65 m über der Schlucht 07.06.2026, 17:42 Uhr

Wie Ingenieure den Landwasserviadukt in den Fels setzten

Der Landwasserviadukt verbindet Ingenieurkunst und Alpenbahn. So entstand das Wahrzeichen der Rhätischen Bahn vor über 120 Jahren.

Ein Zug verlässt den Landwassertunnel und fährt unmittelbar auf den Viadukt

Ein Zug verlässt den Landwassertunnel und fährt unmittelbar auf den Viadukt. Die Kombination aus enger Kurve, Steigung und Natursteinbrücke gilt als Meisterleistung des historischen Eisenbahnbaus.

Foto: picture alliance / pressefoto_korb | Micha Korb

Eine 65 m hohe Steinbrücke, die in einer engen Kurve direkt in einer senkrechten Felswand verschwindet. Eigentlich hätte dieses Bauwerk Anfang des 20. Jahrhunderts gar nicht existieren dürfen. Das Gelände war extrem, das Budget begrenzt und eine Zahnradbahn kam für die Planer nicht infrage.

Trotzdem entstand zwischen 1901 und 1902 mit dem Landwasserviadukt eines der bekanntesten Eisenbahnbauwerke Europas. Bis heute rollen täglich Züge der Rhätischen Bahn über die sechs gemauerten Bögen. Das Bauwerk ist längst ein Wahrzeichen Graubündens. Vor allem aber ist es ein Paradebeispiel dafür, wie Konstrukteure eine schwierige Topografie nicht bekämpfen, sondern konsequent für sich nutzen.

Wenn Sie sich mit der Geschichte des Brückenbaus beschäftigen, wird schnell klar: Der Viadukt ist weit mehr als ein beliebtes Fotomotiv des Glacier Express. Er steht für eine Epoche, in der präzise Vermessung, durchdachte Trassierung und innovative Bautechnik die Alpen nachhaltig veränderten.

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Warum die Planer überhaupt eine Brücke brauchten

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich St. Moritz zu einem der bekanntesten Kurorte Europas. Die Anreise war allerdings mühsam. Wer aus Chur ins Engadin wollte, musste den Julierpass mit der Postkutsche überqueren. Je nach Wetter dauerte die Fahrt zwölf bis 14 Stunden.

Mehrere Bahnprojekte konkurrierten um die beste Lösung. Im Gespräch waren sogar normalspurige Alpenbahnen mit kilometerlangen Tunneln. Letztlich entschied sich die Schweizer Bundesversammlung 1898 jedoch für eine deutlich wirtschaftlichere Variante: eine meterspurige Adhäsionsbahn.

Die Vorgabe an die Planer war unmissverständlich. Die Strecke sollte ohne Zahnstangenabschnitte auskommen. Oberingenieur Friedrich Hennings begrenzte die maximale Steigung deshalb auf 35 ‰. Das machte die Trassierung extrem kompliziert. Zwischen Bergün und Preda musste die Bahn ihren Weg durch Spiraltunnel, Kehren und Brücken künstlich verlängern, um mehr als 1100 Höhenmeter zu überwinden.

Auf nur 61,7 km entstanden so 42 Tunnel und Galerien sowie 144 Brücken. Fast jeder dritte Meter der Strecke verschwindet im Berg. Das anspruchsvollste Bauwerk dieser Linie wurde der Landwasserviadukt.

65 m hoch und trotzdem keine Gerade

Der Landwasserviadukt überspannt die Schlucht des Landwassers zwischen Alvaneu und Filisur. Die eigentliche Steinbogenbrücke misst 136 m, einschließlich des anschließenden Lehnenviadukts rund 142 m. Sechs Bögen mit jeweils 20 m Spannweite tragen die Gleise in 65 m Höhe über den Talboden.

Die eigentliche Besonderheit liegt jedoch nicht in den reinen Abmessungen, sondern in der komplexen Geometrie. Die Brücke verläuft in einem Kreisbogen mit einem engen Radius von nur 100 m. Gleichzeitig steigt die Strecke auf dem Bauwerk um 20 ‰ an.

Die wichtigsten Daten auf einen Blick

Bauzeit: 1901 bis 1902
Inbetriebnahme: 1903
Gesamtlänge: rund 136 m
Höhe über dem Talboden: 65 m
Anzahl der Bögen: 6
Spannweite je Bogen: 20 m
Kurvenradius: 100 m
Steigung: 20 ‰
Spurweite der Albulabahn: 1000 mm

Herausforderung für die Statiker

Für die Statiker bedeutete diese Linienführung eine enorme Herausforderung. Der Viadukt musste nicht nur die vertikalen Lasten der Züge tragen. Durch die Kurvenfahrt wirken beträchtliche Fliehkräfte radial nach außen, kombiniert mit den Brems- und Anfahrkräften in der Steigung.

 Um diese resultierenden Kräfte sicher in den felsigen Untergrund abzuleiten, wurden die Pfeiler nicht nur nach oben hin schlanker dimensioniert, sondern auch asymmetrisch verstärkt. Die Fundamente mussten zudem tief und ohne schützenden Baugrubenverbau im unberechenbaren Flusslauf des Landwassers gegründet werden.

Besonders markant ist das südöstliche Ende der Brücke. Dort verzichteten die Konstrukteure auf eine Übergangsgerade. Das letzte Gewölbe geht unmittelbar in das Portal des 216 m langen Landwassertunnels über. Für Fahrgäste entsteht dadurch der faszinierende Eindruck, als würde der Zug direkt in einer senkrechten Felswand verschwinden.

