Magnitude 7,4 11.08.2026, 09:30 Uhr

Mehr als 100 km tief: Warum Kolumbiens Erdbeben trotzdem verheerend wirkte

Kolumbiens Erdbeben hatte Magnitude 7,4 und lag 103 km tief. Warum die Erschütterungen trotzdem Gebäude schwer beschädigen konnten.

Schwere Gebäudeschäden nach dem Erdbeben in Kolumbien

Schwere Gebäudeschäden nach dem Erdbeben in Kolumbien: Teile mehrgeschossiger Wohnhäuser sind vollständig eingestürzt. Welche konstruktiven Schwachstellen, Bodenbewegungen oder lokalen Untergrundbedingungen zu den einzelnen Einstürzen führten, müssen Fachleute noch untersuchen.

Foto: picture alliance / Anadolu | Alexis Munera

Mehr als 100 km unter dem Westen Kolumbiens begann das schwere Erdbeben vom Montag. Obwohl seismische Wellen auf dem Weg zur Oberfläche an Stärke verlieren, waren die Auswirkungen enorm: Häuser stürzten ein, Krankenhäuser und Schulen wurden beschädigt. Wie kann ein Beben aus dieser Tiefe noch so große Zerstörungen anrichten?

Das Erdbeben ereignete sich am 10. August um 7:34 Uhr Ortszeit. Der Servicio Geológico Colombiano (SGC) bestimmte eine Magnitude von 7,4 und eine Herdtiefe von 103 km. Das Epizentrum lag bei San José del Palmar im Departamento Chocó. Nach Angaben des geologischen Dienstes war es das stärkste in Kolumbien im 21. Jahrhundert registrierte Erdbeben. Der US Geological Survey (USGS) kommt ebenfalls auf Magnitude 7,4, verortet den Herd aber etwas tiefer bei rund 107 km.

Die Bilanz ist verheerend: Nach Angaben der Tagesschau vom frühen Morgen des 11. August waren mindestens 111 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 1500 Wohnhäuser wurden schwer beschädigt, rund 60 Gebäude stürzten vollständig ein. Auch 18 Krankenhäuser und 52 Schulen meldeten Schäden. Das volle Ausmaß der Katastrophe war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar.

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103 km gelten noch nicht als „tiefes“ Erdbeben

103 km Herdtiefe klingt extrem. Seismologen sprechen dabei allerdings noch nicht von einem tiefen, sondern von einem intermediär tiefen Erdbeben. Für die Auswirkungen an der Oberfläche ist die Entfernung trotzdem erheblich.

Wie tief ist ein Erdbeben?

  • bis 70 km: oberflächennah
  • 70 bis 300 km: intermediär tief
  • 300 bis 700 km: tief

Warum waren die Erschütterungen in Kolumbien trotzdem so deutlich zu spüren?

Der Servicio Geológico Colombiano verweist vor allem auf die hohe Magnitude von 7,4. Ein Beben dieser Größenordnung kann trotz großer Herdtiefe ein weites Gebiet erschüttern. Wie groß die Reichweite war, zeigen die Meldungen aus der Bevölkerung: Mehr als 12.000 Menschen aus rund 900 Orten berichteten dem SGC von spürbaren Erschütterungen. Selbst aus Panama und Venezuela gingen Meldungen ein.

Warum lag der Erdbebenherd mehr als 100 km tief?

Der Grund liegt in der Plattentektonik vor der Westküste Kolumbiens. Dort taucht die ozeanische Nazca-Platte unter die Südamerikanische Platte ab. Dieser als Subduktion bezeichnete Prozess sorgt dafür, dass die Region besonders erdbebenaktiv ist.

Erdbeben entstehen dabei nicht nur direkt an der Grenze zwischen den beiden Platten. Die absinkende Nazca-Platte reicht weit in den Erdmantel hinein. Auch innerhalb dieser Platte können sich Spannungen aufbauen und plötzlich lösen. Genau dort treten nach Angaben des USGS viele Erdbeben mit Herdtiefen von mehr als 70 km auf.

So lässt sich erklären, warum das kolumbianische Beben seinen Ursprung in rund 103 km Tiefe hatte. Offen bleibt damit aber noch eine andere Frage: Warum waren die Schäden an der Oberfläche von Ort zu Ort so unterschiedlich?

