Sprengmodus gegen Hartgestein 04.08.2026, 20:25 Uhr

Bohren, sprengen, weiterfahren: Chinas neue Tunnelmaschine

Chinas neue 400-t-Tunnelmaschine kombiniert mechanischen Vortrieb und Sprengtechnik. Was der offene Schneidkopf ermöglicht.

Die Tunnelbohrmaschine „Paulina“ nimmt in der südlichen Störungszone des zweiten Gotthard-Straßentunnels den Vortrieb wieder auf.

Die Tunnelbohrmaschine „Paulina“ nimmt in der südlichen Störungszone des zweiten Gotthard-Straßentunnels den Vortrieb wieder auf. Der monatelange Stillstand zeigt, welchen Aufwand schwierige Geologie verursachen kann – genau hier setzt Chinas neue Hybridmaschine „Xianglong“ mit ihrem kombinierten Bohr- und Sprengverfahren an.

Foto: picture alliance/KEYSTONE | URS FLUEELER

Fast elf Monate lang kam die Tunnelbohrmaschine „Paulina“ am Gotthard nicht voran. Rund 2000 m³ Fels hatten sich im Juni 2025 oberhalb ihres Bohrkopfs gelöst. Die Maschine war weder defekt noch festgefahren. Ein sicherer maschineller Vortrieb war in dem brüchigen Gebirge jedoch nicht mehr möglich.

Um den kritischen Bereich zu überwinden, stabilisierten die Bauleute das Gebirge mit Zementinjektionen. Anschließend sprengten sie einen rund 250 m langen Verbindungsstollen und arbeiteten sich von dort im Gegenvortrieb bis zur Maschine vor. Erst am 18. Mai 2026 konnte Paulina wieder starten.

Genau solche aufwendigen Wechsel zwischen maschinellem Vortrieb, Sprengungen und Sicherungsarbeiten will eine neue chinesische Tunnelmaschine vereinfachen. Die „Xianglong“ verbindet mechanischen Gesteinsabbau und Bohrsprengverfahren in einem System. In extrem hartem Fels versprechen die Entwickler eine um 30 % höhere Abbaueffizienz. Der Wert stammt allerdings aus Versuchen unter speziellen Bedingungen.

Die nach Angaben der Entwickler weltweit erste integrierte Bohr- und Sprengmaschine dieses Typs lief am 1. August 2026 in Wuhan vom Band. Entwickelt haben sie die Tsinghua-Universität und die China Railway Science & Industry Group.

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Die Xianglong in Zahlen

  • Länge: 70 m
  • Gewicht: rund 400 t
  • Ausbruchdurchmesser: 4,55 m
  • Zentraler Schneidkopf: 1,2 m Durchmesser
  • Rollenmeißel: 26 am zentralen Schneidkopf
  • Entwickler: Tsinghua-Universität und China Railway Science & Industry Group
  • Geplanter Ersteinsatz: chinesisches Pumpspeicherkraftwerk

Das Besondere ist der hohle Schneidkopf

Das technische Kernstück der Xianglong ist ein ringförmiger Schneidkopf mit einer Öffnung in der Mitte. Diese Öffnung lässt sich mit einem kleineren, ebenfalls mit Rollenmeißeln bestückten Schneidkopf verschließen.

Ist das Zentrum geschlossen, kann die Maschine den gesamten Tunnelquerschnitt mechanisch lösen. Sie arbeitet dann nach einem ähnlichen Prinzip wie eine konventionelle Hartgesteins-TBM. Die Abkürzung steht für „Tunnel Boring Machine“.

Wird der zentrale Schneidkopf entfernt, entsteht ein Zugang zum Gebirge vor der Maschine. Durch diesen Bereich können kleinere Geräte eingesetzt werden, um beispielsweise Sprenglöcher herzustellen, Wasser abzuleiten oder Injektionsmittel in den Fels einzubringen. Die Xianglong soll dadurch zwischen mehreren Arbeitsweisen wechseln können.

Drei Betriebsweisen in einer Maschine

Betriebsweise Konfiguration Vorgehen
Vollflächiger Vortrieb Zentrum geschlossen Ringförmiger und zentraler Schneidkopf lösen den gesamten Tunnelquerschnitt mechanisch
Sprengen vor dem Abbau Zentrum geöffnet Sprengungen lockern extrem harten Fels auf, anschließend trägt der Ringschneidkopf das Material ab
Abbau vor dem Sprengen Zentrum geöffnet Der Ringschneidkopf löst den äußeren Querschnitt, der verbleibende Gesteinskern wird danach gebrochen oder gesprengt

Die chinesischen Quellen bezeichnen diese Betriebsweisen sinngemäß als „Vollschnittvortrieb“, „Sprengen vor dem Bohren“ und „Bohren vor dem Sprengen“.

