Sprechstundenassistenten 08.08.2026, 12:00 Uhr

Wenn die KI beim Arztgespräch mithört

KI im Arztgespräch: Sprechstundenassistenten dokumentieren automatisch, sparen Zeit und bergen Risiken bei Fehlern, Datenschutz und Verantwortung.

Arzt spricht mit Patientin

Künftig könnten KI-Sprechstundenassistenten beim Arztgespräch mithören und automatisch Anamese, Befund oder Arztbrief erstellen.

Foto: Smarterpix / BiancoBlue

Während Behandelnde und Patientin oder Patient miteinander sprechen, hört im Hintergrund eine Software zu. Sie erfasst Beschwerden, Vorerkrankungen und Medikamente, ordnet die Angaben und erstellt daraus einen Entwurf für die medizinische Dokumentation. Noch bevor die nächste Person das Behandlungszimmer betritt, können Anamnese, Befund und geplantes Vorgehen schriftlich vorliegen. Zumindest ist das die Idee hinter sogenannten KI-Sprechstundenassistenten.

Roundtable: Erfahrungen mit der KI

Dass diese Systeme den Weg in den Versorgungsalltag gefunden haben, zeigte im Sommer 2026 ein Roundtable des Instituts für Medizinische Informatik der Charité in Berlin. Dort ging es nicht um die grundsätzlichen Möglichkeiten der Technik, sondern um konkrete Erfahrungen. Als relevant erwiesen sich die Anpassung an das medizinische Fachgebiet, eine ausreichende Audioqualität und die Einbindung in bestehende Arbeitsabläufe. Ob die Technik tatsächlich Zeit spart, hängt also nicht allein von der Leistungsfähigkeit der Software ab.

Ende Juli veröffentlichte die britische Arzneimittelbehörde MHRA eine neue Orientierungshilfe für den Einsatz solcher Systeme im Gesundheitswesen. Sie unterscheidet etwa zwischen reinen Dokumentationshilfen und Anwendungen, die diagnostische oder therapeutische Entscheidungen unterstützen.

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Mehr als klassische Spracherkennung

Spracherkennung ist in Arztpraxen und Kliniken nicht neu. Bislang diktieren Arzt oder Ärztin einen Befund oder Arztbrief meist nach dem Patientenkontakt. Die Software überträgt das Gesprochene möglichst wortgetreu in einen Text.

KI-Sprechstundenassistenten setzen früher an. Sie verarbeiten das Gespräch in Echtzeit, also während der Anamnese oder Behandlung. Anders als ein klassisches Diktierprogramm müssen sie nicht nur Wörter erkennen. Sie sollen unterscheiden, wer gerade spricht, welche Aussagen medizinisch bedeutsam sind und an welcher Stelle sie in der Dokumentation erscheinen müssen.

Sind auch Laien-Infos gut einzuordnen?

Das ist anspruchsvoll, denn Patientinnen und Patienten schildern ihre Beschwerden selten stringent. Die Rückenschmerzen werden zuerst erwähnt, die Medikamentenliste erst später und eine Vorerkrankung oft nur beiläufig. Dazwischen stehen Rückfragen, Erklärungen und ein wenig Small Talk. Der Assistent muss diese Informationen auseinanderhalten und beispielsweise den Bereichen Anamnese, Befund und weiteres Vorgehen zuordnen.

Je nach System entstehen daraus Notizen, Zusammenfassungen, Arztbriefe oder Vorschläge für Abrechnungscodes. Die ärztliche Verantwortung übernimmt die Software aber nicht. Die MHRA etwa betont ausdrücklich, dass Ärztinnen und Ärzte die erzeugten Texte prüfen und bestätigen müssen, bevor sie für die weitere Versorgung verwendet werden.

Wie aus einem Gespräch ein Befund wird

Technisch arbeiten KI-Sprechstundenassistenten in mehreren Schritten. Zunächst nimmt ein Mikrofon das Gespräch auf. Eine automatische Spracherkennung wandelt die Audiodaten in geschriebenen Text um. Dabei muss sie medizinische Fachbegriffe, Medikamentennamen, Zahlen und Dosierungen erkennen. Gerade in einer Klinik kommt erschwerend hinzu, dass Gespräche selten unter Studiobedingungen stattfinden.