Magnitude 7,4 heißt nicht überall gleich starke Erschütterungen

Die Magnitude 7,4 beschreibt die Größe des Erdbebens. Wie stark es an einem bestimmten Ort tatsächlich zu spüren ist, sagt diese Zahl allein aber noch nicht.

Dafür gibt es die Intensität. Sie beschreibt die Auswirkungen eines Bebens an einem konkreten Standort – etwa auf Menschen, Gegenstände, Natur und Gebäude. Deshalb kann die Intensität selbst innerhalb derselben Region deutlich schwanken.

Für das Beben in Kolumbien meldete der Servicio Geológico Colombiano eine maximale Intensität von 7 auf der Europäischen Makroseismischen Skala EMS-98. Diese Stufe ist mit schweren Schäden verbunden.

Wichtig ist: Die Intensität ist keine direkt gemessene Bodenbeschleunigung, sondern eine Bewertung der beobachteten Auswirkungen.

Für ein einzelnes Gebäude ist die Magnitude von 7,4 deshalb nur ein Teil der Antwort. Entscheidend ist, welche Bodenbewegung seinen Standort tatsächlich erreicht.

Warum zwei Häuser dasselbe Beben ganz unterschiedlich erleben

Wie stark ein Gebäude bei einem Erdbeben beansprucht wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Entscheidend sind unter anderem die Entfernung zur Bruchzone, der Untergrund, die Dauer der Erschütterung und die Frequenzen der seismischen Wellen.

Denn der Boden schwingt bei einem Erdbeben nicht in einem einzigen Takt. Die Wellen enthalten ein breites Frequenzspektrum. Welche Anteile davon an einem bestimmten Standort besonders stark ankommen, kann für ein Gebäude entscheidend sein.

Hinzu kommt: Jedes Tragwerk hat seine eigene Dynamik.

  • Niedrige und relativ steife Gebäude reagieren stärker auf eher hochfrequente Bewegungen.
  • Hohe und flexible Bauwerke sind empfindlicher gegenüber längerperiodischen, niedrigeren Frequenzen.

Treffen starke Bodenbewegungen auf einen Frequenzbereich, in dem ein Gebäude besonders leicht schwingt, kann sich seine Reaktion deutlich verstärken.

Deshalb reicht die Magnitude eines Erdbebens für die Bemessung nicht aus. Tragwerksplaner arbeiten unter anderem mit Antwortspektren. Sie zeigen, wie stark Bauwerke mit unterschiedlichen Eigenperioden auf eine bestimmte Bodenbewegung reagieren.

Das erklärt, warum ein dreigeschossiges Mauerwerksgebäude ein Beben ganz anders erleben kann als ein Hochhaus – selbst wenn beide nur wenige Straßen voneinander entfernt stehen.

Rettungskräfte suchen in den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes nach Verschütteten
Rettungskräfte suchen in den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes nach Verschütteten. Das Erdbeben der Magnitude 7,4 verursachte in Kolumbien schwere Schäden; warum einzelne Tragwerke versagten, müssen Untersuchungen erst zeigen. Foto: picture alliance / Anadolu | Edwin Rodriguez Pipicano

Auch der Untergrund spielt eine wichtige Rolle

Nicht nur das Gebäude selbst entscheidet darüber, wie stark ein Erdbeben wirkt. Auch der Boden darunter kann die Erschütterungen verstärken oder abschwächen.

Weiche Sedimente reagieren anders als fester Fels. Nach Angaben des USGS können lokale Bodenverhältnisse sowohl die Stärke als auch die Dauer der Erschütterungen verändern. Bestimmte Böden verstärken zudem einzelne Frequenzbereiche besonders stark.

Für Cali ist das kein abstraktes Thema. Die Millionenstadt verfügt über eine seismische Mikrozonierung. Dabei wird das Stadtgebiet in Bereiche mit unterschiedlichen seismischen Eigenschaften eingeteilt. Die Karten weisen unter anderem Zonen aus, in denen Bodenverflüssigung oder seitliche Bodenverschiebungen möglich sind. Für die Tragwerksplanung gelten je nach Zone unterschiedliche Bemessungsparameter.

Wichtig ist allerdings: Daraus lässt sich noch nicht ableiten, dass solche Untergrundeffekte die aktuellen Einstürze verursacht haben. Ob lokale Verstärkungen, Bodenverformungen oder Liquefaktion beim Erdbeben vom 10. August tatsächlich eine Rolle spielten, müssen Messdaten und Schadensanalysen erst zeigen.

