Rost zerlegt Gedächtniskirche: Mehr als 400 Betonwaben müssen raus
Zu geringe Betonüberdeckung lässt die Bewehrung der Gedächtniskirche rosten. Nun werden Hunderte komplizierte Fassadenwaben rekonstruiert.
Blick zwischen die Fassadenebenen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche: Die farbigen Dickglasfelder sitzen in Betonrastern, dahinter ist die Stahlkonstruktion zu erkennen. Korrosion macht nun eine umfangreiche Sanierung erforderlich.
Foto: picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Rost setzt der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche gleich doppelt zu. In den charakteristischen Betonwaben korrodiert die Bewehrung und sprengt Teile der Oberfläche ab. Auch die berühmten blauen Dickglasfelder haben ein Stahlproblem: Rostende Armierungsdrähte können dort Risse und Abplatzungen verursachen.
Nun beginnt die umfassende Sanierung des Ensembles. Mehr als 400 Betonwaben an Glockenturm und Kirche gelten als so stark geschädigt, dass sie durch Nachbildungen ersetzt werden sollen. Einfach nachgießen lassen sich die komplizierten Bauteile allerdings nicht. Allein die Schalung für eine rund 2,70 × 2,70 m große Wabe besteht aus mehr als 300 Einzelteilen.
Die Arbeiten am gesamten Ensemble werden derzeit auf rund 44 Mio. € geschätzt. Der Bund beteiligt sich mit 17,5 Mio. €.
Inhaltsverzeichnis
- Zwei Fassaden aus Stahl, Beton und Glas
- Zu wenig Beton schützt den Bewehrungsstahl
- Mehr als 400 Betonwaben müssen neu entstehen
- Mehr als 300 Teile für eine einzige Schalung
- Der neue Beton muss auch wie der alte aussehen
- Rost setzt auch dem blauen Glas zu
- Tausende Originalgläser sollen erhalten bleiben
- Frühere Reparaturen hielten das Problem nicht dauerhaft auf
- Rund 44 Mio. € für die Sanierung des Ensembles
Zwei Fassaden aus Stahl, Beton und Glas
Egon Eiermann entwarf die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche als Ensemble aus Kirche, Glockenturm, Kapelle und Foyer rund um die Ruine des im Zweiten Weltkrieg schwer zerstörten Vorgängerbaus. Kirche und Glockenturm wurden 1961 eingeweiht.
Das achteckige Kirchengebäude besitzt ein Stahlskelett. Runde Stützen an den Ecken sowie horizontale und vertikale Stahlprofile bilden das Tragwerk. In dieses Raster sind vorgefertigte Betonwaben mit farbigen Dickglasfeldern eingesetzt.
Ungewöhnlich ist vor allem die doppelte Gebäudehülle. Der Kirchenraum wird von zwei getrennten Wänden aus Stahl, Beton und Glas umgeben. Zwischen ihnen verläuft ein rund 2,40 m breiter Umgang. Die Konstruktion dient unter anderem dem Schallschutz gegen den Verkehr am Breitscheidplatz.
Das Tageslicht gelangt durch die Dickglasfelder beider Fassadenebenen in den Innenraum und erzeugt dort die charakteristische blaue Lichtwirkung.
Zu wenig Beton schützt den Bewehrungsstahl
Die filigrane Konstruktion erwies sich allerdings schon früh als schwierig dauerhaft zu erhalten. Bereits wenige Jahre nach der Fertigstellung waren Reparaturen nötig. Später folgten weitere umfangreiche Instandsetzungen.
Das grundlegende Problem liegt in der Geometrie der Betonwaben. Die Stahlbetonteile sind so feingliedrig ausgeführt, dass die im Beton liegende Bewehrung stellenweise nur eine geringe Betonüberdeckung besitzt.

Diese Betonschicht schützt den Stahl normalerweise vor Feuchtigkeit und anderen Umwelteinflüssen. Ist sie zu dünn und beginnt die Bewehrung zu korrodieren, entstehen Korrosionsprodukte, die deutlich mehr Raum beanspruchen als der ursprüngliche Stahl.
Der Druck auf den umgebenden Beton steigt. Zunächst entstehen Risse, später können Teile der Oberfläche abplatzen. Am Glockenturm wurde das zum Sicherheitsproblem. Wegen möglicher herabfallender Betonteile ist er bereits seit Jahren eingerüstet.