Hartgestein und Störungszonen erfordern unterschiedliche Lösungen

Die verschiedenen Betriebsweisen richten sich gegen zwei technisch unterschiedliche Probleme.

In sehr hartem und kompaktem Gestein können die Rollenmeißel nur geringe Eindringtiefen erreichen. Gleichzeitig steigen die Belastungen auf Werkzeuge, Lager und Schneidkopf. Der Vortrieb wird langsamer, während Verschleiß und Energiebedarf zunehmen können.

Eine vorausgehende Sprengung soll den Fels auflockern und Risse erzeugen. Der Ringschneidkopf muss das Gestein anschließend nicht mehr vollständig aus dem unbeschädigten Gebirgsverband lösen.

Anders sieht es in geologischen Störungszonen aus. Stark zerbrochenes Gestein, Hohlräume, weicher und verformbarer Fels sowie Wasser- oder Schlammeinbrüche können den Vortrieb unterbrechen. In diesem Fall ist nicht eine höhere Schneidleistung entscheidend, sondern die Möglichkeit, den Bereich vor der Maschine zu erkunden, abzudichten und zu stabilisieren.

Zwei Probleme, zwei Funktionen

Geologische Situation Problem für die TBM Ansatz der Xianglong
Extrem harter, kompakter Fels geringe Eindringtiefe, hohe Belastung der Rollenmeißel, steigender Verschleiß Vorsprengung erzeugt Risse und erleichtert den mechanischen Abbau
Störungszone, Wasser oder lockeres Gebirge Materialeintrag, Verformung oder Wasser können Schneidkopf und Schild blockieren Zentrale Öffnung ermöglicht Bohrungen, Injektionen, Entwässerung und Sicherungsarbeiten

Durch den Zugang in der Mitte des Schneidkopfs sollen kleinere Geräte direkt vor der Maschine eingesetzt werden können. Dort lassen sich beispielsweise Entwässerungsbohrungen herstellen oder Injektionsmittel in den Untergrund pressen.

Damit könnte das Gebirge stabilisiert oder abgedichtet werden, bevor die Maschine weiterfährt.

Paulina zeigt den Aufwand eines Verfahrenswechsels

Wie aufwendig solche Arbeiten werden können, zeigt der Bau der zweiten Röhre des Gotthard-Straßentunnels. Die rund 3000 t schwere Herrenknecht-Maschine Paulina erreichte im Juni 2025 nach 192 m Vortrieb die sogenannte Tremola-Zone auf der Südseite.

Am 25. Juni lösten sich rund 2000 m³ Gestein oberhalb des Bohrkopfs. Um Personal und Maschine zu schützen, wurde der maschinelle Vortrieb gestoppt. Über den parallel verlaufenden Service- und Infrastrukturstollen stabilisierten die Beteiligten den Bereich oberhalb der Maschine mit Zementinjektionen.

Für die weitere Arbeit reichte es nicht, die TBM einfach wieder anzufahren. Von einem bereits vorhandenen Zugangsstollen aus sprengten die Teams einen rund 250 m langen neuen Verbindungsstollen. Von dessen Ende aus brachen sie die obere Hälfte des künftigen Haupttunnels konventionell in Richtung Paulina aus und sicherten das Gebirge.

Die Maschine konnte anschließend den bereits vorbereiteten unteren Teil des Tunnelquerschnitts ausbrechen. Fast elf Monate nach dem Gesteinsniederbruch nahm sie ihren Betrieb wieder auf.

Der Gotthard-Fall zeigt, was die Xianglong leisten soll: Sie kann geologische Störungszonen nicht verhindern. Der zentrale Zugang könnte es aber erleichtern, Behandlungs- und Sprengarbeiten unmittelbar vor der Maschine auszuführen, ohne zuerst umfangreiche Umgehungs- oder Zugangsstollen herstellen zu müssen. Ob das unter realen Bedingungen tatsächlich funktioniert, ist noch nicht belegt.