Warum die Gebäude einstürzten, müssen Untersuchungen erst zeigen

Eingestürzte Häuser liefern zunächst nur ein sichtbares Ergebnis: Das Tragwerk hat versagt. Warum es dazu kam, lässt sich aus Fotos allein aber nicht ableiten.

Fachleute müssen deshalb jedes betroffene Gebäude einzeln untersuchen. Entscheidend sind unter anderem:

  • Baujahr und Tragwerkskonzept
  • verwendete Baustoffe und Bewehrung
  • Fundamentierung
  • Ausführungsqualität
  • baulicher Zustand
  • spätere Umbauten oder zusätzliche Geschosse

Je nach Bauweise suchen Ingenieure nach unterschiedlichen Schadensbildern. Bei Stahlbetonbauten stehen etwa Stützen, Wände und die Verbindungen zwischen Balken und Stützen im Fokus. Bei Mauerwerksgebäuden geht es unter anderem um die Aussteifung und darum, wie gut die einzelnen Bauteile miteinander verbunden sind.

Welche dieser Schwachstellen beim aktuellen Erdbeben tatsächlich zu Einstürzen geführt haben, ist bislang nicht belastbar dokumentiert.

„Zu schwach gebaut“ greift deshalb als Erklärung zu kurz. Warum manche Gebäude einstürzten und andere stehen blieben, lässt sich erst beurteilen, wenn Bauwerk, Untergrund und Messdaten gemeinsam ausgewertet werden.

Kolumbien hat klare Regeln für erdbebensicheres Bauen

Kolumbien verfügt seit Jahren über verbindliche Vorschriften für erdbebengerechtes Bauen. Grundlage ist die NSR-10 – Reglamento Colombiano de Construcción Sismo Resistente. Sie legt fest, welche Anforderungen Gebäude bei Planung und Konstruktion erfüllen müssen.

2023 wurde das Regelwerk erweitert. Neu aufgenommen wurde unter anderem das technische Dokument AIS 410-23. Es richtet sich besonders an Wohnhäuser aus unbewehrtem oder teilweise eingefasstem Mauerwerk und soll deren seismische Verwundbarkeit verringern – auch bei informell errichteten Gebäuden.

Genau hier liegt eine der größten Herausforderungen: Eine moderne Erdbebennorm macht einen älteren Gebäudebestand nicht automatisch sicher.

Noch ist offen, wie alt die jetzt eingestürzten oder schwer beschädigten Häuser waren, nach welchen Vorschriften sie errichtet wurden und welche Bauweisen besonders häufig betroffen sind. Dafür fehlen bislang belastbare Auswertungen.

Erdbebensicher heißt nicht automatisch schadensfrei

Auch ein Gebäude, das nach geltenden Erdbebenvorschriften geplant wurde, muss ein starkes Beben nicht ohne Schäden überstehen. Ziel der Bemessung ist vor allem, ein plötzliches Versagen des Tragwerks und einen Einsturz zu verhindern.

Bei extremen Erschütterungen können deshalb durchaus Risse, Verformungen oder andere Schäden auftreten. Entscheidend ist, dass das Tragwerk ausreichend Reserven besitzt und sich möglichst duktil verhält, statt spröde zu versagen.

Für Bauingenieure beginnt nach dem Beben nun die eigentliche Analyse. Besonders interessant sind Fragen wie:

  • Welche Gebäudetypen haben vergleichsweise gut abgeschnitten?
  • Wo traten die schwersten Schäden auf?
  • Welche Bodenbewegungen wurden dort gemessen?
  • Welche konstruktiven Details machten den Unterschied?

In Cali setzen die Behörden bereits Drohnen ein, um zerstörte Stadtbereiche aus der Luft zu erfassen. Warum einzelne Gebäude eingestürzt sind, lässt sich damit jedoch nicht klären. Dafür müssen Tragwerk, Baugrund und Messdaten genauer untersucht werden.

Das Erdbeben vom 10. August macht deutlich: Eine Herdtiefe von mehr als 100 km schützt nicht automatisch vor schweren Schäden an der Oberfläche. Wie stark ein Gebäude belastet wird, hängt vom Zusammenspiel aus Erdbebenquelle, Ausbreitungsweg, Untergrund und Tragwerk ab. Welche Faktoren bei den Einstürzen in Kolumbien jeweils den Ausschlag gaben, müssen die Untersuchungen noch zeigen.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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