Anschließend verarbeitet ein Sprachmodell das Transkript. Es fasst Aussagen zusammen, sortiert sie nach medizinischen Kategorien und überführt sie in die gewünschte Form. Aus dem Satz „Seit Dienstag zieht es beim Treppensteigen im linken Knie“ kann so ein Eintrag zur Dauer, Lokalisation und Belastungsabhängigkeit der Beschwerden werden. Idealerweise lässt sich das Ergebnis anschließend direkt in das Praxisverwaltungs- oder Krankenhausinformationssystem übernehmen.

Die große Herausforderung: Verschiedene Fachbereiche

Wie gut das funktioniert, hängt vom jeweiligen Einsatzgebiet ab. Beim Charité-Roundtable zeigte sich, dass eine universelle Lösung kaum ausreicht. Eine orthopädische Sprechstunde benötigt andere Begriffe als die Kardiologie oder eine psychiatrische Anamnese. Ebenso entscheidend ist der Arbeitsablauf: Muss der Arzt oder die Ärztin Informationen umständlich zwischen mehreren Programmen übertragen, kann ein Teil der Entlastung schnell verloren gehen.

Es gibt zudem eine technische Grenze: Die meisten Systeme verarbeiten in erster Linie das gesprochene Wort. Sichtbare Informationen – etwa eine mitgebrachte Medikamentenpackung, Mimik oder Gestik – erreichen sie nicht. Untersuchungen mit zusätzlichen Bildinformationen zeigen zwar, dass multimodale Systeme solche Lücken schließen könnten. Dann würden jedoch noch mehr sensible Daten erfasst, was neue Fragen aufwirft.

Mehr Aufmerksamkeit für Patienten – und weniger Schreibarbeit?

Der Nutzen liegt auf der Hand: Wer während des Gesprächs weniger tippen muss, kann seine Patientinnen und Patienten ansehen, genauer zuhören und Rückfragen stellen. Auch die Dokumentation nach Feierabend soll sich verringern. Dieser Zeitgewinn gehört zu den wichtigsten Verkaufsargumenten der Anbieter.

Entscheidend ist aber nicht, wie schnell die KI einen Text erzeugt. Maßgeblich ist, wie viel Zeit anschließend für die Kontrolle und Korrektur benötigt wird. Ein ausführlicher, professionell formulierter Befund kann die Arbeit erleichtern. Enthält er jedoch unbemerkte Auslassungen oder falsche Angaben, wird aus der Entlastung ein medizinisches Risiko.

Wenn die KI falsch zuhört

Ein falsch verstandenes Wort ist in der medizinischen Dokumentation nicht bloß ein Tippfehler. Verwechselt die Software ähnlich klingende Medikamentennamen, lässt eine Verneinung weg oder ordnet eine Aussage der falschen Person zu, kann sich dadurch der Sinn eines Befundes verändern. Besondere Schwierigkeiten bereiten schnell gesprochene Dialoge, Abkürzungen und Fachbegriffe. Auch Dialekte, Akzente sowie Sprach- oder Sprechstörungen können die Leistung beeinflussen.

Vermutungen können zur Diagnose werden

Hinzu kommt, dass generative KI nicht nur überträgt, sondern Inhalte zusammenfasst und neu formuliert. Dabei kann sie Aussagen aus dem Zusammenhang lösen, wichtige Angaben auslassen oder Informationen ergänzen, die im Gespräch gar nicht gefallen sind. Ein mögliches Beispiel ist eine hypothetische Äußerung von Patientin oder Patient die das System irrtümlich als gesicherte Diagnose dokumentiert.

Besonders tückisch sind Fehler, die sprachlich plausibel klingen. Ein gut formulierter Befund erweckt schnell den Eindruck, auch inhaltlich korrekt zu sein. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von Automatisierungsbias: Menschen neigen dazu, den Ergebnissen technischer Systeme zu vertrauen, insbesondere wenn diese zuverlässig und professionell wirken. Wird aus der sorgfältigen Kontrolle mit der Zeit nur noch ein flüchtiges Überfliegen, können falsche Angaben unbemerkt in die Patientenakte gelangen.

