Bau 17.09.1999, 17:22 Uhr

Die Häuser brauchen einen festen Untergrund

Die Erde zwischen der Ägäis und dem Schwarzen Meer kommt nicht zur Ruhe. Der Ruf nach erdbebensicherem Bauen wird lauter. Aber nicht nur auf die richtige Bauweise kommt es an, sondern auch auf den Untergrund der Gebäude in Erdbebengebieten.

Wie die jüngsten Katastrophen in Griechenland und der Türkei zeigen, ist das erdbebensichere Bauen derzeit der einzige Schutz, wenn die Erde bebt. Ausschlaggebend für die Vermeidung herabstürzender Bauteile sind entsprechende Baukonstruktionen, die Horizontalkräfte berücksichtigen. Weiter kommt es auf die richtige Wahl des Baustoffs an und auf eine sorgfältige Ausführung der Bauarbeiten. Wichtig ist auch die Berücksichtigung des baulichen Untergrund. So sollten Bauherren in Erdbebengebieten vermeiden, ihre Häuser auf lockeren Untergrund zu setzen.
Das Errichten von Häusern und Brücken in Erdbebengebieten erfordert sorgfältiges Arbeiten bei Planung und Ausführung. Wie sich jetzt in der Türkei und in Griechenland zeigte, sind einfache Wohnbauten mit unzweckmäßiger Konstruktion und aus geringerwertigen Baustoffen im Falle eines Erdbebens am stärksten betroffen. Diese Bauten, oft in Selbsthilfe und aus Bruch- und Lehmsteinen errichtet, begraben schon bei kleineren Erdbeben die Bewohner unter ihren zusammenstürzenden Wänden und Decken.
Von Einsturz und völliger Zerstörung sind vor allem solche Bauwerke betroffen, die allgemein nicht nach den Regeln der Technik errichtet wurden. Dies sind gerade – wie die Beben in der Türkei und Griechenland zeigen – die einfachen Wohnbauten einer armen Bevölkerung, die sich außerhalb der Stadtgebiete angesiedelt hat.
Durch strenge Vorschriften über Gründung, Baumaterial und Bauausführung und eine sorgfältige Bauaufsicht könnten indes die großen Katastrophen gemildert werden, urteilen Fachleute für erdbebensicheres Bauen. So gilt für einige Gebiete der Bundesrepublik die DIN 4149 „Bauten in deutschen Erdbebengebieten“. Sie wurde vor Jahren für das Land Baden-Württemberg durch eine Richtlinie verfeinert. Die Einhaltung dieser Vorschrift und eine gute Bauausführung zeigten ihre Wirkung bei dem letzten starken Beben in der Schwäbischen Alb, bei dem trotz Stärke 7 bis 8 kein Toter zu beklagen war.
Es ist heute durchaus möglich, Bauten so zu konstruieren und zu bauen, daß sie starke Erdbebenstöße überstehen, ohne daß Leben und Gesundheit von Menschen gefährdet werden. Grob unterscheidet man heute zwischen Gebäuden aus Mauerwerk sowie Bauten aus Stahlbeton, Stahl und Holz. Gebäude aus Ziegelmauerwerk, in üblicher europäischer Bauweise errichtet, sind auf festem Fels nur durch Schwingungen gefährdet. Recht häufig indes treten sogenannte „Zufallschäden“ auf, die bei einem Beben durch herabfallende Schornsteinköpfe und Teile aus der Giebelwand entstehen.
Der Stahlbetonskelettbau gilt als geeignetes Verfahren für das Bauen in erdbebengefährdeten Gebieten. Vielfach findet diese Bauweise Anwendung in Japan und in Kalifornien. Allerdings komme es beim Stahlbetonskelettbau auf die richtige Bewehrungsführung und gute Betonqualität an, wissen Fachleute für Massivbau. Nach jedem Erdbeben seien die Stützen und Balken auf Risse zu untersuchen, um eine mögliche Korrosionsgefahr des Bewehrungsstahles auszuschalten.
Wie vor allem in Kalifornien zu beobachten ist, haben bei guter Ausführung Stahlskelettbauten schon schwere Erdbeben überstanden. Von Nachteil aber ist ihre Gefährdung bei Feuer, warnen Brandschutzexperten, da die Stahlstützen und Träger sich beim Erhitzen verformen.
Relativ gut schneiden bei Erdbeben Holzhäuser ab, ob als Fachwerk- oder Skelettbauten ausgeführt. Entsprechend wurden diese in früheren Jahrzehnten vielfach in Japan gebaut. Der Grund für das gute Abschneiden der Stahl- und Stahlbetonskelettbauten sowie der Holzhäuser ist die Fähigkeit, Horizontalkräfte durch die Konstruktion aufzunehmen.
Aber nicht nur die Bauart der Gebäude ist für die Erdbebensicherheit von Bedeutung. Auch der Baugrund spielt eine wichtige Rolle für die Sicherheit des Gebäudes. Erst in den letzten Jahren wurden die Einflüsse des Untergrundes systematischer untersucht, so daß die oft unterschiedlichen Bodenverhältnisse in der Berechnung des gegen Erdbeben zu schützenden Gebäudes berücksichtigt werden.
Das Bauen über lockerem Untergrund (Verwitterungsboden, Moor- und Torfuntergrund) ist besonders gefährlich, wissen Fachleute, da sich hier die kurzen Erdbebenstöße zu heftigen Erschütterungen aufschaukeln. Ebenso gefährlich sind Lockermassen auf Felsuntergrund – wegen einer großen „Rutschgefahr“. Mithin die wichtigste Regel für das erdbebensichere Bauen: Instabile Bodenarten generell unbebaut lassen.
ELMAR WALLERANG
Typische Erdbebenschäden an Ziegelbauten: Die charakteristischen Zerstörungen resultieren aus den unterschiedlichen Bodenverhältnissen. Eingestürztes Gebäude in Athen: Bei der Baukonstruktion war die Berücksichtigung von Horizontalkräften vernachlässigt worden.

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