Für Infineon, TSMC und Co. 10.07.2026, 08:41 Uhr

67.000 m³ pro Tag: Chipfabriken in Dresden brauchen eigenes Wassersystem

Dresdens Chipindustrie wächst rasant. Ein neues Flusswasserwerk soll ab 2030 täglich bis zu 67.000 m³ Industriewasser liefern.

ESMC-Baustelle in Dresden

Auf der ESMC-Baustelle in Dresden entsteht eine neue Chipfabrik. Der Ausbau des Halbleiterclusters erhöht zugleich den Bedarf an Industrie- und Reinstwasser.

Foto: picture alliance / imageBROKER | Sylvio Dittrich

Infineon hat Anfang Juli in Dresden die größte Einzelinvestition seiner Unternehmensgeschichte eröffnet. Rund 5 Mrd. € stecken in der neuen Smart Power Fab. Sie verdoppelt die Produktionskapazität des Unternehmens am Standort und schafft etwa 1000 neue Arbeitsplätze.

In dem Werk entstehen Leistungshalbleiter sowie Analog- und Mixed-Signal-Chips. Sie werden unter anderem in KI-Rechenzentren, Solaranlagen, Windkraftanlagen, Elektroautos und Industrieanlagen eingesetzt. Doch mit neuen Reinräumen und Fertigungsanlagen allein ist der Ausbau des Halbleiterstandorts nicht getan.

Die Fabriken im Dresdner Norden brauchen große Mengen Wasser. Deshalb baut SachsenEnergie eine separate Industriewasserversorgung auf, die das Trinkwassersystem entlasten soll. Kernstück ist ein neues Flusswasserwerk an der Elbe. HOCHTIEF hat den Auftrag erhalten, die Anlage zu planen und zu bauen. Das Auftragsvolumen liegt im dreistelligen Millionenbereich.

Ab 2030 soll das Werk in Spitzenzeiten bis zu 67.000 m³ Industriewasser pro Tag bereitstellen.

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Der Wasserbedarf steigt deutlich

Dresden ist bereits heute der größte Halbleiterstandort Europas. Neben Infineon produzieren dort unter anderem GlobalFoundries und Bosch. Hinzu kommt die neue Fabrik von ESMC, einem Gemeinschaftsunternehmen von TSMC, Bosch, Infineon und NXP.

Mit den Produktionskapazitäten wächst auch der Wasserbedarf. Nach Angaben von SachsenEnergie benötigt Dresden derzeit durchschnittlich rund 125.000 m³ Wasser pro Tag. Etwa 27 % davon entfallen auf die Halbleiterindustrie.

Bis 2030 rechnet der Versorger mit einem Anstieg auf durchschnittlich 165.000 m³ pro Tag. Der Anteil der Chipindustrie könnte dann bei rund 45 % liegen.

Das bestehende Versorgungssystem stößt damit langfristig an Grenzen. Industrie und Bevölkerung greifen bislang weitgehend auf dieselbe Trinkwasserinfrastruktur zurück. Das neue Flusswasserwerk soll zusätzliche Kapazitäten schaffen und große Industriekunden stärker vom Trinkwassernetz abkoppeln.

Vollständig neu ist die Industriewasserversorgung allerdings nicht. Infineon nutzt in der Smart Power Fab bereits Industriewasser statt Trinkwasser. Bis das Flusswasserwerk 2030 in Betrieb geht, müssen die vorhandenen Anlagen und Leitungen die wachsende Nachfrage abdecken.

Vom Elbwasser bis zur Chipfabrik

Das neue System besteht aus mehreren Bauwerken. Direkt an der Elbe entsteht zunächst ein weitgehend unterirdisches Entnahmebauwerk. Rechen und Siebe halten dort größere Fremdstoffe und Treibgut wie Äste oder Laub zurück.

Hinter dem Deich nimmt ein Pumpwerk das Rohwasser auf. Von dort wird es unterirdisch zum eigentlichen Flusswasserwerk im Dresdner Stadtteil Übigau transportiert.

Dort wird das Elbwasser für die industrielle Nutzung aufbereitet. Welche mechanischen, chemischen oder physikalischen Verfahren nach der ersten Vorreinigung eingesetzt werden, hat SachsenEnergie bislang nicht im Detail veröffentlicht.

Anschließend gelangt das Wasser über neue Transportleitungen zu den Fabriken im Dresdner Norden. Zum Gesamtsystem gehören damit nicht nur das Wasserwerk selbst, sondern auch Entnahmebauwerk, Pumpwerk, Leitungsnetz und die spätere Abwasserbehandlung.

Bei maximaler Leistung könnte die Anlage jede Stunde knapp 2800 m³ Wasser bereitstellen. Auf einen kontinuierlichen Betrieb umgerechnet entspricht das einem Volumenstrom von rund 0,78 m³/s. Die 67.000 m³ pro Tag sind allerdings eine Spitzenleistung und nicht zwingend die durchschnittliche Tagesmenge.

Industriewasser ist noch kein Reinstwasser

Das Flusswasserwerk liefert kein fertiges Reinstwasser für die Halbleiterproduktion. Es stellt zunächst Industriewasser bereit, das die Chipfabriken in eigenen Anlagen weiter aufbereiten.