Hochsensible Gespräche in der Cloud

In einem Arztgespräch geht es um Beschwerden, Diagnosen, Medikamente und mitunter um sehr persönliche Lebensumstände. Werden solche Gespräche aufgezeichnet und von externen Systemen verarbeitet, betrifft das besonders geschützte Gesundheitsdaten. Nach der Datenschutz-Grundverordnung gelten sie als besondere Kategorie personenbezogener Daten.

Vor dem Einsatz muss geklärt sein, auf welcher Rechtsgrundlage die Daten verarbeitet werden, wo das geschieht und wer darauf zugreifen kann. Ebenso wichtig ist die Frage, ob die Tonaufnahme nach der Transkription gelöscht oder für eine bestimmte Zeit gespeichert wird. Transkript, Zusammenfassung und fertiger Befund können jeweils unterschiedlichen Speicherfristen unterliegen.

Nut mit Zustimmung der Patienten

Die Daten dürfen zudem nicht ohne klare Rechtsgrundlage oder wirksame Einwilligung für andere Zwecke verwendet werden, beispielsweise für das Training weiterer KI-Modelle. Für die Patientinnen und Patienten muss die Verarbeitung transparent bleiben. Sie müssen vor Beginn des Gesprächs erfahren, dass ein KI-System mithört, welche Daten es erfasst und was anschließend damit geschieht. Gerade bei psychischen Erkrankungen, Sexualität oder familiären Problemen könnte das Wissen um die Aufzeichnung beeinflussen, wie offen jemand spricht.

Softwarehilfe oder Medizinprodukt?

Ob ein KI-Sprechstundenassistent als Medizinprodukt gilt, hängt von seinem Zweck und seinen Funktionen ab. Eine Software, die ein Gespräch lediglich transkribiert, zusammenfasst oder einen Arztbrief zur Prüfung vorbereitet, ist nicht automatisch ein Medizinprodukt. Anders kann es aussehen, sobald sie aus den Angaben diagnostische Schlüsse zieht, eine Behandlung empfiehlt oder selbstständig weitere Schritte veranlasst.

Die britische Arzneimittelbehörde MHRA hat diese Grenze deutlich beschrieben. Reine Dokumentationsfunktionen sowie Vorschläge für medizinische Codes, die von einem Arzt geprüft werden, fallen nicht unter das dortige Medizinprodukterecht. Unterstützt ein System dagegen Diagnose, Prävention, gelten die entsprechenden regulatorischen Anforderungen. Diese britische Einordnung ist auf Deutschland nicht unmittelbar übertragbar, verdeutlicht aber die grundsätzliche Abgrenzung, die auch im europäischen Medizinprodukterecht eine Rolle spielt.

Wechsel im laufenden Betrieb

Für Unternehmen entsteht daraus eine besondere Herausforderung: Viele Systeme beginnen als Schreibhilfe und erhalten nach und nach weitere Funktionen. Mit jedem Update muss deshalb geprüft werden, ob sich der Zweck verändert. Aus einem digitalen Protokollanten kann schrittweise ein System zur medizinischen Entscheidungsunterstützung werden und damit ein Medizinprodukt, für das höhere Anforderungen gelten.

Fazit: Entlastung braucht Kontrolle

KI-Sprechstundenassistenten können einen Teil jener Arbeit übernehmen, die im medizinischen Alltag viel Zeit beansprucht, aber kaum jemand als eigentlichen Kern des Arztberufs betrachtet. Wenn die Dokumentation im Hintergrund entsteht, bleibt während der Sprechstunde im besten Fall mehr Aufmerksamkeit für Patientinnen und Patienten.

Aber ihr Nutzen hängt von der Qualität der Audioaufnahme, der Zuverlässigkeit der Software und der Einbindung in die vorhandenen Informationssysteme ab. Ebenso wichtig sind klare Regeln für Datenschutz, Zuständigkeiten und laufende Qualitätskontrollen.

Ein Beitrag von:

  • Julia Klinkusch

    Julia Klinkusch ist seit 2008 selbstständige Journalistin und hat sich auf Wissenschafts- und Gesundheitsthemen spezialisiert. Seit 2010 gehört sie zum Team von Content Qualitäten. Ihre Themen: Klima, KI, Technik, Umwelt, Medizin/Medizintechnik.

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