Industrie im Wettbewerb 24.04.2026, 17:20 Uhr

Digitale Transformation: Wird Industrie 4.0 zum Booster für industrielle KI?

Die KI soll zum Differenzierungsmerkmal für die deutsche Industrie werden. Eine Basis dafür ist da. Doch es geht auch um politische Reformen und Themen wie Hydraulik und Medizin.

Siemens-Manager Cedrik Neike motiviert das Publikum

Cedrik Neike, Mitglied des Vorstands und CEO Digital Industries der Siemens AG, machte auf dem Leaders' Dialogue 2026 den Weg von Industrie 4.0 zu Industrie 4 AI deutlich.

Foto: Martin Ciupek

Bis heute gehen die Meinungen über Erfolge und Misserfolge der Plattform Industrie 4.0 auseinander. Deutlich wird jetzt aber auch, dass vieles, was vor 15 Jahren für die Industrie noch Vision war, inzwischen funktioniert und eine Basis für den Einsatz von KI sein kann. Die Smart Factory KL lieferte dazu auf der Hannover Messe ein lebendiges Beispiel, wie einfache digitalisierte Produktionsmodule inzwischen zusammengesetzt werden können.

Doch für die Vorreiter geht es längst nicht mehr nur um Plug&Play. Gemeinsame Standards, eine einheitliche Semantik und Datenräume sind für sie die Basis für den nächsten Schritt: die Industrielle KI. Aus „Industrie 4.0 wird Industrie 4AI“ bzw. industrielle KI, war auf der Hannover Messe 2026 beim Leaders‘ Dialogue 2026 der Plattform zu hören. Meist wird dabei der englische Begriff AI für Artificial Intelligence verwendet.

Die Sprecherinnen und Sprecher waren sich einig: Deutschland hat mit seinem Domänenwissen aus diversen Industriezweigen sowie den Standards für den Datenaustausch eine gute Ausgangslage im globalen Wettbewerb für industrielle KI. Für die Plattform bedeutet das eine Anpassung ihres Kurses.

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Chancen und Risiken für die Industrie im KI-Hype-Cycle

Denjenigen, denen der Hype um KI suspekt ist, machte Cedrik Neike, Mitglied des Vorstands der Siemens AG, deutlich: „Es gibt drei Sachen, die wir alle im KI-Hype-Cycle brauchen.“ Für ihn sind das Neugier, Demut und Mut.

„Wir müssen heute die Augen öffnen, anstatt Angst zu haben“, machte er zum Stichwort Neugier deutlich. Um diese Neugier zu fördern, habe Siemens deshalb Entwickler für eine Woche freigestellt und mit Large-Language-Modellen (LLM) spielen lassen. Die Aufgabe: „Schaut mal: Wie könnte euch das helfen?“

Aus eigener Erfahrung weiß Neike, dass in solchen Umbruchphasen Namen und Titel nicht zählen. Bei Siemens habe er erlebt, wie das Unternehmen die Veränderungen in der Telekommunikationssparte verschlafen habe. Innerhalb weniger Jahre sei man von einem Top-Anbieter in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht und habe die Sparte letztlich verkauft. Diese Demut prägt sein Handeln im aktuellen Umbruch.

Das Wichtigste ist für den Siemens-Manager aber Mut, weil nach dem Hype zunächst noch eine Phase der Ernüchterung kommt. Er stellte fest: „Alle Entscheidungen, die wir jetzt treffen, werden schwierig sein.“ Aber: „Wir müssen mutig sein, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wir haben bereits einige wichtige Entscheidungen in Deutschland verschlafen.“

Podium mit Cedrik Neike, Tanja Rückert, Katherina Reiche, Rolf-Dieter Jungk und Moderatorin
Auf dem Leaders‘ Dialogue 2026 machte Katherina Reiche die Rolle von industrieller KI für das Bundeswirtschaftsministerium deutlich. Foto: Martin Ciupek

Unternehmen sollen den Datenschatz teilen

Eine zukunftsweisende Entscheidung betrifft aus seiner Sicht den Umgang mit dem „Datenschatz“ für das Training industrieller KI. Er sagte: „Wir sind alle darauf trainiert, dass unsere Daten unsere Daten sind.“  Siemens sage aber heute: „Alle Daten, die es bei Siemens gibt und die nicht kritisch sind, werden mit anderen geteilt.“ Neike stellte fest: „Für das Mindset unserer Forscher ist ein Riesenunterschied. Denn eigentlich sind ihre Daten ihre Daten.“

Das reicht über die Grenzen des eigenen Unternehmens hinaus. Denn, obwohl Siemens als Anbieter und Anwender mit eigenen Fabriken agiert, sind dem Unternehmen dabei Partnerschaften wichtig. So wurde im September eine Datenallianz mit führenden Unternehmen der Werkzeugmaschinenbranche gebildet. Dazu gehören Firmen wie DMG Mori und Trumpf.

