Fast Defence 09.06.2026, 07:00 Uhr

Alle reden über Killerroboter, doch Armeen investieren Milliarden in etwas anderes

Vergessen Sie Killerroboter: Die eigentliche KI-Revolution findet im Hintergrund statt. Wie Algorithmen Satelliten-, Radar- und Drohnendaten verknüpfen.

Soldat steht vor Bildschirmen

Die Zukunft der Verteidigung entscheidet sich nicht am Abzug, sondern im Rechenzentrum. Warum KI vor allem Daten intelligent verknüpft.

Foto: Smarterpix / DragosCondreaW

Wenn von künstlicher Intelligenz im Militär die Rede ist, denken viele sofort an autonome Waffensysteme oder sogenannte Killerroboter. Die öffentliche Debatte dreht sich häufig um die Frage, ob Maschinen künftig selbst über Leben und Tod entscheiden könnten.

Wer derzeit jedoch mit Verantwortlichen aus Streitkräften, Industrie oder Verteidigungspolitik spricht, hört meist etwas ganz anderes. Dort geht es um Daten, Vernetzung und Geschwindigkeit. Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, einen Roboter den Abzug betätigen zu lassen. Sie besteht darin, riesige Informationsmengen so schnell auszuwerten, dass Menschen bessere Entscheidungen treffen können.

Genau diese Frage steht auch im Mittelpunkt der VDI-Konferenz „Fast Defence – Industrialisierung der Verteidigung“. Dort diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus Industrie, Bundeswehr und Politik darüber, wie aus vorhandenen Technologien tatsächlich einsatzfähige Fähigkeiten entstehen. Denn moderne Verteidigung entscheidet sich längst nicht mehr nur auf dem Gefechtsfeld. Sie beginnt bei Software, Sensorik und der Fähigkeit, komplexe Systeme miteinander zu verbinden.

Das größte Problem moderner Streitkräfte heißt Datenflut

Moderne Konflikte erzeugen gewaltige Mengen an Informationen. Satelliten liefern hochauflösende Bilder. Aufklärungsdrohnen senden stundenlang Videos. Radarsysteme überwachen den Luftraum. Hinzu kommen Funksignale, Infrarotdaten, Schiffspositionsdaten und öffentlich verfügbare Informationen aus sozialen Netzwerken oder Nachrichtenseiten.

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In militärischen Fachkreisen spricht man von C5ISR-Systemen – also vernetzten Strukturen für Führung, Kommunikation, Cyberabwehr, Aufklärung und Überwachung. Die Herausforderung ist offensichtlich: Kein menschlicher Stab kann Millionen Bilder, Videos und Sensordaten in Echtzeit vollständig auswerten.

Genau aus diesem Grund startete das US-Verteidigungsministerium vor einigen Jahren das Projekt Maven. Sein ursprünglicher Auftrag war erstaunlich unspektakulär: Die KI sollte Aufnahmen von Überwachungsdrohnen automatisch durchsuchen und auffällige Objekte markieren. Analystinnen und Analysten sollten dadurch entlastet werden.

Der erste praktische Einsatz militärischer KI bestand also nicht darin, Waffen autonom zu steuern. Er bestand darin, Menschen bei der Analyse riesiger Datenmengen zu unterstützen.

Sensorfusion: Mehrere Systeme sehen mehr als eines

Der eigentliche Kern moderner militärischer KI liegt in der sogenannten Sensorfusion. Dabei verarbeitet die Software nicht nur einzelne Datenquellen, sondern verknüpft sie miteinander. Ein Fahrzeug kann beispielsweise gleichzeitig auf einem Radarschirm erscheinen, von einer Infrarotkamera erkannt und auf einem Videobild identifiziert werden. Stimmen alle Informationen überein, steigt die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Klassifizierung deutlich.

Zu den wichtigsten Datenquellen gehören:

  • optische Kameras,
  • Infrarotsensoren,
  • Synthetic Aperture Radar (SAR),
  • Funkaufklärung (SIGINT),
  • Satellitenbilder,
  • AIS-Daten des Schiffsverkehrs,
  • klassische Radarsysteme,
  • Open Source Intelligence (OSINT).

Erst durch diese Kombination entsteht ein umfassendes Lagebild. Genau diese Fähigkeit entwickelt sich derzeit zu einer der wichtigsten Technologien moderner Streitkräfte.

