Bau-GAU bei Berlin Modern: Wie ein Neubau zum Sanierungsfall wurde
Bauverzögerung bei Berlin Modern: Feuchteschäden im Trogbau zeigen Risiken tiefer Untergeschosse bei Starkregen und stellen Planung sowie Klimaschutz infrage.
Das Projekt berlin modern am Kulturforum ist ein zentraler Museumsneubau für die Kunst des 20. Jahrhunderts. Entworfen von Herzog & de Meuron, soll das Gebäude als Bindeglied zwischen Philharmonie und Mies-van-der-Rohe-Bau fungieren.
Foto: picture alliance / imageBROKER | Arnulf Hettrich
Als auf dem Berliner Kulturforum Ende 2019 der erste Spatenstich für das Museum des 20. Jahrhunderts erfolgte, schien der Zeitplan ambitioniert, aber realistisch. Die Eröffnung war für 2026 vorgesehen. Heute rechnet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) mit einer Fertigstellung frühestens Mitte 2030. Die Kosten sind inzwischen auf rund 507 Mio. € gestiegen.
Auslöser der jüngsten Verzögerung sind erhebliche Feuchteschäden im Rohbau. Besonders brisant: Betroffen sind ausgerechnet jene Bereiche des Gebäudes, in denen später Kunstdepots, Technikzentralen und weitere sensible Einrichtungen untergebracht werden sollen. Das Projekt, das inzwischen unter dem Namen „Berlin Modern“ firmiert, ist damit nicht nur eines der wichtigsten Kulturvorhaben Deutschlands, sondern auch ein Lehrstück über die bautechnischen Herausforderungen komplexer Großbaustellen.
Ein neues Zuhause für die Kunst der Moderne – und eine hitzige Debatte
Das neue Museum soll die bedeutenden Sammlungen der Nationalgalerie aufnehmen – darunter die hochkarätigen Bestände der Sammlungen Marx, Pietzsch und Marzona – und das Kulturforum zu einem zusammenhängenden Museumsquartier weiterentwickeln.
Geplant wurde das Gebäude vom renommierten Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron, das unter anderem für die Elbphilharmonie in Hamburg und die Tate Modern in London verantwortlich zeichnet.
Der Siegerentwurf aus dem Jahr 2016 wirkt auf den ersten Blick erstaunlich zurückhaltend. Statt eines spektakulären Solitärs entwarfen die Architekten einen Baukörper mit markantem Satteldach. Was in der Fachwelt als bewusste Vermittlung zwischen Philharmonie, Staatsbibliothek und Neuer Nationalgalerie gilt, handelte dem Entwurf im Berliner Volksmund schnell spöttische Beinamen wie „Aldi-Scheune“ oder „Bierzelt“ ein. Doch hinter dieser vermeintlich einfachen Form verbirgt sich ein technisch hochkomplexes Gebäude.
Berlin Modern: Das Großprojekt im Überblick
Geplante Eröffnung ursprünglich: 2026
Voraussichtliche Fertigstellung aktuell: Mitte 2030
Kostenentwicklung: von kalkulierten 364 Mio. € auf aktuell rund 507 Mio. €
Architektur: Herzog & de Meuron, Basel
Hauptproblem: massive Feuchtigkeit und mikrobieller Befall in den Untergeschossen nach Starkregenereignissen
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Die eigentliche Herausforderung liegt im Untergrund
Ein Großteil der späteren Museumsinfrastruktur entsteht unter der Erde. Dort befinden sich künftig Depots, Werkstätten, Logistikflächen und Technikräume.
Bereits die Herstellung der Baugrube gehörte zu den anspruchsvollsten Bauabschnitten des Projekts. Nach Angaben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz entstand auf rund 8000 m² Fläche eine bis zu 16 m tiefe Baugrube. Die Baugrubenumschließung wurde als wasserdichtes Trogbauwerk mit etwa 25 m tiefen Wänden ausgeführt. Für die Sicherung der Baugrube kamen zudem hunderte Verpressanker zum Einsatz.
