China testet Humanoide für den Häuserkampf, wie realistisch ist das?
China bereitet humanoide Roboter auf militärische Einsätze vor. Warum zwei Beine dabei zugleich Vorteil und technisches Problem sind.
Humanoide Roboter müssen auch Hindernisse und unebenes Gelände bewältigen. China untersucht inzwischen, wie sich solche Systeme künftig auch militärisch einsetzen lassen.
Foto: picture alliance / Xinhua News Agency | Ju Huanzong
China erforscht humanoide Roboter für militärische Einsätze. Sie sollen aufklären, patrouillieren und eines Tages möglicherweise gemeinsam mit Soldaten Gebäude durchsuchen. Doch die spektakulären Zweibeiner haben ein Problem: Für viele Aufgaben sind Roboter auf vier Beinen, Rädern oder Ketten technisch einfacher und robuster. Warum interessiert sich das Militär trotzdem für die menschliche Körperform?
Noch vor wenigen Tagen rannten, boxten und tanzten humanoide Roboter bei den World Humanoid Robot Games in Peking. Was dort wie eine technische Leistungsschau wirkte, hat für Chinas Militär längst eine ernstere Seite.
Nach einer aktuellen Reuters-Recherche prüfen chinesische Militärinstitutionen systematisch, wie sich humanoide Roboter für militärische Aufgaben nutzen lassen. Dafür wertete die Nachrichtenagentur mehr als 100 Beschaffungsunterlagen, wissenschaftliche Arbeiten, Patente, Veröffentlichungen staatlicher Stellen und Materialien chinesischer Rüstungskonzerne aus.
Von einsatzbereiten Roboter-Soldaten ist China allerdings noch entfernt. Reuters fand keinen Beleg dafür, dass die Volksbefreiungsarmee bereits bewaffnete humanoide Roboter in regulären Einheiten nutzt. Die Technik befindet sich überwiegend noch in Forschung und Erprobung. Wohin die Entwicklung gehen soll, zeichnet sich dennoch klar ab.
Inhaltsverzeichnis
- Chinesische Militäruniversität übt die „Infiltration hinter feindlichen Linien“
- Sechs Roboter sollen gemeinsam ein Gebäude räumen
- Warum braucht ein Kampfroboter überhaupt zwei Beine?
- Für viele Aufgaben sind vier Beine die bessere Lösung
- Ein Akku hält nicht durch einen langen Einsatz
- Norinco setzt zunächst auf Fernsteuerung
- Fernsteuerung macht die Funkverbindung zum Schwachpunkt
- Wann entscheidet der Roboter selbst?
- Auch die US Army arbeitet an militärischen Humanoiden
- Der humanoide Soldat steht noch nicht vor der Tür
Chinesische Militäruniversität übt die „Infiltration hinter feindlichen Linien“
Besonders deutlich wird der militärische Anspruch bei der National University of Defense Technology, kurz NUDT. Die Militäruniversität zählt zu den wichtigsten Forschungseinrichtungen der chinesischen Streitkräfte. Im Juni 2025 schrieb sie einen Wettbewerb für humanoide Roboter aus. Die Aufgaben hatten mit typischen Anwendungen in Haushalt oder Industrie nur wenig zu tun.
Ein Teil orientierte sich an militärischen Fitnesstests: Die Roboter sollten unter anderem laufen, Liegestütze machen und Sit-ups absolvieren. Noch aufschlussreicher war jedoch der Orientierungslauf. Dabei simulierte die Hochschule nach eigenen Angaben eine „Infiltration hinter feindlichen Linien“. Die Roboter sollten sich in unbekanntem Gelände zurechtfinden, dreidimensionale Karten erstellen, selbstständig navigieren und vorgegebene Ziele suchen, erkennen und lokalisieren.
Auch beim Zweck des Wettbewerbs hielt sich die Universität kaum zurück. Er solle humanoiden Robotern ein Übungsfeld bieten und ihre Entwicklung für künftige Einsätze auf dem Schlachtfeld vorantreiben. Ein weiteres Szenario drehte sich um Wach- und Kontrollaufgaben in militärischen Anlagen. Dort sollten die Maschinen Personen identifizieren, Regeln überwachen und selbstständig Patrouillen durchführen.