Wer schneller versteht, verschafft sich einen Vorteil

Militärstrategen sprechen seit Jahrzehnten vom sogenannten OODA-Loop. Die Abkürzung steht für Observe, Orient, Decide und Act – also Beobachten, Einordnen, Entscheiden und Handeln.

In modernen Konflikten verschafft sich häufig die Seite einen Vorteil, die diesen Zyklus schneller durchläuft als ihr Gegner. Künstliche Intelligenz unterstützt dabei vor allem die ersten beiden Phasen:

Phase Unterstützung durch KI
Observe Sensordaten sammeln
Orient Daten verknüpfen und Muster erkennen
Decide Handlungsoptionen berechnen
Act Mensch bewertet und gibt Maßnahmen frei

Die KI ersetzt den Menschen dabei nicht. Sie liefert Entscheidungsgrundlagen. Die Verantwortung bleibt bei den handelnden Personen.

Die eigentliche Herausforderung heißt Integration

Europa verfügt heute über leistungsfähige Sensoren, moderne Drohnen, innovative Softwareunternehmen und eine starke Industrie. Trotzdem dauert es häufig Jahre, bis neue Technologien tatsächlich einsatzfähig sind.

Der Grund liegt oft nicht in der Technik selbst. Satelliten, Drohnen, Radare, Funknetze und Führungssoftware müssen miteinander kommunizieren. Unterschiedliche Hersteller, verschiedene Standards und komplexe Beschaffungsprozesse erschweren diese Integration.

Genau deshalb gewinnt der Systemgedanke derzeit stark an Bedeutung. Moderne Verteidigungsfähigkeit entsteht nicht durch einzelne technische Innovationen. Entscheidend ist das Zusammenspiel vieler Komponenten.

Diese Frage steht auch im Zentrum der VDI-Konferenz „Fast Defence“. Dort diskutieren Expertinnen und Experten aus Industrie, Politik und Bundeswehr darüber, wie neue Technologien schneller in belastbare Gesamtsysteme überführt werden können.

Die Ukraine zeigt, wohin die Entwicklung geht

Der Krieg in der Ukraine gilt inzwischen als eines der größten Testfelder für militärische KI. Dort analysieren Algorithmen Drohnenbilder automatisch, erkennen Veränderungen auf Satellitenaufnahmen oder unterstützen die Navigation in Gebieten, in denen GPS-Signale gestört werden.

Gleichzeitig werden kommerzielle Satellitendaten teilweise innerhalb weniger Minuten an die Front übermittelt und automatisiert ausgewertet. Das beschleunigt den gesamten Informationsfluss erheblich.

Gerade für Ingenieurinnen und Ingenieure ist das interessant. Nicht einzelne Waffensysteme verändern die Kriegsführung grundlegend. Es ist die immer engere Vernetzung von Sensorik, Kommunikation und Datenanalyse.

Wenn GPS ausfällt, übernimmt die KI

Elektronische Kampfführung gehört heute zum Standard moderner Konflikte. Navigationssignale werden gestört, Funkverbindungen unterbrochen oder Datenübertragungen blockiert. Für unbemannte Systeme entstehen dadurch völlig neue Anforderungen.

KI ermöglicht unter anderem:

  • Navigation anhand von Geländemerkmalen,
  • automatische Hinderniserkennung,
  • Fortsetzung einer Mission trotz Funkverlust,
  • Koordination mehrerer Drohnen in einem Schwarm.

Gerade diese technischen Herausforderungen beschäftigen Entwicklerinnen und Entwickler derzeit weit stärker als die Frage nach autonomen Killerrobotern.

Der wahrscheinlich größte Nutzen liegt in der Logistik

Militärische KI wird häufig auf das Gefechtsfeld reduziert. Viele Fachleute sehen den kurzfristig größten Mehrwert jedoch an anderer Stelle.

Algorithmen helfen heute bereits dabei,

  • Wartungsintervalle vorherzusagen,
  • Ersatzteile rechtzeitig bereitzustellen,
  • Treibstoffbedarfe zu berechnen,
  • Transportwege zu optimieren,
  • Lagerbestände effizient zu verwalten.

