Beton aus der Düse 10.04.2026, 10:54 Uhr

Wie Europas größtes 3D-gedrucktes Mehrfamilienhaus entstand

Europas größtes 3D-gedrucktes Wohnhaus zeigt, wie schnell und effizient Bauprozesse künftig ablaufen könnten – trotz höherer Kosten.

Europas größtes 3D-gedrucktes Mehrfamilienhaus

Europas größtes 3D-Mehrfamilienhaus links im Bild. Direkt daneben das fast baugleiche Gebäude, das jedoch in konventionelle Bauweise erstellt wurde.

Foto: Plurial Novilia

In Bezannes, Frankreich, ist mit dem Projekt „ViliaSprint²“ das bislang größte 3D-gedruckte Mehrfamilienhaus Europas entstanden. Das Gebäude umfasst 12 Sozialwohnungen auf drei Etagen und rund 800 m² Wohnfläche. Gedruckt wurde allerdings nicht das komplette Haus, sondern der entscheidende Teil des Rohbaus: die tragenden Außen- und Innenwände.

Zum Einsatz kam ein robotisiertes Portalsystem von PERI 3D Construction auf Basis des COBOD BOD2. Gedruckt wurde mit einer speziell entwickelten, CO₂-reduzierten Betonmischung von Holcim.

Der direkte Druck auf der Baustelle verkürzte die Rohbauphase deutlich. Parallel entstand auf demselben Grundstück ein nahezu identisches Gebäude in konventioneller Bauweise. Genau dieser direkte Vergleich macht das Projekt für die Branche interessant. Er zeigt nicht nur, dass das Verfahren funktioniert, sondern wie es sich im Alltag schlägt.

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Die Technik hinter dem Druck

Gedruckt wurde mit dem Portalsystem COBOD BOD2. Ein mehrachsiges Portal fährt über das Baufeld und positioniert den Druckkopf entlang der geplanten Wandgeometrie. Der Beton wird dabei schichtweise aufgetragen, bis die tragenden Wandstrukturen vollständig stehen.

Das Grundprinzip erinnert an einen Desktop-3D-Drucker. Auf der Baustelle gelten jedoch andere Bedingungen. Hier geht es nicht nur um Form, sondern um Tragfähigkeit, Prozesssicherheit und saubere Abläufe zwischen den Gewerken.

Für die gedruckten Wände entfällt die klassische Schalung weitgehend. Gleichzeitig bleibt das Gebäude ein hybrides System. Decken, Ausbau und Haustechnik werden weiterhin konventionell umgesetzt. Auch in Bezannes kamen Fertigdecken zum Einsatz, die in den Ablauf integriert werden mussten.

Genau an dieser Schnittstelle lag ein Teil des Zeitgewinns. Die Bauleitung passte die Reihenfolge beim Einbau der Decken an. Dadurch musste das Druckportal seltener umgesetzt werden.

Druckprozess: Schicht für Schicht wächst das Gebäude nach oben. Foto: Peri

Material: Beton für den Schichtbau

Der eingesetzte Beton muss mehr leisten als eine Standardmischung. Er wird gepumpt, präzise abgelegt und muss sofort tragfähig genug sein, um die nächste Schicht aufzunehmen. Gleichzeitig darf er nicht zu schnell abbinden.

Im Kern geht es um vier Eigenschaften:

  • pumpfähig
  • exakt dosierbar
  • schnell standfest
  • stabil im Schichtverbund

Holcim entwickelte dafür eine eigene Mischung auf Basis der TectorPrint-Technologie. Der Beton gehört zur ECOPact-Reihe und senkt die CO₂-Emissionen um mindestens 30 % gegenüber klassischen Rezepturen.

Zusätzlich enthält er synthetische Makrofasern. Sie verbessern das Verhalten des Materials, insbesondere bei Zugbeanspruchung und im Verbund zwischen den einzelnen Lagen. Die Tragfähigkeit entsteht jedoch erst im Zusammenspiel aus Material, Geometrie und statischer Bemessung.

Durch den präzisen Materialauftrag ließ sich der Betonbedarf reduzieren. Im Projekt wurden rund 10 % weniger Material benötigt als bei einer vergleichbaren konventionellen Bauweise.

COBOD BOD2 im Einsatz: Das robotisierte Portalsystem trägt den Beton schichtweise auf und formt so die tragenden Wände direkt auf der Baustelle. Foto: Peri

Effizienz in Zahlen: 3D-Druck vs. konventioneller Bau

Plurial Novilia hat sich nicht auf Einzelwerte verlassen. Direkt neben dem Druckbau entstand ein nahezu identisches Gebäude in klassischer Bauweise. So lassen sich die Unterschiede real vergleichen.

