Ohne Nägel, ohne deutsche Pläne: Wie eine vietnamesische Pagode in Sachsen entsteht
Ein buddhistischer Tempel aus Vietnam entsteht derzeit im sächsischen Taucha – komplett ohne Schrauben und Nägel. Doch bevor die traditionelle Holzkonstruktion aufgebaut werden konnte, mussten Visa-Probleme, fehlende Statiknachweise und deutsches Baurecht überwunden werden.
In dem Hauptgebäude der buddhistischen Pagode aus rotem Lärchenholz erklärt der praktizierende Buddhist und Initiator des Tempels, Quang Ninh Dao (M), dem Bürgermeister der Stadt, Tobias Meier (FDP, l) und dem Architekten Marco Stelzel (R) die Anordnung verschiedener heiliger Tiere im Gebäude.
Foto: picture alliance/dpa | Waltraud Grubitzsch
Wer derzeit die Baustelle in Taucha bei Leipzig besucht, sieht eine Bauweise, die man so in Deutschland eher seltener sieht. Balken werden mit Zapfenverbindungen gefügt, Metallverbinder sucht man vergeblich. Errichtet wird eine traditionelle vietnamesische Pagode, die bereits 2018 vollständig in Vietnam gefertigt, anschließend wieder zerlegt und in neun Containern nach Deutschland verschifft wurde.
Dass der Tempel heute überhaupt gebaut werden kann, empfinden die Beteiligten fast als kleines Wunder. Die Grundidee entstand bereits 2013 – gemeinsam zwischen Thích Minh Tuệ, Abt der Vạn-Niên-Pagode in Hanoi, und dem im Taucha lebenden Quang Vinh Dao. 2017 wurde der Grundstein gelegt, 2018 erreichten die in Vietnam vorgefertigten Holzelemente Taucha.
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Ein Tempel wartet auf seinen Aufbau
Doch das Projekt lag anschließend zunächst still. Der Grund: Die erfahrenen Zimmerleute mussten aus Vietnam anreisen. Sie sind die einzigen, die diese traditionelle Bauweise beherrschen. Teamleiter Nguyễn Văn Tuấn und seine Kollegen tragen den Montageablauf der gesamten Konstruktion im Kopf. Gemeinsam mit weiteren Kunsthandwerkern fertigten sie über drei Jahre sämtliche Holzteile in Vietnam von Hand. Pläne nach deutschem Standard? Fehlanzeige.

Das Wissen wird seit Generationen mündlich weitergegeben, eine formale Ausbildung oder anerkannte Abschlüsse gibt es nicht. Genau das erschwerte die Beantragung der Arbeitsvisa erheblich. Die Handwerker durften bis Juni 2026 nicht nach Deutschland einreisen.
„Das ist wie bei den mittelalterlichen Bauhütten in Europa“, erklärt der Architekt des Projekts Marco Stelzel. „Damals gab es ebenfalls kein vollständiges statisches Regelwerk, sondern Erfahrungswissen der Handwerker.“
In Vietnam wuchs währenddessen die Sorge um das Bauwerk. „Der Tempel ist ein Geschenk aus Vietnam und liegt jetzt seit so langer Zeit hier herum. Die Vietnamesen dachten schon, er wäre kaputt“, sagt Stelzel.
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Traditionelle Baukunst trifft deutsches Baurecht
Für den Tempel existierten lediglich handgezeichnete Pläne mit Winkel- und Zirkelmaßen. „Es gibt keinen (deutschen) Plan und keine (deutsche) Bauzeichnung. Die Arbeiter haben alles im Kopf“, sagt Dao. Gemeint sei damit vor allem der Montageablauf. Ein Statiknachweis fehlte vollständig. Deshalb musste die gesamte Konstruktion nach deutschem Baurecht statisch neu berechnet werden, bevor überhaupt eine Baugenehmigung möglich war.
Die wenigen handgezeichneten Pläne aus Vietnam mussten also zunächst übersetzt und an die deutschen Bauvorlagen angepasst werden. Statik, Genehmigungsplanung und technische Koordination wurden dafür von deutschen Fachplanern übernommen. Erst nachdem die Standsicherheit nachgewiesen war, konnte die erste Baugenehmigung erteilt werden.
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Die zweite Baugenehmigung
Eigentlich war der Tempel schon genehmigt. Doch weil sich der Baustart über Jahre verzögerte, verlor die ursprüngliche Baugenehmigung ihre Gültigkeit. Das Verfahren musste vollständig ein zweites Mal durchlaufen werden.
Die erneute Genehmigung verlief schließlich überraschend unkompliziert: „Wir sind froh und glücklich, dass wir es nach vielen Jahren gemeinsam geschafft haben, eine Lösung zu finden, unter welchen Bedingungen die Handwerker nach Deutschland kommen dürfen“, sagt Stelzel. Dass dies gelungen sei, sei keineswegs selbstverständlich gewesen. „Ein Geschenk aufzubauen, das nicht gewerblich betrieben wird, sondern religiösen Zwecken dient – dafür gab es keine einfache Lösung nach deutschem Recht.“
Geholfen habe dabei auch, dass die Behörden mit einem erfahrenen Architekten zusammenarbeiteten. „Als bekannter Architekt genießt man natürlich einen gewissen Vertrauensvorschuss“, sagt er. Auf die fachliche Prüfung habe das allerdings keinen Einfluss gehabt. Die Baustelle werde regelmäßig kontrolliert, um sicherzustellen, dass die Ausführung den genehmigten Unterlagen entspricht.

Stelzel erzählt dann: Ein Diskussionsthema drehte sich schließlich nicht um die außergewöhnliche Holzbauweise, sondern um die Entwässerung. Traditionelle vietnamesische Pagoden besitzen keine Dachrinnen. Stattdessen läuft Regenwasser über die weit auskragenden Dächer seitlich ab. „Das war schwieriger zu erklären als zunächst angenommen.“
Einer der letzten Tempel dieser Art
Nach Angaben der Projektbeteiligten zählt die Pagode zu den größten traditionellen Tempeln außerhalb Vietnams und zugleich zu den letzten, die noch in klassischer Handarbeit gefertigt wurden.
Die traditionelle Bauweise stößt auch in Deutschland auf großes Interesse. Laut Stelzel unterstützten mehrere Zimmerleute auf der Walz den Aufbau freiwillig und unentgeltlich: „Die lernen hier, wie man es früher gemacht hat.“

Seit Anfang Juni setzen vier der vietnamesischen Bauexperten den Tempel in Taucha nun Stück für Stück zusammen.
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