Das Prinzip ist aus der Industrie bekannt. Predictive Maintenance oder intelligente Lagerhaltung gehören dort längst zum Alltag.

Gerade hier entstehen zunehmend sogenannte Dual-Use-Technologien. Lösungen aus der Industrie werden für militärische Anwendungen angepasst. Gleichzeitig finden Entwicklungen aus dem Defence-Bereich später ihren Weg in zivile Märkte.

KI kann auch getäuscht werden

So leistungsfähig moderne Algorithmen sind – sie sind nicht unfehlbar. Im Forschungsgebiet des Adversarial Machine Learning zeigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit Jahren, dass bereits kleine Veränderungen an Bildern neuronale Netze in die Irre führen können.

Hinzu kommen weitere Angriffsmöglichkeiten:

  • manipulierte Trainingsdaten (Data Poisoning),
  • gefälschte GPS-Signale,
  • gezielte Täuschung von Sensoren,
  • Deepfake-basierte Desinformation.

Das eigentliche Risiko besteht dabei nicht nur in einer einzelnen Fehlentscheidung. Automatisierte Systeme können Fehler unter Umständen wesentlich schneller vervielfältigen als Menschen. Parallel entsteht deshalb ein neues Forschungsfeld: AI Security.

Warum Explainable AI immer wichtiger wird

Viele moderne Deep-Learning-Systeme liefern Ergebnisse, ohne ihren Entscheidungsweg offenzulegen. Für militärische Anwendungen reicht das nicht aus.

Unter dem Begriff Explainable AI arbeiten Entwicklerinnen und Entwickler deshalb an Verfahren, die ihre Entscheidungsgrundlagen nachvollziehbar machen. Nur so lässt sich später überprüfen, warum eine KI ein Objekt als Bedrohung eingestuft hat.

Nachvollziehbarkeit wird damit nicht nur zu einer technischen, sondern auch zu einer rechtlichen Anforderung.

Der Mensch bleibt verantwortlich

Internationale Regeln wie das humanitäre Völkerrecht gelten unabhängig davon, ob Informationen von Menschen oder Algorithmen ausgewertet werden. Die Grundprinzipien der Unterscheidung, Verhältnismäßigkeit und Vorsicht bleiben bestehen.

Auch die NATO betont in ihrer KI-Strategie ausdrücklich Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Verantwortlichkeit und menschliche Kontrolle als grundlegende Leitlinien.

KI kann Daten sortieren, Muster erkennen und Wahrscheinlichkeiten berechnen. Die Verantwortung für den Einsatz von Gewalt darf sie jedoch nicht übernehmen.

Die eigentliche KI-Revolution findet im Hintergrund statt

Der Begriff Killerroboter sorgt regelmäßig für Schlagzeilen. Er beschreibt jedoch nur einen kleinen Teil der aktuellen Entwicklung.

Die größten Investitionen fließen derzeit in Sensorfusion, Cyberabwehr, Logistik, Datenanalyse und digitale Führungsunterstützung. Moderne KI verbindet Satelliten, Drohnen, Radare und Kommunikationssysteme zu einem gemeinsamen Netzwerk.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Maschinen irgendwann autonom kämpfen können. Entscheidend ist, ob es gelingt, Sensorik, Software, Datenanalyse und industrielle Fertigung zu einem funktionierenden Gesamtsystem zu verbinden.

Genau darin dürfte in den kommenden Jahren einer der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren moderner Verteidigungsfähigkeit liegen.

Worum es bei „Fast Defence“ eigentlich geht

Die Konferenz des VDI Wissensforum greift genau diese Entwicklung auf und stellt weniger die einzelne Technologie als vielmehr ihre Umsetzung in den Mittelpunkt.

Diskutiert werden unter anderem:

  • Wie gelangen Innovationen schneller in die Anwendung?
  • Welche Rolle spielen KI und Software-defined Defence?
  • Wie lassen sich Technologien industriell skalieren?
  • Welche Chancen bieten Dual-Use-Ansätze?
  • Wie können Industrie, Bundeswehr und Politik enger zusammenarbeiten?

Im Kern geht es dabei um dieselbe Erkenntnis wie bei der militärischen KI insgesamt: Nicht die einzelne technische Neuerung entscheidet über den Erfolg, sondern ihre Integration in ein funktionierendes Gesamtsystem.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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