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Herausforderung für die TGA-Planung 10.05.2026, 14:00 Uhr

Kirchen: Worauf bei einer energetischen Sanierung zu achten ist

Denkmalgeschützte Kirchen zählen zu den anspruchsvollsten Bauaufgaben
 in der Technischen Gebäudeausrüstung. Wie eine energetische Sanierung dennoch gelingen kann, zeigt die Kirche St. Gertrud im Hamburger Ortsteil Altenwerder.

Die Kirche St. Gertrud zu Altenwerder zeigt, wie anspruchsvolle TGA-Planung dazu beitragen kann, historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig zeitgemäße Nutzungen zu ermöglichen. Foto: Bernd Meyer

Die Kirche St. Gertrud zu Altenwerder zeigt, wie anspruchsvolle TGA-Planung dazu beitragen kann, historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig zeitgemäße Nutzungen zu ermöglichen.

Foto: Bernd Meyer

Große Raumvolumina, 
unregelmäßige Nutzung, sensible historische Substanz und steigende Anforderungen 
an Energieeffizienz und Nachhaltigkeit stellen TGA-Planende 
bei der Sanierung denkmalgeschützter Kirchenbauwerke vor komplexe Zielkonflikte. Wie diese Herausforderungen technisch fundiert 
und zugleich denkmalverträglich gelöst werden können, 
zeigt die Sanierung der Kirche St. Gertrud zu Altenwerder in Hamburg.

Verantwortlich für die Sanierung des Kirchenbauwerks war die Ingenieurbüro Heimsch GmbH (ibh) aus Rastede. Im Interview erläutert deren Geschäftsführer Jens Schloßhauer worauf es bei der TGA-Planung für Kirchen und andere denkmalgeschützte Sonderbauten ankommt – und welche Lösungen sich aus dem Projekt Altenwerder ableiten lassen.

Jens Schloßhauer ist Geschäftsführender Gesellschafter der Ingenieurbüro Heimsch GmbH. Foto: ibh

HLH: Herr Schloßhauer, denkmalgeschützte Kirchen stellen besondere Anforderungen an die Technische Gebäudeausrüstung. Worin liegen aus Ihrer Sicht die zentralen Herausforderungen solcher Projekte?

Jens Schloßhauer: Kirchen unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht deutlich von klassischen Nichtwohngebäuden. Sie sind großvolumig, werden unregelmäßig genutzt und reagieren sehr sensibel auf Temperatur- und Feuchteschwankungen. Gleichzeitig gilt es, historische Materialien, Ausstattungen und vor allem die Orgeln dauerhaft zu schützen. Aus TGA-Sicht geht es daher weniger um maximale Heizleistung, sondern um Stabilität, Regelbarkeit und ein langfristig verträgliches Raumklima. Dazu ist es erforderlich, das Rauminnenklima – also Raumlufttemperatur und relative Luftfeuchtigkeit – mit dem Außenklima zu vergleichen und zu überwachen. Die Technik muss sich dem Gebäude anpassen – nicht umgekehrt. Genau darin liegt die planerische Herausforderung.

HLH: Welche planerischen Zielkonflikte ergeben sich dabei besonders häufig?

Schloßhauer: Ein klassischer Zielkonflikt besteht zwischen Energieeffizienz und Substanzerhalt. Schnelle Temperaturänderungen oder starke Feuchteschwankungen mögen energetisch sinnvoll erscheinen, sind aber für die historischen Einrichtungsgegenstände, wie Orgeln, und die Bausubstanz äußerst problematisch. Hinzu kommt die unregelmäßige Nutzung: Gottesdienste, Konzerte, Beerdigungen oder Trauungen wechseln sich mit längeren Leerstandszeiten ab. Das erfordert flexible Systeme, die sowohl im Teillastbetrieb effizient arbeiten als auch in angemessener Zeit ein behagliches Klima bereitstellen können – ohne das Gebäude und seine Einrichtung thermisch zu „stressen“.

Technik muss sich dem Gebäude anpassen – nicht umgekehrt

HLH: Ein konkretes Beispiel für diese Herausforderungen ist die Kirche St. Gertrud zu Altenwerder in Hamburg. Was machte dieses Projekt besonders?

Schloßhauer: Die Kirche St. Gertrud ist ein historisches Baudenkmal. Sie ist das letzte erhaltene Gebäude des ehemaligen Elbdorfes Altenwerder und steht heute isoliert mitten im Hamburger Hafen. Für uns als TGA-Planer bedeutete das, ein historisch hochsensibles Gebäude technisch vollständig neu aufzustellen, ohne seinen Charakter oder seine Identität zu verändern. Solche Projekte verlangen neben technischem Know-how vor allem ein hohes Maß an Sensibilität und Erfahrung auf diesem Spezialgebiet der TGA. Eine enge Abstimmung mit allen Beteiligten, wie Auftraggeber, Kirchengemeinde, Architekten, Denkmalpflege und Orgelsachverständigen sind zwingend erforderlich.

HLH: Wie stellte sich die Ausgangssituation der Wärmeversorgung dar?