Dass die dauerhafte Erhaltung historischer Betonkonstruktionen technisch aufwendig sein kann, zeigt auch die Sanierung der Hamburger Speicherstadt. Dort soll eine Kombination aus neuer Tragkonstruktion und speziell entwickeltem Wasserbaubeton historische Bausubstanz langfristig sichern.
Mehr als 400 Betonwaben müssen neu entstehen
Nach mehreren früheren Reparaturen verfolgen die Planer bei der Gedächtniskirche nun einen grundsätzlicheren Ansatz. Mehr als 400 Betonwaben an Glockenturm und Kirche gelten als irreparabel. Sie sollen nicht erneut ausgebessert, sondern durch Nachbildungen ersetzt werden. 52 Waben in einer unteren, gut kontrollierbaren Reihe sollen dagegen instandgesetzt und als Referenz erhalten bleiben.
Besonders weit geht der Eingriff am Glockenturm. Dort sieht das Sanierungskonzept vor, sämtliche Waben auszutauschen – auch solche, die bislang nur geringe Schäden zeigen. Lediglich die gut zugänglichen Elemente im Erdgeschoss bleiben als historische Referenz erhalten.

Mehr als 300 Teile für eine einzige Schalung
Wie aufwendig das ist, zeigt bereits die Herstellung einer einzelnen Wabe. Ein typisches Element des Glockenturms misst etwa 2,70 × 2,70 m. Die Fertigteile besitzen zahlreiche Durchbrüche und komplizierte Hinterschneidungen. Selbst bei der Vorbereitung der aktuellen Sanierung war zunächst nicht vollständig klar, wie diese Formen Anfang der 1960er-Jahre hergestellt worden waren.
Für die Rekonstruktion mussten die Planer deshalb nicht nur die Geometrie erfassen, sondern auch ein geeignetes Herstellungsverfahren entwickeln. Die Schalungsform für eine einzige Wabe besteht aus mehr als 300 Einzelteilen. Vor dem Betonieren müssen sie zusammengesetzt werden. Nach dem Erhärten des Betons wird die Form wieder zerlegt, bevor sie für das nächste Element erneut verwendet werden kann.
Auch kleine Details erfüllen technische Funktionen. In einigen Waben des Glockenturms befinden sich zahlreiche Öffnungen, durch die der Schall der Glocken nach außen gelangt. Von unten sind sie kaum wahrnehmbar.
Der neue Beton muss auch wie der alte aussehen
Bei den Nachbildungen reicht es nicht, Abmessungen und Festigkeit zu treffen. Auch die Oberfläche gehört zum architektonischen Entwurf. Eiermann verwendete für die Waben hellen Waschbeton. Zum Einsatz kamen Dyckerhoff-Weißzement und weißer Quarzbruch. Bei Waschbeton wird die oberste Zementleimschicht so behandelt, dass die Gesteinskörnung sichtbar hervortritt.
Die neuen Elemente müssen deshalb mehrere Anforderungen gleichzeitig erfüllen: Sie sollen dauerhaft funktionieren und zugleich Farbton, Körnung und Oberflächenwirkung der historischen Bauteile möglichst genau treffen.
Erfahrungen damit gibt es bereits. Bei der Sanierung der ebenfalls zum Ensemble gehörenden Kapelle wurden entsprechende Verfahren erprobt. Auch eine komplette Wabe des Glockenturms wurde als Muster nachgebaut.
Solche Eingriffe sind bei Baudenkmalen häufig ein Abwägen zwischen neuer Technik und historischer Substanz. Wie schwierig bereits die Erneuerung der Gebäudetechnik einer alten Kirche sein kann, zeigt die Sanierung von St. Gertrud in Hamburg.
Rost setzt auch dem blauen Glas zu
Mit neuen Betonwaben ist das Fassadenproblem noch nicht vollständig gelöst. Auch die berühmten blauen Glasfelder zeigen Korrosionsschäden.
Der französische Glaskünstler Gabriel Loire fertigte sie in der Technik Dalle de verre. Dafür werden mehrere Zentimeter starke farbige Glasstücke zu Feldern zusammengesetzt und in eine zementgebundene Matrix eingebettet. Ein Armierungsdraht stabilisiert die Elemente.