In der Halbleiterfertigung wird Wasser unter anderem zum Spülen von Wafern und zum Entfernen chemischer Rückstände benötigt. Partikel, Salze, organische Stoffe oder gelöste Gase können empfindliche Prozessschritte stören.

Die Anforderungen unterscheiden sich je nach Fertigungsstufe. Deshalb führen moderne Chipfabriken mehrere Wasserströme mit unterschiedlicher Qualität. Ein Teil wird intern erneut aufbereitet und wiederverwendet.

Infineon strebt für die Smart Power Fab bis 2033 eine interne Recyclingquote von bis zu 45 % an. Diese Zahl bezieht sich auf die Rückgewinnung der eingesetzten Energie, nicht auf eine interne Wasserrecyclingquote. Zum Wasser schreibt Infineon, dass rund 90 % wieder dem Kreislauf zugeführt werden sollen.

Der erste Standort war zu klein

Ursprünglich sollte das Flusswasserwerk auf einem rund 13.000 m² großen Grundstück westlich der Washingtonstraße entstehen. Während der Entwurfsplanung zeigte sich jedoch, dass die Fläche nicht ausreicht.

Die einzelnen Komponenten hätten teilweise übereinandergestapelt werden müssen. Nach Angaben von SachsenEnergie hätte das die Bauzeit verlängert, die Kosten erhöht und den späteren Betrieb erschwert.

Seit Oktober 2025 steht deshalb eine rund 16.000 m² große Fläche nördlich des Rasthofs Elbaue zur Verfügung. Der neue Standort ist besser vor Hochwasser geschützt. Außerdem lassen sich die Anlagenteile dort nach Angaben des Versorgers einfacher bauen und effizienter betreiben.

Die äußere Form des Wasserwerks folgt den einzelnen Aufbereitungsstufen. Der Baukörper wird kaskadenartig abgestuft. Das Dach soll größtenteils begrünt werden. Das höchste Gebäudeteil erreicht rund 18 m.

Die Architektur spielt für die Funktion nur eine Nebenrolle. Entscheidend ist, dass der größere Standort genügend Platz für Bau, Betrieb und spätere Erweiterungen bietet. Wie diese Erweiterungen technisch vorbereitet werden, ist bislang nicht bekannt.

Rund 80 % sollen zurück in die Elbe

Nach der Nutzung gelangt das Industrieabwasser über die Stadtentwässerung zur Reinigung. Anschließend soll ein großer Teil wieder in die Elbe eingeleitet werden.

SachsenEnergie spricht von rund 80 % des genutzten Wassers. Vollständig geschlossen ist der Kreislauf damit nicht. Rund 20 % werden demnach nicht unmittelbar über die Stadtentwässerung zurückgeführt. Wie sich dieser Anteil auf Verdunstung, betriebliche Verluste und andere Stoffströme verteilt, geht aus den veröffentlichten Angaben nicht hervor.

Nach Berechnungen von SachsenEnergie sollen selbst bei Niedrigwasser weniger als 0,2 % des durch Dresden fließenden Elbwassers entnommen werden. Der Versorger legt allerdings nicht offen, welcher Niedrigwasserabfluss dieser Rechnung zugrunde liegt und ob die Rückführung bereits berücksichtigt ist.

Neben der Wasserversorgung muss deshalb auch die Abwasserinfrastruktur wachsen. Steigt die Produktion im Dresdner Norden, nehmen nicht nur die benötigten Wassermengen zu. Auch Sammler, Pumpwerke und Kläranlagen müssen die zusätzlichen Abwasserströme aufnehmen und behandeln können.

HOCHTIEF plant und baut die Anlage

HOCHTIEF übernimmt das Projekt als Generalübernehmer. Der Auftrag umfasst den Hochbau, die Anlagen- und Verfahrenstechnik sowie die schlüsselfertige Lieferung des Wasserwerks.

Nach der Fertigstellung ist ein einjähriger Probebetrieb vorgesehen. Hinzu kommt ein mehrjähriger Wartungsvertrag.

Das Projekt wird in einem zweistufigen Vergabemodell umgesetzt. Die Planungsphase läuft bis April 2028. Der Baubeginn ist bereits für Mitte 2027 vorgesehen. Frühe Bauabschnitte können damit starten, während andere Teile der Anlage noch detailliert geplant werden. Die Inbetriebnahme soll 2030 erfolgen.

Ohne Wasserinfrastruktur kein weiterer Ausbau

Die neue Infineon-Fabrik zeigt, welche Dimension der Ausbau des Dresdner Halbleiterclusters erreicht hat. Infineon investiert 5 Mrd. € und verdoppelt seine Kapazitäten. Gleichzeitig entsteht mit ESMC bereits das nächste große Werk.

Damit steigt der Druck auf die technische Infrastruktur. Bis 2030 muss SachsenEnergie nicht nur das Flusswasserwerk errichten. Auch Entnahmebauwerk, Pumpwerk, Leitungen und Abwassersystem müssen rechtzeitig bereitstehen.

Erst dann kann Dresden die Versorgung der wachsenden Chipindustrie dauerhaft stärker vom Trinkwassersystem trennen.

Quellen zum Flusswasserwerk und zur Dresdner Chipindustrie

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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