Schloßhauer: Die bestehende Heizungsanlage war über 30 Jahre alt und wurde mit Heizöl betrieben. Ein alter Heizkessel ohne Regelung stand im Keller unter der Sakristei. Ein Heizöl-Erdtank befindet sich auf dem umliegenden Friedhofsgelände und wurde im Zuge der Maßnahme stillgelegt. Im Kirchenraum waren Konvektoren an den Außenwänden angebracht. Aus heutiger Sicht war diese Lösung weder nachhaltig noch zukunftsfähig. Ziel war daher eine CO2-neutrale Wärmeversorgung, die den besonderen Anforderungen eines Kirchenraums gerecht wird und zugleich den denkmalpflegerischen Rahmenbedingungen entspricht.

Energetische Sanierung: Pufferspeicher gleichen schwankende Lastprofil aus

HLH: Wie wurde dieses Ziel technisch umgesetzt?

Schloßhauer: Kern der neuen Anlage ist eine Luft-Wasser-Wärmepumpe. Aufgrund denkmalpflegerischer Vorgaben konnte sie nicht direkt am Gebäude installiert werden, sondern wurde auf einer angrenzenden Obstwiese platziert. Die Wärmeübertragung erfolgt über eine unterirdisch verlegte Fernwärmeleitung zur Kirche. Ergänzt wird das System durch zwei Pufferspeicher mit jeweils 750 Litern. Diese sind entscheidend für einen stabilen Betrieb, insbesondere bei stark schwankenden Lastprofilen und im Teillastbetrieb – ein typisches Szenario bei kirchlichen Nutzungen.

Im Kirchenraum waren Konvektoren an den ­Außenwänden angebracht. Foto: Bernd Meyer

HLH: Auch die Wärmeabgabe im Innenraum wurde vollständig erneuert. Worauf lag hier der Fokus?

Schloßhauer: Im Innenraum war Zurückhaltung das oberste Gebot. Die alten Konvektoren wurden durch moderne Hygiene-Planheizkörper ersetzt, die dezent an den Außenwänden positioniert sind. Sie fügen sich optisch ruhig in den Raum ein und erfüllen gleichzeitig hohe hygienische Anforderungen. Dieses Konzept wurde konsequent für alle Bereiche umgesetzt – vom Kirchenraum über die Emporen bis hin zu Sakristei und Nebenräumen –, sodass ein einheitliches technisches und gestalterisches Gesamtbild entstanden ist.

HLH: Ein besonderes Detail sind die elektrischen Bankheizstrahler. Welche Funktion erfüllen sie im Gesamtkonzept?

Schloßhauer: Bankheizstrahler ermöglichen eine sehr zielgerichtete Wärmebereitstellung. Sie sorgen für thermischen Komfort direkt bei den Kirchenbesuchern, ohne den gesamten Raum aufheizen zu müssen. Im Kircheninnenraum befindet sich ein geschlossenes Kastengestühl mit Türen vor jeder Bankreihe. Gerade bei zeitlich begrenzten Veranstaltungen ist das energetisch sinnvoll und trägt dazu bei, das Raumklima insgesamt stabil zu halten.

HLH: Welche Rolle spielt die Regelungs- und Überwachungstechnik bei einem solchen Projekt?

Schloßhauer: Eine sehr zentrale. In der Kirche St. Gertrud werden kontinuierlich Raumtemperatur und relative Luftfeuchte überwacht und dokumentiert. Das ist sowohl für den Nutzerkomfort als auch für den Schutz der historischen Ausstattung essenziell, insbesondere für die Orgel. Die elektrischen Bankheizer können je nach Frequentierung der Kirche in sieben Blöcken vom Küster bedarfsweise geschaltet werden. Darüber hinaus ist die Anlage in die Gebäudeleittechnik der Hamburg Port Authority eingebunden, die Besitzerin des Kirchengrundstücks und Bauherrin ist. So können Betriebsdaten langfristig ausgewertet und bei Bedarf optimiert werden – ein wichtiger Aspekt für den nachhaltigen Betrieb.

Gewerke müssen bei der Sanierung denkmalgeschützter Gebäude zusammenarbeiten

HLH: Wie wichtig war die Abstimmung mit Denkmalschutz, Architekten und Auftraggeber?

Schloßhauer: Bei einem derart sensiblen Objekt ist technische Planung kein isolierter Prozess. Viele Entscheidungen – etwa zur Positionierung der Anlagentechnik oder zur Leitungsführung – mussten gemeinsam entwickelt werden. Der kontinuierliche Dialog mit Architekten, Denkmalschutz und Auftraggeber war entscheidend dafür, dass technische, gestalterische und denkmalpflegerische Anforderungen nicht im Widerspruch standen, sondern sich gegenseitig ergänzt haben.

HLH: Welche Erkenntnisse lassen sich aus Altenwerder auf andere denkmalgeschützte oder öffentliche Bauprojekte übertragen?

Schloßhauer: Das Projekt zeigt, dass nachhaltige und energieeffiziente Gebäudetechnik auch unter sehr restriktiven Rahmenbedingungen realisierbar ist – vorausgesetzt, man denkt frühzeitig ganzheitlich. Entscheidend ist, Technik als ­integralen Bestandteil des Nutzungskonzepts zu begreifen. Wenn Planung, Regelungstechnik und Betrieb konsequent aufeinander abgestimmt sind, lassen sich auch bei ungewöhnlichen Gebäuden langfristig stabile und wirtschaftliche Lösungen realisieren.