Am Glockenturm befinden sich nach aktuellen Angaben der Stiftung 5.092 Dickglasfelder. Jedes misst etwa 35,7 × 34,7 cm. Nach mehr als 60 Jahren wird stellenweise auch hier der Stahl zum Problem. Untersuchungen zeigten insbesondere an unteren Bereichen einzelner Felder korrodierende Armierungsdrähte.
Der Schadensmechanismus ähnelt dem der Betonwaben: Beim Rosten entstehen Korrosionsprodukte, die mehr Raum benötigen. Dadurch baut sich Druck im umgebenden Material auf. Beim Stahlbeton kann er Beton absprengen, bei den Glasfeldern können Risse und Abplatzungen entstehen.

Tausende Originalgläser sollen erhalten bleiben
Während viele Betonwaben neu hergestellt werden, sollen die historischen Dickglasfelder möglichst erhalten bleiben. Die farbigen Elemente sind nicht nur Teil der Fassade, sondern Kunstwerke Gabriel Loires.
Materialien, Herstellungsverfahren und Schäden wurden deshalb über Jahre untersucht. Fachleute bauten unter anderem eine komplette Betonwabe aus und ließen die darin eingesetzten Dickglasfelder in Spezialwerkstätten restaurieren.
Die Musterinstandsetzung sollte zeigen, wie sich die historischen Gläser ausbauen, bearbeiten und anschließend wieder in rekonstruierte Betonwaben einsetzen lassen.
Bei der eigentlichen Sanierung treffen deshalb zwei unterschiedliche Strategien aufeinander: Wo eine dauerhafte Reparatur des historischen Betons nicht mehr möglich erscheint, wird die Konstruktion nachgebildet. Bei den Dickglasfeldern soll dagegen möglichst viel Originalsubstanz erhalten bleiben.
Frühere Reparaturen hielten das Problem nicht dauerhaft auf
Dass jetzt Hunderte Waben ersetzt werden, hat eine lange Vorgeschichte. Die Fassaden wurden bereits mehrfach umfangreich instandgesetzt. Nach Angaben der Stiftung waren die damaligen Reparaturen mit den jeweils verfügbaren Verfahren fachgerecht ausgeführt worden. Das konstruktive Grundproblem ließ sich damit jedoch nicht dauerhaft beseitigen.
Die Wüstenrot Stiftung spricht von wirtschaftlich nicht vertretbar kurzen Instandsetzungszyklen. Mit dem neuen Sanierungskonzept sollen diese Abstände deutlich länger werden.
Eine konkrete Lebensdauer der neuen Fassadenelemente nennen die Verantwortlichen bislang nicht.
Rund 44 Mio. € für die Sanierung des Ensembles
Der aktuelle Baustart wurde am 27. August 2026 offiziell vorgestellt. Die Kosten für die Arbeiten am gesamten Ensemble werden derzeit auf rund 44 Mio. € geschätzt. Der Bund beteiligt sich mit 17,5 Mio. €. Weitere Mittel kommen unter anderem von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Wüstenrot Stiftung, der Lotto-Stiftung Berlin, der evangelischen Landeskirche sowie aus Spenden und Förderprogrammen.
Am Glockenturm sollen die eigentlichen Arbeiten voraussichtlich Anfang 2027 beginnen. In der Kirche ist ab Frühsommer 2027 unter anderem die Erneuerung der Haustechnik geplant. Die Arbeiten dort sollen bis 2029 dauern. Parallel wird auch die historische Turmruine umgebaut. Die Ausstellung soll erweitert werden, höhere Ebenen werden für Besucher erschlossen.
Quellen
- Bundesregierung, 27.08.2026: 17,5 Mio. € für die Sanierung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche
- Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche: Sanierungskonzept für Glockenturm und Kirche – Schäden der Betonwaben, Austauschkonzept und Schalungsbau.
- Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche: Sanierungsvorhaben 2025 – technische Daten zu Glockenturm, Betonwaben und Dickglasfeldern.
- Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche: Das blaue Glas – Konstruktion und Schadensbild der Dalle-de-verre-Elemente.
- Wüstenrot Stiftung: Betonwaben der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche – Material, Musterinstandsetzung und Entwicklung des Sanierungsverfahrens.
- Tagesspiegel, 27.08.2026: Hunderte Waben beschädigt – Gedächtniskirche wird modernisiert – aktueller Bauablauf, Kosten und Umfang des Wabenaustauschs.
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