w/d) in der Fachrichtung Elektrotechnik Staatliches Bauamt Nürnberg
Nürnberg Zum Job 
Rheinbahn AG-Firmenlogo
Ingenieur als Expert*in (w/m/d) Brandschutz Rheinbahn AG
Düsseldorf Zum Job 
noris network AG-Firmenlogo
Techniker Zutrittskontrolle & Videoüberwachung / Datacenter Engineer (m/w/d) noris network AG
Nürnberg Zum Job 
fripa  Papierfabrik Albert Friedrich KG-Firmenlogo
Projektingenieur Papierverarbeitung (m/w/d) fripa Papierfabrik Albert Friedrich KG
Miltenberg Zum Job 
ZVEI e.V. - Verband der Elektro- und Digitalindustrie-Firmenlogo
(Senior) Manager / Referent Elektroniksysteme (w/m/d) ZVEI e.V. - Verband der Elektro- und Digitalindustrie
Frankfurt am Main Zum Job 

Was im Entwurf steht

Kern des Streits ist § 4 des Entwurfs. Dort nennt die Regierung ein Biomasse-Ziel von 9,5 GW installierter Leistung für die Jahre 2030 und 2035. Das klingt nach Stabilität, denn genau auf diesem Niveau liegt die Bioenergie im Stromsektor heute.

Die Ausschreibungsmengen sollen nach dem neuen EEG zunächst steigen. Gemeint ist damit die Leistung, für die der Staat jedes Jahr Anlagen zur Förderung zulässt. Betreiber bieten in einem Auktionsverfahren der Bundesnetzagentur. Wer den niedrigsten Förderbedarf nennt, bekommt den Zuschlag, bis das Volumen ausgeschöpft ist. Je größer das Volumen, desto mehr Anlagen können teilnehmen.

Konkret soll der Anstieg so aussehen:

Auch interessant:
Biogas: Was ist das, wofür lässt es sich verwenden?
Was ist Biogas und wie wird es hergestellt? Welche Vor- und Nachteile hat die umweltfreundliche Energiequelle? Lässt sich das Gas für die Heizung nutzen und wie sind die Zukunftsaussichten? Dieser Ratgeber liefert Antworten.

Biogas: Was ist das, wofür lässt es sich verwenden?

  • je 1000 MW in den Jahren 2027 und 2028
  • je 750 MW in 2029 und 2030
  • je 500 MW in 2031 und 2032.

Zum Vergleich: Das bisherige EEG sah für 2027 noch 326 MW vor, für 2028 nur 76 MW. Gemessen daran ist der Entwurf also ein Fortschritt für die Biogasbranche, und so begründet ihn das Wirtschaftsministerium auch: Die Mengen würden erhöht, „um insbesondere flexiblen Biogasanlagen eine Perspektive zu bieten“. Dass der Pfad trotzdem abschmilzt, erklärt die Begründung mit einem Satz, der in der Branche hochkontrovers ist: Die „wertvolle Bioenergie“ werde „zukünftig in anderen Sektoren benötigt“.

biogasanlage
Fermenter, Gasspeicher, Blockheizkraftwerk: Technisch erfüllen Biogasanlagen ähnliche Aufgaben wie ein Gaskraftwerk. Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON

Gleiche Kapazität, weniger Stromproduktion

Kontrovers ist der Satz, weil er fast schon beiläufig einen Rückzug der Biomasse aus dem Stromsektor einleitet. Biogasanlagen sollen künftig nicht mehr rund um die Uhr laufen, sondern flexibel dann einspeisen, wenn Wind- und Solarstrom fehlen: morgens, abends, in der Dunkelflaute. Das EEG begrenzt dafür die vergütungsfähigen Betriebsstunden.