Was die versprochenen 30 % wirklich bedeuten

Die Entwickler versprechen bei der Tunnelmaschine eine 30 % höhere Abbaueffizienz. Die Zahl von 30 % stammt nicht aus dem Einsatz der fertigen Xianglong auf einer Baustelle. Sie basiert auf Versuchen mit einer kleineren Vorläuferanlage aus dem Jahr 2024.

Dabei testeten die Entwickler drei Arbeitsweisen:

  • nur mit dem ringförmigen Schneidkopf,
  • nach einer Sprengung, die den Fels zuvor aufgelockert hatte,
  • mit geschlossenem Schneidkopf über den gesamten Tunnelquerschnitt.

Das beste Ergebnis erzielte die Maschine im extrem harten, zuvor gesprengten Fels. Nach Angaben der Tsinghua-Universität arbeitete der ringförmige Schneidkopf dort 30 % effizienter. Die Universität bezeichnete das Ergebnis allerdings selbst als vorläufig.

Wie genau der Versuch ablief, ist öffentlich nicht dokumentiert. Angaben zur Länge der Teststrecke, zur Festigkeit des Gesteins, zur benötigten Sprengstoffmenge sowie zu Energieverbrauch und Werkzeugverschleiß fehlen.

Außerdem kostet auch die Sprengung Zeit. Die Arbeiter müssen zunächst Bohrlöcher herstellen und mit Sprengstoff laden. Danach folgen Sicherheitskontrollen, Lüftung, das Räumen des gelösten Gesteins und dessen Abtransport.

Die 30 % bedeuten deshalb nicht, dass ein kompletter Tunnel 30 % schneller gebaut werden kann. Sie beziehen sich nur auf die Leistung des Schneidkopfs unter bestimmten Testbedingungen.

Wie schützt sich die Maschine vor den Sprengungen?

Die Kombination von Tunnelbohrmaschine und Sprengtechnik wirft weitere technische Fragen auf. Die Entwickler nennen zwar ein Schutzsystem, das empfindliche Komponenten gegen die Sprengwirkungen abschirmen soll. Detaillierte Angaben zu Aufbau und Belastbarkeit liegen jedoch nicht vor.

Entscheidend ist außerdem, wie schnell die Maschine ihre Betriebsart wechseln kann. Dauert der Ausbau des zentralen Schneidkopfs mehrere Schichten, könnte ein Teil des erhofften Zeitgewinns wieder verloren gehen.

Diese Fragen muss der Praxiseinsatz beantworten

  • Wie gut schützt die Konstruktion Lager, Dichtungen, Hydraulik und Sensorik vor den Sprengwirkungen?
  • Wie lange dauert der Wechsel zwischen den Betriebsarten?
  • Wie viel Sprengstoff und zusätzliche Arbeitszeit sind erforderlich?
  • Wie hoch sind Energiebedarf und Werkzeugverschleiß?
  • Eignet sich der herausgelöste Gesteinskern tatsächlich als Baustoff?
  • Entsteht unter realen Bedingungen ein messbarer Zeit- oder Kostenvorteil?

Die Entwickler wollen den beim ringförmigen Vortrieb entstehenden Gesteinskern direkt auf der Baustelle zerkleinern. Das Material könnte anschließend als Gesteinskörnung wiederverwendet werden.

Ob sich der Fels beispielsweise als Zuschlag für Beton eignet, hängt jedoch von seiner mineralogischen Zusammensetzung, Festigkeit und Kornform ab. Prüfergebnisse dazu wurden bislang nicht veröffentlicht.

Erster Einsatz in einem Pumpspeicherkraftwerk

Die Xianglong soll zunächst bei einem chinesischen Pumpspeicherkraftwerk zum Einsatz kommen. Welches Projekt gemeint ist, haben die beteiligten Institutionen bisher nicht eindeutig mitgeteilt.

Mit einem Ausbruchdurchmesser von 4,55 m ist die Maschine deutlich kleiner als Tunnelbohrmaschinen für zweigleisige Eisenbahn- oder mehrspurige Straßentunnel. Der Durchmesser passt dagegen zu Wasser-, Zugangs- oder Versorgungstunneln eines Wasserkraftprojekts.

Der Baustelleneinsatz muss nun zeigen, ob die Xianglong ihre Betriebsarten zuverlässig wechseln kann und ob die Kombination aus mechanischem Abbau und Sprengtechnik tatsächlich Zeit oder Kosten spart.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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