Das geht deutlich über die spektakulären Boxkämpfe hinaus, mit denen chinesische Roboterhersteller zuletzt international Aufmerksamkeit erzeugten. Was technisch hinter solchen Maschinen steckt, haben wir bereits im Beitrag „Merz in China: Was steckt hinter Unitrees Box-Robotern?“ beschrieben.
Sechs Roboter sollen gemeinsam ein Gebäude räumen
Noch konkreter wird ein Szenario, das Forschende der NUDT 2025 beschrieben haben. Darin sollen künftig sechs sogenannte Kampfroboter gemeinsam mit Soldaten ein besetztes Gebäude räumen. Dabei geht es nicht nur um humanoide Maschinen. Das Konzept bezieht auch vierbeinige Roboter und unbemannte Fahrzeuge ein.
Die Systeme sollen auf zwei Angriffstrupps verteilt werden und sich gemeinsam mit Soldaten Stockwerk für Stockwerk, Raum für Raum durch das Gebäude bewegen. Reuters zufolge rechnen die Autoren damit, dass die dafür nötige Technik innerhalb von fünf bis zehn Jahren verfügbar sein könnte.
Offen bleibt allerdings, welche Waffen solche Roboter tragen würden und nach welchen Regeln sie eingesetzt werden dürften. Gerade dieses Szenario zeigt, warum sich das chinesische Militär überhaupt für humanoide Roboter interessiert.
Warum braucht ein Kampfroboter überhaupt zwei Beine?
Auf den ersten Blick wirkt die menschliche Körperform für einen Kampfroboter unnötig kompliziert. Zwei Beine sind schwieriger zu stabilisieren als Räder, Ketten oder vier Beine. Trotzdem hat ein humanoider Aufbau einen klaren Vorteil: Unsere Umgebung ist für Menschen gemacht.
Treppen, Türen, Leitern, Werkzeuge, Fahrzeuge und Bedienelemente sind auf einen aufrechten Körper mit zwei Armen und Händen ausgelegt. Ein humanoider Roboter könnte sich darin bewegen und vorhandene Technik nutzen, ohne dass Gebäude, Maschinen oder Fahrzeuge eigens für ihn angepasst werden müssten.
Das ist vor allem in Gebäuden, Tunneln, Schiffen oder Industrieanlagen interessant. Dort könnte ein Roboter Treppen steigen, Türen öffnen, Gegenstände greifen oder Geräte bedienen – also Aufgaben übernehmen, für die ein Radfahrzeug oder Roboterhund nur eingeschränkt geeignet ist. Im offenen Gelände verschieben sich die Vorteile allerdings deutlich.
Für viele Aufgaben sind vier Beine die bessere Lösung
Zwei Beine sehen spektakulär aus, technisch sind sie aber eine Herausforderung. Ein humanoider Roboter muss bei fast jeder Bewegung sein Gleichgewicht halten und dafür zahlreiche Gelenke präzise aufeinander abstimmen.
Schon ein rutschiger Untergrund, eine Kante oder ein unerwarteter Stoß kann die Regelung fordern. Reagiert sie nicht schnell genug, stürzt die Maschine.
Rad- und Kettenfahrzeuge haben es deutlich einfacher. Auch vierbeinige Roboter stehen stabiler, weil sie mehrere Kontaktpunkte zum Boden haben. Bei langsamer Bewegung können meist drei Beine gleichzeitig das Gewicht tragen.
Kurz gesagt:
- Räder und Ketten: schnell, robust und vergleichsweise energieeffizient auf geeignetem Untergrund
- Vier Beine: gut für unebenes Gelände und Hindernisse
- Zwei Beine: aufwendig zu stabilisieren, dafür besser an eine für Menschen gebaute Umgebung angepasst
Reuters zitiert Fachleute, die Rad-, Ketten- und vierbeinige Systeme deshalb für viele Aufklärungs- und Transportaufgaben als günstiger und leichter skalierbar einschätzen.
China erprobt solche Maschinen bereits militärisch. Roboterhunde kamen bei Übungen unter anderem für Aufklärungsaufgaben zum Einsatz. Der Weg vom kommerziellen Vierbeiner zum militärischen System ist technisch deutlich kürzer als der zum vielseitig einsetzbaren humanoiden Roboter.
Damit sind Humanoide allerdings nicht automatisch die schlechtere Lösung. Ihre Stärke liegt nur an anderer Stelle: weniger auf freiem Feld, dafür eher dort, wo Treppen, Türen, Werkzeuge und andere Einrichtungen für Menschen gebaut wurden.