Die Folge: Dieselbe installierte Leistung produziert insgesamt deutlich weniger Strom. Die vier Branchenverbände des Hauptstadtbüros Bioenergie (HBB) haben das in einer Stellungnahme durchgerechnet, und zwar mit den Zahlen des Umweltbundesamts zur installierten Leistung und Stromerzeugung 2024 sowie den Volllaststunden-Annahmen aus dem aktuellen Entwurf des Netzentwicklungsplans Strom der Übertragungsnetzbetreiber:

  • 2024: 9,5 GW installierte Leistung, im Schnitt 4645 Volllaststunden, rund 44 TWh Strom
  • Ziel des Entwurfs (2035): 9,5 GW, aber nur noch etwa 3000 Volllaststunden – rund 28,5 TWh
  • Rückgang: 15,5 TWh oder 35 %

Nach Berechnung der Bioenergieverbände würde die Strommenge mit dem 9,5-GW-Ziel also um 35 % sinken. Um die heutige Biomasse-Stromerzeugung zu halten und die Anlagen gleichzeitig zu flexibilisieren, bräuchte es ein Ziel von 19,3 GW sowie Ausschreibungen von 2500 MW pro Jahr bis 2032. Der Entwurf kommt über den gesamten Zeitraum 2027 bis 2032 auf 4500 MW. Das ist knapp ein Drittel der 15.000 MW, die die HBB-Verbände für diese sechs Jahre fordern.

Biomethan: Flexibilität bestellt, Werkzeug gestrichen

An einer zweiten Entscheidung zeigt sich der Widerspruch des EEG-Entwurfs noch deutlicher. Dieselbe Novelle, die von Biogasanlagen mehr Flexibilität verlangt, streicht eines der wirksamsten Werkzeuge dafür: die Ausschreibungen für hochflexible Biomethan-Blockheizkraftwerke, den bislang einzigen etablierten Investitionsrahmen für diese Anlagen.

Dabei ist Biomethan eigentlich wie gemacht für die Rolle, die die Branche nach dem Willen Berlins spielen soll. Es lässt sich lange im Gasnetz speichern und gezielt verstromen, wenn Wind- und Solarstrom fehlen und der Biogasspeicher vor Ort längst leer wäre. Das Ministerium begründet die Streichung mit den mageren Ergebnissen der Vergangenheit: Zuletzt seien nahezu keine Gebote abgegeben worden.

Die Verbände halten das für einen Zirkelschluss. Nicht das Instrument sei gescheitert, sondern sein Design. Besonders zwei Punkte standen in der Kritik:

  • Bis 2024 war die Ausschreibung auf den Süden beschränkt
  • die Höchstwerte der Biomethan-Förderung deckten nicht dessen Gestehungskosten.

Nach der Korrektur dieser Punkte kamen laut HBB im Jahr 2026 erstmals seit Jahren wieder nennenswerte Gebote. Wie viele Projekte nun auf Eis liegen, kann selbst der Fachverband Biogas nicht genau beziffern. „Ein Investor sprach von Projekten im zweistelligen MW-Bereich allein in seinem Unternehmen“, sagt Guido Ehrhardt, Referatsleiter Politik beim Fachverband Biogas. „Über die gesamte Branche hinweg dürfte die Zahl deutlich höher liegen.“

Bis zu 207 € für Erdgas, 100 € für Biogas

Besonders brisant wird die Novelle im Vergleich mit dem eingangs erwähnten StromVKG, über das die Bundesregierung den Bau neuer Erdgaskraftwerke fördert. Dort liegt der Höchstgebotswert bei 244.000 € pro MW reduzierter Leistung. Weil bei Gaskraftwerken ein Reduktionsfaktor von 0,85 angesetzt wird, entspricht das rund 207 € je kW installierter Leistung und Jahr. Mehr als diesen Betrag darf niemand bieten; die tatsächlichen Zuschläge können darunter liegen.

Der EEG-Flexibilitätszuschlag für Biogasanlagen ist dagegen gesetzlich auf 100 € je kW festgeschrieben. Fossile Kapazität kann also mehr als das Doppelte erhalten, obwohl Biogas-BHKW und Gaskraftwerke grundsätzlich derselben Versorgungsaufgabe dienen: einspringen, wenn Wind und Sonne ausfallen.

„Während für fossile Großkraftwerke ohne Diskussion Fördersätze gezahlt werden, die weit oberhalb der Finanzierungskosten von Bioenergieleistung liegen, verweigert man der resilienten und nachhaltigen Bioenergie die wirtschaftliche Grundlage“, kritisiert Sandra Rostek, Leiterin des Hauptstadtbüros Bioenergie.