Solche Konstruktionen werden eingesetzt, wenn Bauwerke dauerhaft gegen drückendes Wasser geschützt werden müssen. Die ingenieurtechnische Herausforderung liegt auf der Hand: Die unterirdischen Räume müssen über Jahrzehnte trocken und betriebssicher bleiben.
Beim Richtfest im Oktober 2025 hob die Stiftung die außergewöhnliche Baugrube ausdrücklich als einen der technisch anspruchsvollsten Teile des gesamten Projekts hervor. Sie führte dann auch für die Bauverzögerung.

Ursache nicht öffentlich geklärt
Welche bautechnischen Ursachen im konkreten Fall zu den Feuchteschäden geführt haben, ist bislang nicht öffentlich geklärt. Die Stiftung verweist auf hohe Luftfeuchtigkeit sowie Starkregenereignisse in der zweiten Jahreshälfte 2025. Die Ursachenanalyse läuft weiterhin.
Bei tiefen Trogbauwerken kommen grundsätzlich mehrere Eintrittspfade für Feuchtigkeit infrage. Kritisch sind beispielsweise Arbeits- und Dehnungsfugen zwischen Sohle und Wänden, temporäre Öffnungen im Rohbau, unzureichend geschützte Bauteilanschlüsse oder ein überlastetes Baustellenentwässerungssystem während außergewöhnlicher Niederschlagsereignisse.
Auch Baufeuchte kann eine Rolle spielen. Gerade große Betonmassen, geschlossene Untergeschosse und noch nicht vollständig in Betrieb befindliche Lüftungs- und Klimasysteme erschweren die Austrocknung eines Rohbaus erheblich.
Ob einer dieser Faktoren bei Berlin Modern tatsächlich ausschlaggebend war, ist derzeit nicht belegt. Genau deshalb ist die laufende Ursachenanalyse von zentraler Bedeutung. Sie muss klären, ob vor allem Witterungseinflüsse, Bauabläufe, Abdichtungssysteme, Lüftungskonzepte oder eine Kombination mehrerer Faktoren zu den Schäden geführt haben.
Große Spannweiten und extreme Klimaanforderungen
Auch oberirdisch ist Berlin Modern weit mehr als eine klassische Ausstellungshalle. Da die Ausstellungsflächen möglichst flexibel nutzbar sein sollen, mussten die Tragwerksplaner große Räume schaffen, die weitgehend ohne störende Stützen auskommen. Das erfordert leistungsfähige Dachtragwerke und komplexe Lastabtragungen.
Beim Richtfest waren die tragenden Wände sowie die großen Dachfachwerkträger fertiggestellt. Sie bilden das statische Rückgrat des Gebäudes.
Hinzu kommen die extremen Anforderungen eines modernen Museumsbetriebs. Anders als in klassischen Bürogebäuden müssen Temperatur und Luftfeuchtigkeit dauerhaft innerhalb engster Grenzen gehalten werden. Die Gebäudetechnik übernimmt damit eine konservatorische Schutzfunktion für die empfindlichen Kunstwerke.

Eine unterirdische Verbindung zur Neuen Nationalgalerie
Eine bauliche Besonderheit des Projekts ist die geplante unterirdische Verbindung zur benachbarten Neuen Nationalgalerie.
Beide Häuser sollen künftig als zusammenhängender Museumsstandort funktionieren, über den Besucherinnen und Besucher sowie Kunstwerke gleichermaßen zwischen den Gebäuden wechseln können.
Solche Tunnelbauwerke im Bestand stellen hohe Anforderungen an Brandschutz, Sicherheit und Klimatisierung. Da Kunstwerke empfindlich auf Temperaturschwankungen, Luftfeuchteänderungen oder Erschütterungen reagieren, müssen die technischen Systeme entsprechend aufwendig ausgelegt werden.
