Jahrtausende alte Latrine enthüllt weitere Geheimnisse des römischen Betons
Studie zu römischem Beton: Eine 1900 Jahre alte Latrine zeigt, wie Carbonatisierung den Werkstoff verdichtet und seine außergewöhnliche Langlebigkeit erklärt.
Die Hadriansvilla im italienischen Tivoli wurde im 2. Jahrhundert n. Chr. errichtet und liefert interessante Einblicke rund um römischen Beton.
Foto: e55evu
Ob Pantheon, Kolosseum oder die Aquädukte rund um Rom – zahlreiche Bauwerke des Römischen Reiches trotzen seit fast 2000 Jahren Wind und Wetter. Viele moderne Stahlbetonkonstruktionen benötigen dagegen bereits nach wenigen Jahrzehnten umfangreiche Instandsetzungsmaßnahmen.
Warum das so ist, beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten. Als weitgehend gesichert gilt, dass die Römer Kalk, Vulkanasche und natürliche Gesteinskörnungen verwendeten. Entscheidend ist dabei die sogenannte Puzzolanreaktion, bei der dauerhafte Bindemittelphasen entstehen, die dem Beton seine hohe Festigkeit verleihen.
Eine jetzt in Science Advances veröffentlichte Studie der University of California, Berkeley, ergänzt dieses Bild jedoch um einen bislang unterschätzten Mechanismus: Demnach trägt auch die über Jahrhunderte fortschreitende Carbonatisierung entscheidend dazu bei, dass römischer Beton immer dichter und widerstandsfähiger wird.
Inhaltsverzeichnis
- Hadriansvilla als bemerkenswertes Untersuchungsobjekt
- Carbonatisierung war offenbar weit wichtiger als bislang angenommen
- Calcit als Schlüssel zur Langlebigkeit
- Mikrostruktur: Wie sich der Beton über Jahrhunderte selbst verdichtet
- Vulkanische Zuschläge waren deutlich mehr als reine Füllstoffe
- Relativiert die Studie die Hot-Mixing-Theorie?
- Was bedeutet das für den modernen Betonbau?
Hadriansvilla als bemerkenswertes Untersuchungsobjekt
Die internationale Forschergruppe untersuchte den Beton einer rund 1900 Jahre alten Latrine in der Hadriansvilla im italienischen Tivoli. Das Bauwerk gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Für die Wissenschaftler bot die Latrine ein außergewöhnlich gut erhaltenes Untersuchungsobjekt, an dem sich die Mikrostruktur des römischen Betons über einen enorm langen Zeitraum analysieren ließ.
„Niemand restauriert eine Latrine“, sagt Studienautor Paulo Monteiro von der University of California, Berkeley. „Das Material blieb deshalb 19 Jahrhunderte lang unberührt und führte gewissermaßen ein Experiment durch, das heute niemand mehr starten könnte.“
Für die Analysen entnahmen die Wissenschaftler eine Probe aus dem Sammelkanal unterhalb der Sitzanlage. Zum Einsatz kamen unter anderem Synchrotron-Computertomografie, Rasterelektronenmikroskopie, Röntgendiffraktometrie und weitere hochauflösende Analyseverfahren. Dadurch ließ sich die dreidimensionale Mikrostruktur des Betons erstmals nahezu vollständig rekonstruieren.
Carbonatisierung war offenbar weit wichtiger als bislang angenommen
Die zentrale Aussage der Studie lautet, dass die extreme Lebensdauer römischen Betons nicht allein auf der Puzzolanreaktion beruht. Nach Ansicht der Autoren spielte vielmehr die über Jahrhunderte langsam fortschreitende Carbonatisierung eine wesentlich größere Rolle als bisher angenommen.
Dabei reagierten verbliebene Kalkbestandteile mit Kohlendioxid aus der Luft und Feuchtigkeit zu Calciumcarbonat (Calcit). Dieser Prozess verlief nicht innerhalb weniger Wochen oder Monate, sondern über Jahrhunderte hinweg.
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Während moderne Carbonatisierung häufig mit Korrosionsproblemen im Stahlbeton in Verbindung gebracht wird, hatte sie im unbewehrten römischen Kalkbeton offenbar einen gegenteiligen Effekt. Nach und nach bildete sich ein dichtes Netzwerk aus neu auskristallisiertem Calcit, das Hohlräume und feine Risse auffüllte und dadurch die gesamte Mikrostruktur kontinuierlich verdichtete. Die Forscher bezeichnen diesen Mechanismus als einen wesentlichen Beitrag zur langfristigen Festigkeitsentwicklung des Materials.
Calcit als Schlüssel zur Langlebigkeit
Die mineralogischen Untersuchungen zeichnen ein differenzierteres Bild als frühere Arbeiten. Zwar entstehen durch die Reaktion von Branntkalk mit den alumosilikatischen Bestandteilen der Vulkanasche weiterhin Calcium-Aluminium-Silikat-Hydrate (C-A-S-H), die wesentlich zur Festigkeit des Betons beitragen. Ihr Volumenanteil fällt jedoch vergleichsweise gering aus.