Der Überblick:

Kriterium 3D-Druck (ViliaSprint²) Konventionelle Bauweise
Personal im Rohbau 3 Bediener 6 Fachkräfte
Dauer der Strukturphase 34 effektive Tage etwa doppelt so lang
Abfallaufkommen ca. 5 % ca. 10 %
Schalungsaufwand stark reduziert deutlich höher
Lärmentwicklung geringer höher

Die Druckphase selbst dauerte 34 Tage. Geplant waren rund 50 Tage. Der Zeitgewinn entstand nicht allein durch den Druck, sondern durch den abgestimmten Ablauf auf der Baustelle.

Wie sich die Arbeit auf der Baustelle verändert

Der 3D-Druck verschiebt die Arbeit im Rohbau. Klassische Tätigkeiten wie Schalungsbau oder Betonieren treten in den Hintergrund. Stattdessen überwachen Fachkräfte den Prozess und greifen bei Bedarf ein.

Auf der Baustelle in Bezannes arbeiteten drei Bediener mit dem System. Sie steuerten den Druck über Tablets und kontrollierten die Abläufe.

Das verändert die Anforderungen deutlich:

  • weniger körperliche Belastung
  • mehr digitale Steuerung
  • stärker prozessorientiertes Arbeiten

„Diese Leistung bestätigt das enorme Potenzial dieser innovativen Bauweise, die sowohl die Bauzeiten verkürzt als auch die Arbeitsbedingungen auf der Baustelle verbessert“, erklärt Jérôme Florentin, Direktor für Projektentwicklung bei Plurial Novilia.

Blick von oben auf die Baustelle in Bezannes: Das Portalsystem überspannt das Baufeld und druckt die tragenden Wände direkt vor Ort. Foto: Peri

Weniger Material, weniger Transporte

Auch beim Ressourceneinsatz zeigt sich der Unterschied. Der Druck reduziert nicht nur den Personalbedarf, sondern auch den Material- und Logistikaufwand.

Im Projekt zeigte sich:

  • Die Abfallmenge sank von etwa 10 % auf rund 5 %
  • Schalungsmaterial wird deutlich weniger benötigt
  • Transporte zur Baustelle nehmen ab

Der Beton wird direkt vor Ort verarbeitet. Das reduziert Fahrten und vereinfacht die Logistik. Gleichzeitig sinkt die Lärmbelastung auf der Baustelle.

Ein weiterer Punkt ist die Geometrie. Der Druck ermöglicht Formen, die mit klassischer Schalung nur mit hohem Aufwand umsetzbar wären. Rundungen und kompakte Strukturen lassen sich direkt realisieren. Im konkreten Projekt führte das auch zu einem geringeren Materialeinsatz.

Energie und Gebäudekonzept

Der 3D-Druck ist nur ein Teil des Projekts. Auch beim Energiekonzept haben die Planenden nachgeschärft.

Zum Einsatz kommen:

  • 500 m² Photovoltaik
  • eine hybride Gas-Wärmepumpe
  • optimierte Gebäudeausrichtung

Die Planung basiert auf Sonnenanalysen von Timo Leukefeld. Ziel ist eine Energieautarkie von rund 60 % bei Einhaltung der französischen RE2020-Vorgaben.

Zusätzlich wurden Materialien wie Perlit für die Dämmung und Holz für die Balkone eingesetzt.

Fertiggestellt in Bezannes: Das 3D-gedruckte Mehrfamilienhaus zeigt die typischen Schichtstrukturen der additiven Bauweise an den Außenwänden. Foto: Plurial Novilia

30 % teurer als konventioneller Bau

So klar die technischen Vorteile sind, so deutlich ist auch die aktuelle Schwäche. Der 3D-Druck ist noch teurer als klassische Verfahren.

Beim Projekt lagen die Baukosten rund 30 % höher. Gründe sind vor allem:

  • Entwicklungsaufwand
  • Zulassungsverfahren
  • fehlende Skalierung

Die Gesamtinvestition lag bei rund 4,5 Mio. €. Die höheren Kosten wurden im Projekt nicht auf die Mieten umgelegt.

„Für uns ist dies ein wichtiger Meilenstein und Ansporn, diese Technologie weiter voranzutreiben“, sagt Dr. Fabian Meyer-Brötz, Geschäftsführer von PERI 3D Construction.

Wie es weitergeht

ViliaSprint² ist kein Serienbau, sondern ein Praxistest unter realen Bedingungen – genau das macht das Projekt für die Branche interessant. Plurial Novilia denkt bereits weiter und plant ein Folgeprojekt mit rund 40 Wohneinheiten. Dort sollen mehrere Drucker parallel arbeiten. So wollen die Beteiligten Bauzeiten weiter verkürzen und die Kosten schrittweise senken.

Langfristig geht es darum, den 3D-Druck aus der Pilotphase herauszuführen und als festen Bestandteil im Wohnungsbau zu etablieren.

„ViliaSprint² markiert einen Meilenstein bei der Erforschung neuer Bauverfahren. Das Projekt ermöglichte es, den Beitrag des 3D-Drucks zur schnelleren und nachhaltigeren Errichtung von Wohnraum konkret zu bewerten“, so Johnny Huat, Generaldirektor von Plurial Novilia.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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