Vom optimistischen Richtfest zur Schadensanalyse
Als im Oktober 2025 Richtfest gefeiert wurde, blickten die Verantwortlichen noch vergleichsweise optimistisch auf das Projekt. Damals ging man von einer Fertigstellung im Jahr 2029 aus.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bezeichnete Berlin Modern als wichtigen Baustein für die Zukunft des Kulturforums. Die Rohbauarbeiten waren weitgehend abgeschlossen, der Bau hatte einen entscheidenden Meilenstein erreicht.
Nur wenige Monate später änderte sich das Bild jedoch grundlegend. Im Frühjahr 2026 gab die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bekannt, dass sich die Fertigstellung erneut verschieben wird. SPK-Präsidentin Marion Ackermann erklärte, dass in Teilen des Rohbaus erhebliche Feuchtigkeitsschäden festgestellt worden seien.
Betroffen sind insbesondere Bereiche der Untergeschosse. Dort wurden Schäden an Böden, Wänden und Decken registriert. Zusätzlich trat mikrobieller Befall auf, der unter anderem durch Schimmelpilze verursacht werden kann.
Nach Angaben der Stiftung stehen die Probleme unter anderem im Zusammenhang mit hoher Luftfeuchtigkeit sowie den außergewöhnlichen Starkregenereignissen in der zweiten Hälfte des Jahres 2025.

Das konservatorische K.-o.-Kriterium
Warum wiegt Feuchtigkeit in einem Museum so viel schwerer als bei anderen Gebäudetypen? Organische Materialien wie Papier, Holz, Leinwände oder Fotografien reagieren empfindlich auf klimatische Instabilitäten. Bevor auch nur ein einziges Kunstwerk in ein Gebäude einziehen darf, müssen sämtliche Bauteile vollständig ausgetrocknet sein. Zudem muss die Gebäudetechnik über längere Zeiträume stabile Klimabedingungen nachweisen.
Ein mikrobieller Befall in Bereichen, die später als Depot- oder Technikflächen dienen sollen, stellt deshalb ein besonders ernstes Problem dar. Die aktuellen Schäden betreffen nicht nur den Bauablauf, sondern unmittelbar die spätere Nutzung des Museums.
Ein kompletter Baustopp konnte zwar vermieden werden. Dennoch dürften die notwendigen Untersuchungen, Sanierungen und Kontrollmaßnahmen den weiteren Terminplan erheblich beeinflussen.
Aus 364 Millionen wurden 507 Millionen Euro
Parallel zu den Terminverschiebungen sind auch die Kosten deutlich gestiegen. Während der frühen Planungsphase wurden zunächst deutlich niedrigere Budgets diskutiert. Später lag die offizielle Kostenprognose bei 364 Mio. €. Heute rechnet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit Gesamtkosten von rund 507 Mio. €.
Neben allgemeinen Preissteigerungen im Bauwesen tragen vor allem die verlängerten Bauzeiten, zusätzliche technische Anforderungen, Risikovorsorgen sowie die aktuellen Sanierungsmaßnahmen zur Kostenentwicklung bei.
Ein Museumsbau mit Blick auf die Klimaziele von 2045
Trotz aller baubetrieblichen Schwierigkeiten verfolgt das Projekt weiterhin ambitionierte Nachhaltigkeitsziele.
Berlin Modern soll energetische Standards erfüllen, die sich an den langfristigen Klimazielen der Bundesregierung für das Jahr 2045 orientieren. Vorgesehen sind moderne Gebäudetechnik, ein optimierter Energieeinsatz und die Nutzung erneuerbarer Energien.
Gerade Museen gelten aufgrund ihrer dauerhaften Klimatisierung als energieintensive Gebäudetypen. Die Herausforderung für die Planer besteht darin, den Schutz der Kunstwerke mit einem möglichst geringen Energieverbrauch zu verbinden.
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