Warum die Politik diese Schieflage zulässt? Guido Ehrhardt kann darüber nach eigenen Worten nur spekulieren. Seine Vermutung hängt damit zusammen, dass die Förderung in den beiden Gesetzen unterschiedlich funktioniert. Während die Förderkosten des StromVKG nach aktuellem Stand über eine Umlage auf die Stromkunden finanziert werden sollen, speise sich der Flexibilitätszuschlag aus dem Bundeshaushalt und stehe damit „politisch unter sehr starker Beobachtung“, so Ehrhardt.

Traktor auf Feld vor Biogasanlage
Für viele Landwirte ist die Biogasanlage ein zweites Standbein. Foto: picture alliance / Jochen Tack | Jochen Tack

Was den Betreibern jetzt droht

Was bedeutet all das für die Anlagen auf den Höfen? Zwei Gruppen lassen sich unterscheiden.

Keine Anschlussförderung

Am unmittelbarsten trifft es jene Betreiber, die zwischen Ende 2024 und Ende 2026 keinen Zuschlag für eine Anschlussförderung nach der 20-jährigen Grundvergütung erhalten haben. Ihre Anlagen gehen vom Netz, sobald klar ist, dass das neue EEG ihnen keine Perspektive bietet. Wie viele das bundesweit sind, ist unklar. Für Bayern hat die Landesanstalt für Landwirtschaft nachgezählt: 30 MW Anlagenleistung stehen dort ohne Anschlussvergütung da, obwohl ihre Förderung zum Jahresende ausläuft. Für Ende 2027 sind es weitere 41 MW.

Anschlussförderung mit Zusatzkosten

Die größere Gruppe verschwindet langsamer. Wer sich einen zweiten Förderzeitraum ersteigert, soll dafür seine Anlage aufgrund der neuen Flexibilitätsauflagen ausbauen. Denn wer nur noch ein Drittel der Zeit läuft, aber dieselbe Gasmenge verstromen will, muss in dieser Zeit die dreifache Leistung abrufen.

Diese Rechnung geht nach Darstellung der Verbände selten auf. Investitionen dieser Größenordnung ließen sich in zwölf Jahren häufig nicht amortisieren, zumal der Flexibilitätszuschlag die gestiegenen Bau- und Zinskosten nach Berechnungen des Fraunhofer IEE nicht deckt.

Viele Betreiber wählen deshalb einen anderen Weg. Denn die Vorgabe schreibt kein Mindestmaß an Strom vor, sondern begrenzt nur die Zahl der vergüteten Betriebsstunden. Wer nicht aufrüsten will, erfüllt sie auch, indem er sein vorhandenes BHKW nur noch rund acht Stunden am Tag laufen lässt. Viele investieren dann nichts, aber zwei Drittel der Stromproduktion fallen weg. „Die Betreiber legen spätestens dann still, wenn sie größere Ersatzinvestitionen tätigen müssen“, sagt Ehrhardt.

Wie viele Anlagen diesen Weg gehen werden, lässt sich derzeit nicht beziffern; die Bioenergieverbände sprechen von Hunderten Anlagen bis 2035.

Der übersehene Dominoeffekt

Der sukzessive Wegfall von Biogasanlagen hätte nicht nur Auswirkungen auf die Stromversorgung. Denn sie liefern auch Abwärme für Nahwärmenetze, Schulen, Schwimmbäder und Industriebetriebe. Perspektivisch könnten Großwärmepumpen, industrielle Abwärme oder Holzhackschnitzel einspringen, sagt Sina Barthel von der AG Biomasse im Energiesystem am Deutschen Biomasseforschungszentrum. Doch bei abrupten Stilllegungen fehlten schnelle Alternativen: Es drohe „ein zeitweiser Rückfall auf fossile Spitzenlastkessel“.

Bisher werde dieser Dominoeffekt in der Debatte vernachlässigt, sagt Barthel: „Bundesnetzagentur und Wirtschaftsministerium betrachten Biogas oft isoliert als reine teure Stromoption.“ Die Kopplung mit lokalen Wärmesenken tauche in den Strommarktmodellen kaum auf. Dabei setzt die Politik an anderer Stelle explizit auf grüne Gase: Das Gebäudemodernisierungsgesetz verlangt ab 2029 einen steigenden Anteil klimafreundlicher Brennstoffe, den Gasheizungen unter anderem mit Biomethan decken können.

