Vom Schloss in den Holzmodulbau: So entstand Steinmeiers neuer Amtssitz
Fünf Holzmodulgeschosse, ein massiver Sockel und Säle im Dachgeschoss: So wurde der neue Amtssitz des Bundespräsidenten konstruiert.
Probesitzen am neuen Schreibtisch: Am 10. Juli hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seinen neuen Amtssitz am Spreebogen bezogen.
Foto: picture alliance / dts-Agentur | dts Nachrichtenagentur GmbH
Der Bundespräsident muss künftig wohl öfter mal den Fahrstuhl nehmen. Und nicht nur er: Staatsgäste, Journalisten, das Sicherheitspersonal und sogar das edle Filet für das Staatsbankett teilen sich künftig drei Aufzüge, um in die repräsentativen Räume im sechsten Obergeschoss zu gelangen. Gekocht wird nämlich im Erdgeschoss, angerichtet ganz oben.
Was logistisch nach einem Albtraum für jedes Protokollteam klingt, führt uns mitten hinein in die hochkomplexe Konstruktion des neuen „Amtssitzes am Spreebogen“ in Berlin-Moabit. Das Gebäude ist Bürohaus, Veranstaltungsort und Hochsicherheitsbereich in einem.
Seit dem 10. Juli 2026 arbeitet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier offiziell hier. Während an Schloss Bellevue die Standarte eingeholt wurde, prägen nun Sichtbeton, sichtbares Holz und kräftige Farben das Bild. Technisch ist der Wechsel ein echter Meilenstein: Ein mehrgeschossiger Holz-Hybridbau mit hohem Vorfertigungsgrad. Doch hat der serielle Bau gehalten, was er verspricht? Schauen wir uns die Details an.
Inhaltsverzeichnis
- Warum überhaupt ein Neubau in Moabit?
- Der Amtssitz am Spreebogen im Überblick
- Das Konstruktionsprinzip: Unten Masse, oben Module
- Drei Aufzüge als logistisches Nadelöhr
- Kosten, Termine und Verträge: Die Realität der Vorfertigung
- Der Nachhaltigkeits-Check: Was bringt „Effizienzgebäude Bund 40“?
- Das Fazit: Der eigentliche Praxistest kommt erst noch
Warum überhaupt ein Neubau in Moabit?
Schloss Bellevue und das dazugehörige Verwaltungsgebäude sind Sanierungsfälle. Fassaden, Gebäudetechnik, Brandschutz, Barrierefreiheit – hier muss einmal alles auf links gedreht werden. Da eine Sanierung im laufenden Betrieb unmöglich war, musste ein Ausweichquartier her. Da auf dem Berliner Immobilienmarkt kein Bestandsgebäude den extremen Sicherheits- und Repräsentationsanforderungen entsprach, wurde neu gebaut.
Wichtig zu wissen: Der Begriff „Übergangsquartier“ täuscht. Nur die Nutzung durch den Bundespräsidenten ist temporär (geplant sind vorerst fünf Jahre). Nach der Rückkehr nach Bellevue zieht eine andere Bundesbehörde ein. Es handelt sich also keineswegs um ein Provisorium, das später abgerissen wird, sondern um eine nachhaltige Investition.
Der Amtssitz am Spreebogen im Überblick
| Merkmal | Daten & Fakten |
| Standort | Alt-Moabit / Elisabeth-Abegg-Straße, Berlin |
| Brutto-Grundfläche | rund 18.700 m² (Nutzungsfläche: ca. 9.900 m²) |
| Kapazitäten | 179 Büros, 250 Arbeitsplätze |
| Konstruktion | Stahlbetonsockel, 5 Geschosse Holzmodule, Dachgeschoss in Holz-Elementbauweise |
| Bauzeit | April 2023 bis Frühjahr 2026 (Übergabe im Juni 2026) |
| Projektkostenziel | rund 205 Mio. € |
Das Konstruktionsprinzip: Unten Masse, oben Module
Das Gebäude zeigt par excellence, wie moderner Hybridbau funktioniert – und wo die Grenzen der Standardisierung liegen.
- Der Sockel: Besteht aus massivem Stahlbeton und fängt die statischen sowie sicherheitstechnischen Lasten ab.
- Die Regelgeschosse: Über fünf Etagen stapeln sich vorgefertigte Holzraummodule. Diese wurden inklusive erster Einbauten im Werk produziert, per Lkw angeliefert und vor Ort montiert. Das verlagert die Arbeit wettergeschützt in die Halle und spart theoretisch Zeit.
- Das Dachgeschoss: Hier stieß das Modulraster an seine Grenzen. Weil im 6. OG die großen, repräsentativen Säle und Veranstaltungsflächen liegen, wurde hier auf eine freie, raumbildende Holzrahmenbauweise gesetzt.
Das Gebäude liefert den perfekten Praxisbeweis für das Einmaleins des Modulbaus. Sich wiederholende Büros lassen sich einfach vorfertigen. Sondernutzungen, große Raumhöhen und repräsentative Säle verlangen dagegen nach wie vor die individuelle Handarbeit vor Ort.