Ein Akku hält nicht durch einen langen Einsatz
Ein weiteres Problem ist die Energieversorgung. Humanoide Roboter verbrauchen auch dann Strom, wenn sie nur stehen. Motoren stabilisieren die Gelenke, Rechner verarbeiten Sensordaten, die Steuerung hält den Körper im Gleichgewicht. Wie schnell sich das bemerkbar macht, zeigen Messungen des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA am Unitree G1.
Gemessene Leistungsaufnahme:
- im Stand: rund 154 W
- beim Gehen auf ebener Strecke: etwa 272 W
- bei 10 % Steigung: rund 283 W
Für ein typisches Szenario aus Stehen und Gehen kam Fraunhofer auf eine Betriebszeit von nur 1 h 49 min pro Akkuladung. Der G1 ist kein Militärroboter. Die Werte lassen sich deshalb nicht direkt auf chinesische Systeme übertragen. Sie zeigen aber den grundsätzlichen Engpass: Ein Humanoid muss nicht nur bewegt werden, er muss sich permanent selbst stabilisieren.
Im militärischen Einsatz kämen weitere Verbraucher hinzu, etwa Kameras, Wärmebildsensoren, Funktechnik und leistungsfähige Rechner. Auch zusätzliche Nutzlast erhöht den Energiebedarf. Mehr Akkus würden die Einsatzdauer verlängern, machen den Roboter aber schwerer. Das belastet Gelenke und Antriebe und kostet beim Gehen wiederum zusätzliche Energie.
Damit wird aus einem technischen Problem schnell ein logistisches: Akkus müssen geladen, transportiert und möglichst nahe am Einsatzort gewechselt werden. Für längere Missionen reicht es also nicht, nur einen leistungsfähigen Roboter zu bauen. Auch seine Energieversorgung muss bis ins Einsatzgebiet organisiert werden.
Norinco setzt zunächst auf Fernsteuerung
Wie schwer vollständig autonome Humanoide noch umzusetzen sind, zeigt auch der Fuxi-Roboter des staatlichen chinesischen Rüstungskonzerns Norinco. Fuxi wurde 2026 für Wach- und Patrouillenaufgaben, Aufklärung bei unterschiedlichen Wetterbedingungen und Einsätze in gefährlichen Bereichen vorgestellt. Besonders interessant ist die Steuerung. Ein menschlicher Bediener kann seine eigenen Bewegungen auf den Roboter übertragen. Norinco bezeichnet dieses Prinzip als „External Avatar“.
Vereinfacht funktioniert das so:
- Der Mensch bewegt Arme und Körper.
- Sensoren erfassen diese Bewegungen.
- Die Steuerung überträgt sie auf den Roboter.
- Der Roboter führt die Bewegung im Gefahrenbereich aus.
Der Bediener kann dabei außerhalb des unmittelbaren Einsatzortes bleiben. Das System ist für Humanoide der Größenordnung von rund 90 kg ausgelegt. Nach Angaben des Herstellers sollen außerdem mehrere Fuxi-Roboter gemeinsam eingesetzt werden können.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Der Roboter muss nicht jede Situation selbst erkennen, einordnen und bewerten. Viele komplexe Entscheidungen bleiben beim Menschen. Damit verschwindet das technische Problem allerdings nicht. Es verlagert sich nur – auf die Funkverbindung.
Fernsteuerung macht die Funkverbindung zum Schwachpunkt
Fernsteuerung funktioniert nur, solange die Datenverbindung zuverlässig steht. In einer Fabrikhalle lässt sich das meist gut beherrschen. In einem militärischen Einsatzgebiet sieht es anders aus. Dort kann Funk gezielt gestört werden. Hinzu kommen ganz praktische Hindernisse wie Stahlbetonwände, Keller, Tunnel oder Gelände, das die Verbindung abschattet.
Schon Verzögerungen können die Steuerung erschweren. Sinkt zusätzlich die Datenrate, reagiert der Roboter träger. Fällt die Verbindung ganz aus, braucht er einen Plan für genau diesen Moment. Deshalb dürfte die praktikabelste Lösung zwischen Fernsteuerung und vollständiger Autonomie liegen.
Der Mensch gibt das Ziel vor und behält kritische Entscheidungen in der Hand. Der Roboter übernimmt dagegen Aufgaben, die er lokal und ohne permanente Funkverbindung bewältigen kann – etwa das Gleichgewicht halten, Hindernissen ausweichen, einen Weg finden oder sich bei Verbindungsabbruch in eine sichere Position zurückziehen.