Was die Forschung dazu sagt

Das DBFZ sieht den Bioanlagenpark ebenfalls bedroht. „Die aktuellen Ausschreibungen reichen nicht für den Erhalt des Bestands“, so Linus Lefherz von der AG Systemoptimierung. Und was einmal weg ist, bleibe weg: „Wenn eine Biogasanlage einmal stillgelegt wurde, gehen wir nicht davon aus, dass sie sich leicht reaktivieren lässt.“

Letztlich steht ein Großteil des heutigen Anlagenparks auf dem Spiel, der rein rechnerisch die Leistung der neuen fossilen Gaskraftwerke ersetzen könnte. Das DBFZ geht davon aus, dass es heute rund 3,4 GW Bemessungsleistung im Bestand gibt. Damit ist nicht die installierte Leistung gemeint, sondern die Leistung, die die Anlagen im Jahresdurchschnitt tatsächlich liefern. Würde dieser Bestand erhalten und (mit ausreichender Förderung) viermal überbaut, ergäben sich etwa 13,7 GW flexible Leistung. Das sind deutlich mehr als die 9 GW Langzeitkapazität, die Berlin mit dem StromVKG ausschreiben lässt. Allerdings bräuchten Biogasanlagen zur Abdeckung mehrtägiger Dunkelflauten zusätzlich große Gasspeicher.

Warum es auch fossile Leistung braucht

Vollständig ersetzen könnte Biogas die geplanten Gaskraftwerke nach Ansicht des DBFZ ohnehin nicht. Für ein Stromsystem ohne fossile Kraftwerke werden bis 2045 nach den gängigen Szenarien rund 40 GW an flexibler Kapazität gebraucht. Selbst ein vollständig erhaltener und maximal flexibilisierter Biogasbestand käme nur auf etwa ein Drittel davon. Biogas könnte die geplanten Gaskraftwerke also ergänzen und in Teilen obsolet machen, aber nicht vollständig ersetzen.

Zudem hätte ein deutlich über den heutigen Bestand hinausgehender Ausbau einen Preis, der nicht in Euro gemessen wird. Denn anders als Wind- und Solarparks brauchen Biogasanlagen Nachschub: Gülle, Reststoffe, Energiepflanzen. Wer also mehr Strom aus Biogas will, braucht mehr Substrat und damit mehr Fläche, die anderswo fehlt. „Bei einer Verdreifachung der Leistung muss das Potenzial für die Rohstoffe realistisch betrachtet werden, um Flächenkonkurrenzen zu vermeiden“, sagt Sina Barthel vom DBFZ.

Fazit: Ein Gesetz, zwei Wahrheiten

Regierung und Branche haben auf ihre Weise beide recht. Der Entwurf schreibt ein Ausbauziel von 9,5 GW fest. Nach Berechnung der Bioenergieverbände würde die erzeugte Strommenge unter den angenommenen Bedingungen zugleich um gut ein Drittel sinken. Ob das in Summe ein „Sterbepfad“ ist oder eine „Zukunft im Stromsektor“, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Verbände setzen auf Nachbesserungen durch den Bundestag und fordern ein „Biomassepaket 2.0″. Viel Zeit bleibt nicht: Das Verfahren muss bis Ende 2026 abgeschlossen sein, damit das EEG 2027 wie geplant zum 1. Januar in Kraft treten kann.

Fest steht: Deutschland baut mit Milliardenförderung neue fossile Kraftwerkskapazität auf, während eine bestehende, erneuerbare und flexibilisierbare Kraftwerksflotte im Gigawattmaßstab schrittweise vom Netz zu gehen droht, unwiderruflich, wie die Forschung warnt. Biogas kann die neuen Gaskraftwerke nicht vollständig ersetzen. Aber jedes Gigawatt, das erhalten bleibt, ist eines, das nicht mit importiertem Erdgas betrieben werden muss.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Magnus Schwarz

    Magnus Schwarz schreibt zu den Themen Wasserstoff, Energie und Industrie. Nach dem Studium in Aachen absolvierte er ein Volontariat und war mehrere Jahre als Fachredakteur in der Energiebranche tätig. Seit Oktober 2025 ist er beim VDI Verlag.

Themen im Artikel

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.