Drei Aufzüge als logistisches Nadelöhr
Die Entscheidung, die Repräsentationsräume ganz nach oben zu legen, sorgt für eine logistische Herkulesaufgabe. Während in Schloss Bellevue die Küche direkt neben dem Saal lag, trennen die Speisen hier Welten. Schockfroster und Herde stehen im Erdgeschoss, im Dachgeschoss gibt es nur noch eine Anrichte.
Wenn nun zeitgleich Staatsgäste eintreffen, Journalisten ihre Technik transportieren, das BKA die Zugänge sichert und die Suppe heiß oben ankommen soll, müssen die drei Aufzüge perfekt getaktet sein. Ein Holzmodulbau für das Staatsoberhaupt ist eben kein Standard-Verwaltungsbau von der Stange.

Kosten, Termine und Verträge: Die Realität der Vorfertigung
Die Modulbau-Branche wirbt gerne mit dem Versprechen: Schneller, billiger, planbarer. Der Amtssitz am Spreebogen zeigt, dass die Realität der öffentlichen Hand oft anders aussieht.
1. Die Bauzeit: Schneller ja, aber nicht rasant
Beim Stapelfest im November 2024 wurde noch eine Bauzeit von unter zwei Jahren anvisiert. Am Ende wurden es von Baubeginn (April 2023) bis Fertigstellung (Frühjahr 2026) knapp drei Jahre. Das entkräftet den Vorteil der Vorfertigung nicht komplett – ein konventioneller Bau hätte vermutlich noch länger gedauert –, aber es zeigt: Planung, Erschließung, Spezialtiefbau und die hochkomplexe Sicherheitstechnik lassen sich nicht wegbeschleunigen.
2. Die Kosten: 205 Millionen Euro unter der Lupe
Das Projektkostenziel liegt bei rund 205 Mio. € (davon 178 Mio. € reine Baukosten und 27 Mio. € Risikovorsorge). Rechnet man das auf die Bruttogrundfläche um, landen wir bei knapp 11.000 €/m². Ein extrem hoher Wert, der sich jedoch durch die Sondernutzung (Gastronomie, Veranstaltungstechnik, BKA-Sicherheitsstandards) erklärt. Hinzu kommt eine jährliche Miete von rund 16 Mio. € an die bundeseigene BImA.
3. Neuer Vergabeweg: Integrierte Projektabwicklung (IPA)
Spannend für alle Bauökonomen: Der Bund wählte einen Mehrparteienvertrag. Planer (Sauerbruch Hutton / Drees & Sommer), Bauunternehmen (Kaufmann Bausysteme / Primus Developments) und der Bauherr (BBR) saßen von Anfang an in einem Boot. Beim Modulbau ist das fast zwingend erforderlich, da jede Leitung und jeder Anschluss vor Produktionsstart im Werk final feststehen muss. Späte Änderungen sind im Modulbau der absolute Budgetkiller.

Der Nachhaltigkeits-Check: Was bringt „Effizienzgebäude Bund 40“?
Das Gebäude nutzt Photovoltaik, Fernwärme und unterschreitet die gesetzlichen Anforderungen beim Primärenergiebedarf laut BImA deutlich. Oft ist von 60 % Einsparung die Rede.
Zu beachten: Diese 60 % beziehen sich auf ein theoretisches, gesetzliches Referenzgebäude. Wie energieeffizient der Holz-Hybridbau wirklich ist, werden erst die realen Verbrauchsdaten der kommenden Jahre im laufenden Betrieb zeigen.
Das Fazit: Der eigentliche Praxistest kommt erst noch
Architektonisch und bautechnisch ist der Amtssitz am Spreebogen ein extrem spannendes Projekt. Er beweist, dass moderne Holz-Vorfertigung auch im Hochsicherheits- und Repräsentationsbau der öffentlichen Hand angekommen ist.
Ob das Projekt mit seinen 205 Mio. € Kosten am Ende aber wirklich als Vorbild für künftige Bundesbauten taugt, entscheidet sich nicht heute. Der wahre Praxistest für die Flexibilität des Modulbaus folgt erst, wenn Frank-Walter Steinmeier wieder nach Bellevue auszieht und das Gebäude für eine klassische Bundesbehörde mit völlig anderen Raumbedürfnissen umgebaut werden muss. Erst dann sehen wir, ob die Flexibilität der nichttragenden Innenwände das hält, was die Broschüren versprechen.
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