Genau solche Fähigkeiten sind auch aus anderen militärischen KI-Systemen bekannt. Im Beitrag „Alle reden über Killerroboter, doch Armeen investieren Milliarden in etwas anderes“ haben wir beschrieben, warum Sensorik, Datenverarbeitung und verlässliche Kommunikation für Streitkräfte derzeit oft wichtiger sind als vollständig autonome Waffen.
Wann entscheidet der Roboter selbst?
Je autonomer ein Roboter arbeitet, desto wichtiger wird die Frage, welche Entscheidungen weiterhin beim Menschen bleiben müssen. Auch in chinesischen Militärpublikationen wird darüber bereits diskutiert. Reuters verweist auf einen Beitrag der PLA Daily, der mögliche Einsatzstufen beschreibt – von unterstützenden Aufgaben bis hin zu direkten Kampfeinsätzen.
Ein Beispiel: Ein humanoider Roboter erkennt einen Menschen als mögliches Ziel, darf aber erst nach Bestätigung durch einen menschlichen Bediener schießen. Das ist bislang keine verbindliche chinesische Einsatzdoktrin. Es zeigt aber, welche Szenarien Militärplaner und Forschende bereits durchspielen.
Dabei verläuft die Grenze nicht einfach zwischen Robotern mit und ohne künstliche Intelligenz. Schon ein System, das selbstständig durch ein Gebäude navigiert, Hindernissen ausweicht und einen sicheren Weg sucht, arbeitet in hohem Maß autonom. Die eigentliche Schwelle liegt deshalb an anderer Stelle: Wer entscheidet, dass ein Mensch zum Ziel wird – und wer gibt den Einsatz tödlicher Gewalt frei?
Auch die US Army arbeitet an militärischen Humanoiden
China ist mit diesen Überlegungen nicht allein. Die US Army hat mit xTechHumanoid einen eigenen Wettbewerb für militärische Humanoide gestartet. Gesucht werden Systeme, die künftig gemeinsam mit Soldaten eingesetzt werden könnten.
Die genannten Aufgaben reichen von Wach- und Aufklärungsmissionen über das Räumen von Hindernissen und Einsätze bei chemischen, biologischen oder radioaktiven Gefahren bis zu offensiven und defensiven Aufgaben in urbanem Gelände.
Besonders aufschlussreich sind die Entwicklungsprobleme, für die die Army ausdrücklich Lösungen sucht. Dazu gehören leistungsfähigere Sensoren, autonome Missionsplanung, Energieversorgung sowie Schutz gegen physische und elektronische Angriffe. Die Probleme sind also auf beiden Seiten ähnlich.
Der humanoide Soldat steht noch nicht vor der Tür
Die Bilder sind spektakulär: Humanoide Roboter rennen, schlagen Purzelbäume oder treten gegeneinander an. Mit einem einsatzreifen autonomen Soldaten hat das aber noch wenig zu tun.
Ein militärischer Roboter müsste deutlich mehr leisten. Er müsste:
- sich auf unbekanntem und unebenem Gelände sicher bewegen,
- Stürze und Beschädigungen verkraften,
- bei Staub, Regen und schwierigen Umweltbedingungen funktionieren,
- sparsam mit Energie umgehen,
- auch bei gestörter Funkverbindung weiterarbeiten
- und all das über längere Zeit zuverlässig wiederholen.
Gerade bei dieser Dauerfestigkeit und Zuverlässigkeit liegen die Schwächen heutiger Humanoider. China untersucht dennoch intensiv, wo die menschliche Körperform militärisch Vorteile bringen könnte. Der naheliegendste Einsatzort ist dabei wohl nicht das offene Schlachtfeld, sondern eine Umgebung, die für Menschen gebaut wurde: Gebäude, Tunnel, Schiffe oder technische Anlagen.
Quellen
- Reuters: From dance floor to war – China readies humanoid robots for combat
- National University of Defense Technology: Wettbewerb für humanoide Roboter 2025
- People’s Daily Online / Global Times: Norinco stellt humanoiden Roboter Fuxi vor
- Fraunhofer IPA: Benchmark und Praxistests humanoider Roboter
- U.S. Army: xTechHumanoid – Anforderungen an militärische humanoide Systeme
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