Neikes Zwischenfazit lautet deshalb: „Wir haben mit Industrie 4.0 das Fundament für industrielle KI gelegt.“ Er mahnte in Hannover aber auch: „Jetzt haben wir keine zehn Jahre, um das KI-Thema mit aufzusetzen. Jetzt müssen wir schnell sein.“ Sein Appell: „Wir haben die Chancen dazu. Wir haben sehr starke Akteure dazu. Wir müssen alle zusammenbringen und sie beschleunigen.“

Unternehmen und Politik entwickeln beim Leaders‘ Dialogue gemeinsames Verständnis

Genau das zeigten die Messe und der Leaders‘ Dialogue 2026 deutlich. Die Führungskräfte-Runde wird seit einigen Jahren von den beiden Bundesministerien für Wirtschaft (BMWE, zuvor BMWi) und Forschung (BMFTR, zuvor BMBF) ausgerichtet. Klangen die ersten Absichtserklärungen von Unternehmen wie Bosch, Siemens und der Telekom zu gemeinsamen Zielen anfangs noch improvisiert, so lässt sich inzwischen ein gemeinsamer Geist erkennen.

Der geht zudem weit über den Kern der industriellen Produktion hinaus. So machte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche deutlich: „Unsere Energiewende wird nur funktionieren, wenn wir in der Lage sind, unsere Netzwerke autonom und digital zu steuern.“

Reiche schloss sich dabei der in Hannover zuvor mehrfach geäußerten Kritik der Industrie am AI Act der Europäischen Union an. Es gehe darum, dass Unternehmen und insbesondere der Industrielle Mittelstand ihre Daten zum Training nutzen können. Bisher würde die Industrie behandelt wie Chatbots, die auf persönliche Daten zugreifen. Reiche möchte „nicht tatenlos zusehen, dass beispielsweise Siemens, aber auch unsere OEMs autonome Autos in Kalifornien trainieren müssen, weil sie es hier nicht dürfen“.

Der Schritt, KI nun in industrielle Erfolgsbeispiele einfließen zu lassen, ist auch ihrer Meinung nach „eine Riesenchance, weil der lange Anlauf von Industrie 4.0 jetzt in einen Erfolg münden kann“.

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KI soll komplexe Zusammenhänge in der Industrie für den Mittelstand handhabbar machen

Rolf-Dieter Jungk, Staatssekretär im BMFTR, sieht vor allem ein ganzheitliches Denken als Erfolgschance für die Industrie in Deutschland und Europa. „Die KI macht es möglich, Dinge zusammenzubringen, die bisher nicht zusammengebracht wurden“, stellte er in Hannover fest. Er machte aber auch deutlich, dass dafür Kooperationen auf vielen Ebenen nötig sind ‒ zwischen Forschung und Anwendung sowie innerhalb der Unternehmenswelt.

 „Nur wenn wir konsequent strukturiert und entschlossen in Innovationsökosystemen denken, haben wir eine Chance für unser Land und für Europa.“ Nur so könne man die Vorteile und Möglichkeiten, die KI biete, nutzen, fasste er zusammen. Vor allem wünscht er sich, dass der Mittelstand davon profitiert. „Der ist innovativ, flexibel und lösungsorientiert.“ Aber er habe keine Zeit, 30 300-seitige Handbücher zu lesen. Er brauche Technologien, die „direkt anwendbar und zukunftsorientiert sind“, machte er deutlich. Er forderte praxistaugliche Lösungen. Deshalb unterstütze sein Ministerium beispielsweise Initiativen wie „Made in Germany“ und „Next Level Mittelstand“.

KI-Strategie: Industrie übt Kritik an Regierung

Bosch-CDO Tanja Rückert lobte zwar die Ansätze der Bundesregierung, sich in Brüssel beim AI Act für die Industrie einzusetzen und beim IPCEI (Important Project of Common European Interest) für künstliche Intelligenz einzustehen. Sie ließ aber auch Kritik an der Umsetzung von Programmen anklingen. „Wenn man immer in der Forschung stecken bleibt, fehlen manchmal die finanziellen Mittel, dass man das noch umsetzen kann. Das heißt, wenn wir Programme machen – und wir sind große Fans von IPCEI AI ‒, dann sollte man es auch bis zum Ende durchdenken und die Umsetzung schneller machen“, forderte sie.