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Den größten Anteil des Bindesystems bildet vielmehr Calcit. Die Analysen zeigen, dass sich die ursprünglichen Kalkbestandteile im Laufe der Jahrhunderte weitgehend zu kristallinem Calciumcarbonat umgewandelt haben. Nach Ansicht der Forscher bildet Calcit den mengenmäßig wichtigsten Bestandteil des mineralischen Bindesystems und trägt maßgeblich zur langfristigen Stabilität des Betons bei.
Mikrostruktur: Wie sich der Beton über Jahrhunderte selbst verdichtet
Besonders aufschlussreich sind die dreidimensionalen Aufnahmen der Mikrostruktur. Mithilfe hochauflösender Synchrotron-Computertomografie konnten die Forscher erstmals nachvollziehen, wie sich die Carbonatisierung räumlich im Beton ausbreitet.
Dabei zeigte sich, dass sich um die ursprünglichen Kalkpartikel sogenannte Reaktionsränder bilden. Im Verlauf der Carbonatisierung wachsen daraus radial angeordnete, faserförmige Calcitkristalle. Diese Kristalle füllen schrittweise benachbarte Poren und Mikrorisse aus und verbinden sich mit bereits vorhandenem Calcit zu einem nahezu durchgängigen Kristallnetzwerk.

Nach Auffassung der Autoren erhöht dieses Gefüge nicht nur die Druckfestigkeit des Materials. Gleichzeitig werden Transportwege für Wasser und aggressive Medien reduziert, wodurch sich die Widerstandsfähigkeit gegenüber Umwelteinflüssen langfristig verbessert.
Vulkanische Zuschläge waren deutlich mehr als reine Füllstoffe
Auch bei den Gesteinskörnungen liefert die Studie interessante Erkenntnisse. Die Römer verwendeten überwiegend poröse vulkanische Lava mit den Mineralen Leucit, Analcim und eisenhaltigem Diopsid. Die Zuschläge weisen eine Porosität von rund 15,6 % auf und reagieren chemisch mit der umgebenden Bindematrix.
Sie waren damit weit mehr als reine Zuschlagstoffe. An der Grenzfläche zwischen Zuschlag und Bindemittel – der sogenannten Interfacial Transition Zone (ITZ) – konnten die Wissenschaftler deutliche Auflösungserscheinungen der Alumosilikate nachweisen. Silizium und Aluminium werden aus der Lava herausgelöst und reagieren mit Calcium aus dem Kalk zu Calcium-Aluminium-Silikat-Hydraten (C-A-S-H).
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Gerade diese Übergangszone gilt im modernen Beton häufig als Schwachstelle. Im römischen Beton scheint sie dagegen durch die chemischen Reaktionen zusätzlich verfestigt worden zu sein. Die ITZ wird dichter, rissunempfindlicher und trägt so zur außergewöhnlichen Dauerhaftigkeit des gesamten Verbundwerkstoffs bei.
Relativiert die Studie die Hot-Mixing-Theorie?
Erst 2023 hatte eine viel beachtete Veröffentlichung in Science Advances vorgeschlagen, dass die Römer Kalk bewusst im sogenannten Hot Mixing verarbeiteten. Die dabei entstehenden Kalkklasten galten als Hinweis auf diesen Herstellungsprozess und wurden als Grundlage selbstheilender Eigenschaften interpretiert.
Die neue Studie formuliert diese Schlussfolgerung deutlich vorsichtiger. Zwar beobachten die Autoren ähnliche Mikrostrukturen. Einen direkten Nachweis für ein bewusstes Heißmischen sehen sie jedoch nicht. Stattdessen könnten dieselben Strukturen ebenso durch unvollständig gebrannten Kalk, teilweise gelöschten Branntkalk und die anschließende jahrhundertelange Carbonatisierung entstanden sein.
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Damit widerspricht die Arbeit der früheren Theorie zwar nicht ausdrücklich, schränkt ihre Aussagekraft aber ein. Die Diskussion über die tatsächliche Herstellungstechnik römischen Betons dürfte damit weitergehen.
Was bedeutet das für den modernen Betonbau?
Die Forscher vermeiden bewusst überzogene Schlussfolgerungen. Sie behaupten nicht, dass moderner Beton künftig einfach wie früher hergestellt werden sollte. Ebenso wenig sehen sie in der natürlichen Carbonatisierung eine kurzfristige Lösung für den Klimaschutz.
Vielmehr verstehen sie ihre Ergebnisse als Inspiration für neue, CO₂-reaktive Bindemittelsysteme mit reduziertem Klinkeranteil. Insbesondere die beobachtete Bildung faserförmiger Calcitstrukturen könnte künftig helfen, Materialien zu entwickeln, die Mikrorisse selbstständig verschließen oder ihre Mikrostruktur langfristig verdichten. Solche Konzepte werden bereits im Zusammenhang mit selbstheilenden Betonen und karbonatisierenden Bindemitteln erforscht.
Gleichzeitig weisen die Autoren ausdrücklich darauf hin, dass sich ihre Ergebnisse nicht unmittelbar auf modernen Stahlbeton übertragen lassen. Während unbewehrter römischer Kalkbeton vor allem durch mineralogische Alterungsprozesse geprägt wird, bestimmt bei heutigen Stahlbetonkonstruktionen in erster Linie die Korrosion der Bewehrung die Dauerhaftigkeit. Die Materialsysteme unterscheiden sich daher grundlegend.