Das Vermessungsrätsel: Zentimeterarbeit ohne GPS

Wenn Sie die heutige digitale Vermessungstechnik als Maßstab nehmen, grenzt die damalige Leistung an ein Wunder. Wie schafft man es 1901, eine Brücke im 100-Meter-Radius aus einer tiefen Schlucht heraus so exakt aufzumauren, dass sie zentimetergenau im Tunnelportal ankommt?

Die Antwort liegt in einem hochpräzisen, lokalen Triangulationsnetz. Von fixen Visierpunkten an den Schluchträndern aus wurde die Geometrie der Brücke und der einzelnen Pfeiler über mechanische Theodolite und Triangulation auf die Baustelle übertragen. Jede einzelne Steinschicht musste exakt eingemessen werden, da Korrekturen in dieser Höhe und Lage schlicht unmöglich waren.

Von unten wird die Konstruktion des Landwasserviadukts besonders deutlich sichtbar: Sechs Natursteinbögen überspannen die Schlucht, bevor die Bahnstrecke direkt im Fels verschwindet. Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | Ulrich Stamm/Geisler-Fotopress

Bauen ohne Riesengerüst: Die Methode Acatos

Für die Ausführung des Bauwerks war der junge Bauingenieur Alexander Pericles Acatos verantwortlich. Als Sektionsingenieur der Rhätischen Bahn betreute er den technisch anspruchsvollsten Abschnitt zwischen Surava und Filisur. Die größte Hürde war dabei nicht der Bau der Gewölbe, sondern das Aufmauern der bis zu 65 m hohen Pfeiler.

Ein durchgehendes Holzgerüst von der Talsohle aus hätte enorme Mengen an Holz verschlungen und wäre bei den regelmäßig auftretenden Hochwassern der Schlucht akut einsturzgefährdet gewesen. Acatos entschied sich daher für eine wegweisende Kombination aus Stahl- und Mauerwerksbau:

In den Achsen der drei höchsten Pfeiler wurden schlanke Eisengittertürme errichtet. Diese dienten gleichzeitig als Arbeitsgerüst, Richtgestell und Führung für den Materialaufzug. Das Natursteinmauerwerk wurde anschließend Schicht für Schicht als „verlorene Rüstung“ um diese Stahlkonstruktionen herum hochgezogen – die Gittertürme verblieben dauerhaft im Kern der Pfeiler.

Für den Materialtransport spannte das Bauteam zwischen den Turmspitzen eine hölzerne Kranbahn. Elektrisch betriebene Winden hoben Steine und Mörtel direkt aus der Schlucht auf die jeweilige Arbeitsebene. Erst nachdem alle Pfeiler ihre volle Höhe erreicht hatten, kamen für das Ausmauern der sechs Bögen klassische, hölzerne Lehrgerüste zum Einsatz.

Warum der Viadukt nach über 120 Jahren noch steht

Dass der Landwasserviadukt die Zeiten überdauert hat, liegt an der klugen Materialwahl. Die Bauleute verwendeten überwiegend lokalen Kalkdolomit aus nahegelegenen Steinbrüchen. Als Bindemittel kam ein hydraulischer Kalkmörtel zum Einsatz. Dieser besitzt die Eigenschaft, auch unter feuchten Bedingungen im Inneren des Mauerwerks hohe Festigkeiten zu entwickeln, behält gleichzeitig aber eine gewisse Elastizität.

Gerade im Hochgebirge mit seinen extremen Frost-Tau-Wechseln erwies sich diese Flexibilität als Lebensversicherung für die Brücke. Der Mörtel kann die temperaturbedingten Spannungen des Bauwerks aufnehmen, ohne dass das Gestein sprengt.

Wie gut die Substanz tatsächlich war, zeigte sich bei der ersten umfassenden Generalsanierung im Jahr 2009. Nach über einem Jahrhundert intensiver Nutzung war die Tragstruktur vollkommen intakt. Die größte bauliche Herausforderung der Moderne war hier vor allem logistischer Natur: Die Sanierung des Mauerwerks, der Einbau neuer Beton-Fahrbahnplatten und die Erneuerung der Abdichtungen erfolgten komplett unter rollendem Rad – also nachts und in den kurzen Zugpausen, um den Fahrplan nicht zu unterbrechen.

Vom Fluss Landwasser aus zeigt sich die markante Konstruktion des Viadukts in ihrer ganzen Größe. Sechs Natursteinbögen tragen die Bahnstrecke hoch über der Schlucht.  Foto: picture alliance / Udo Bernhart | Udo Bernhart

Ein zeitloses Zeugnis der Ingenieurkunst

Der Landwasserviadukt entstand primär als wirtschaftliches Infrastrukturprojekt, um die Region touristisch und logistisch zu erschließen. Heute ist er ein weltweit bekanntes Kulturdenkmal.

Seine eigentliche Bedeutung liegt jedoch im ingenieurtechnischen Wert. Das Bauwerk demonstriert eindrucksvoll, wie Fachleute bereits vor mehr als 120 Jahren komplexe statische, geologische und logistische Großprobleme ohne digitale CAD-Planung, schwere Baumaschinen oder moderne Verbundwerkstoffe lösen konnten.

Die Erbauer versuchten nicht, die Natur mit brachialer Gewalt zu bezwingen. Sie passten ihre Konstruktion so konsequent und intelligent an die Topografie an, dass aus einer rein technischen Notwendigkeit eine zeitlose Ikone des Brückenbaus wurde.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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