Tanja Rückert (Bosch) spricht mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche
Bosch-CDO Tanja Rückert verdeutlicht Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die Bedürfnisse der Industrie beim Einsatz von KI. Foto: Martin Ciupek

Rückert würde es begrüßen, wenn die industrielle KI aus dem AI Act herausgenommen würde. Sie nannte im Zusammenhang mit einer erfolgreichen KI-Strategie in Deutschland noch weitere Aspekte wie Energiepreise, Infrastruktur und Zugang zu Computer-Power.

Die Bosch-Managerin verwies dabei auf wirtschaftliche Aspekte: „Wir wollen ja auch Geld damit verdienen. Und in der Vergangenheit haben wir uns manchmal vielleicht doch ein bisschen zu sehr auf die Forschung konzentriert.“ Hier sei mehr Pragmatismus gefordert. Selbstkritisch stellte sie fest: „Manchmal denken wir, es muss total ausgefeilt sein. Nein, es geht auch um Machen und Voranbringen.“

Bosch und Siemens skalieren bereits KI-Lösungen: Was ist mit der Fluidtechnik?

Sowohl Bosch als auch Siemens haben bereits zahlreiche Anwendungsbeispiele für den Einsatz von KI in der Industrie in Produktion, Produktentwicklung und Wartung. Siemens-Manager Neike dazu: „Wir haben uns ganz schön weit nach vorne gelehnt, weil wir in die Skalierung gegangen sind. Wir haben 150 Produkte mit AI.“ Das reiche von der Hardware bis zur Software. Beispielsweise wurden GPU-Supercomputer in den Edge-Lösungen von Siemens verbaut. „Die laufen jetzt z. B. bei Audi, um Schweißpunkte-Analysen zu machen“, berichtete er. Und: „Wir sind eine der drei Firmen, die mit denen die Mikrochips designen können. Da nutzen wir KI.“ Sowohl Nvidia als auch Samsung setzten diese Designwerkzeuge bereits ein.

Bosch-Managerin Rückert hat dabei nicht nur den KI-Einsatz in der Industrie und der Automobilbranche im Blick, die aktuell die Schlagzeilen dominieren.  „In der Fluidtechnik sind wir Marktführer in Deutschland und Europa“, machte sie deutlich. Es gehe also nicht nur darum, Neues voranzutreiben. Es sei auch wichtig, die starken Branchen weiter zu befähigen.

„Hier geht es darum, ein europäisches Ökosystem für die Fluidtechnik aufzubauen. Und ich glaube, damit werden wir unsere Marktführerschaft, die wir als Europa in der Welt haben, stärken und auch sichern“, so die Bosch-Managerin. „Das werden wir zusammen umsetzen“, sagte sie und erntete dafür viel Applaus auf der Industriemesse.

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Hightech-Agenda für Deutschland: KI-Ökysyteme als Treiber für Roboter und Medizin

BMFTR-Staatssekretär Jungt sieht die KI im Zusammenhang mit der „Hightech Agenda Deutschland“ (HTAD) und bezieht weitere Anwendungsbereiche mit ein. Er sagte: „Wir haben uns in der Agenda zum Ziel gesetzt, 10 % der Wirtschaftsleistung in Deutschland bis 2030 KI-basiert zu machen.“ Eine Roadmap dazu soll im Mai erscheinen. Zusammen mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft habe sein Ministerium dafür Leistungskennzahlen (KPI) und Zeitfenster für die Zielgruppen erarbeitet.

Zwei Bereiche hob Jungt dabei besonders hervor: die Robotik, für die KI ein Booster sei, sowie die prädiktive und präventive Medizin. „Wir haben in der Biotechnologie auch in Deutschland hervorragende Kompetenzen“, so der Staatssekretär. Er hat dabei schwere Krankheiten im Blick. Durch KI seien die z. B. in der Krebs-Therapie besser zu bekämpfen als zuvor. Allerdings sei angesichts der Belastungen im Gesundheitssystem die Industrialisierung der Produktion solcher Medikamente dringend nötig. „Das geht nur mit KI“, unterstrich er.

Ein Beitrag von:

  • Martin Ciupek

    Martin Ciupek ist Ingenieur und Technikjournalist mit den Schwerpunkten Maschinenbau, Robotik und Automatisierungstechnik.

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