Fundament der Strömungsmechanik 09.09.2026, 09:54 Uhr

10.000 KI-Agenten lösen Navier-Stokes-Rätsel, wenn der Beweis hält

10.000 KI-Agenten finden eine mögliche Navier-Stokes-Singularität. Was bewiesen wurde und warum CFD-Berechnungen trotzdem weiter gelten.

Sebastian Schubert, Projektingenieur an der Technischen Universität Dresden, nutzt Nebelfluid in einem Niedergeschwindigkeitswindkanal, um Luftströmungen sichtbar zu machen.

Ein Versuchsaufbau aus der Strömungsforschung: Die Navier-Stokes-Gleichungen beschreiben, wie sich Flüssigkeiten und Gase bewegen – und stehen nun im Mittelpunkt eines möglichen KI-Durchbruchs.

Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert

Die Navier-Stokes-Gleichungen gehören zum Fundament der Strömungsmechanik. Sie stecken hinter Berechnungen von Luftströmungen an Flugzeugen, Wasserströmungen in Rohrleitungen, Turbomaschinen oder Wettermodellen. Trotzdem ist eine grundlegende mathematische Frage seit Jahrzehnten offen: Bleiben die Gleichungen bei glatten Ausgangsbedingungen immer beherrschbar – oder kann ihre Lösung irgendwann eine Singularität entwickeln?

OpenAI meldet nun einen möglichen Durchbruch. Ein internes KI-System soll einen Fall konstruiert haben, bei dem die Geschwindigkeit einer dreidimensionalen Strömung innerhalb endlicher Zeit unbegrenzt anwächst. Rund 10.000 KI-Agenten arbeiteten zeitweise parallel an dem Problem. Nach etwa 88 Stunden lag nach Angaben des Unternehmens ein Beweis vor. Zusätzlich wurde er in der Beweissprache Lean formalisiert.

Noch ist das berühmte Millennium-Problem damit allerdings nicht offiziell gelöst. Das Clay Mathematics Institute führt die Navier-Stokes-Frage weiterhin ausdrücklich als „Unsolved“.

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Was an Navier-Stokes überhaupt noch ungeklärt ist

Ingenieure rechnen seit Jahrzehnten erfolgreich mit den Navier-Stokes-Gleichungen. Das offene Problem liegt nicht darin, ob sich damit beispielsweise eine Strömung um einen Flügel numerisch berechnen lässt. Die mathematische Frage geht tiefer.

Für dreidimensionale, inkompressible Flüssigkeiten mit konstanter Dichte ist nicht allgemein bewiesen, dass aus glatten Anfangsbedingungen für alle Zeiten eine glatte Lösung entsteht. Vereinfacht gesagt: Kann sich eine zunächst völlig reguläre Strömung irgendwann so zuspitzen, dass mathematische Größen außer Kontrolle geraten?

Eine solche Stelle wird Singularität genannt. Im von OpenAI vorgelegten Beweis soll die Geschwindigkeit innerhalb einer endlichen Zeit unbegrenzt wachsen. Die Energie der Strömung bleibt dabei trotzdem endlich.

Ein reales Fluid erreicht natürlich keine unendliche Geschwindigkeit. Eine solche Singularität würde vielmehr zeigen, dass die betrachtete glatte mathematische Beschreibung an diesem Punkt nicht mehr fortgesetzt werden kann.

Die KI lässt einen Wirbel immer schneller werden

OpenAI beschreibt eine zunächst ruhende Strömung, auf die eine glatte äußere Kraft wirkt. Dadurch entsteht ein Wirbel. Dieser Wirbel zieht sich zunehmend zusammen und wird gleichzeitig in die Länge gestreckt. Während sein Kern immer kleiner wird, steigt die Geschwindigkeit. Trotzdem soll die gesamte Energie endlich bleiben.

Die eigentliche Schwierigkeit liegt in der äußeren Kraft. Einen mathematischen Zusammenbruch könnte man leicht provozieren, wenn bereits eine unendlich große oder anderweitig problematische Kraft vorgegeben würde. Genau das soll hier nicht geschehen.

Beschleunigung, Druckgradient, Impulstransport und Viskosität wachsen in der Konstruktion stark an, gleichen sich laut OpenAI jedoch so aus, dass die von außen angesetzte Kraft glatt bleibt. Trotzdem wächst die Strömungsgeschwindigkeit schließlich ohne Grenze.  Damit wäre ein mathematisch zulässiger Fall gefunden, in dem keine für alle Zeiten glatte Navier-Stokes-Lösung existiert.

Warum dafür eine äußere Kraft erlaubt ist

An diesem Punkt kommt es auf die genaue Aufgabenstellung an. Häufig wird das Navier-Stokes-Millenniumproblem verkürzt so beschrieben: Man müsse beweisen, ob dreidimensionale Strömungen immer glatt bleiben oder nicht. Die offizielle Formulierung des Clay Mathematics Institute ist genauer. Sie bietet vier Wege, das Problem zu entscheiden.

Die Varianten A und B verlangen den Nachweis, dass bei verschwindender äußerer Kraft immer glatte Lösungen existieren. Die Varianten C und D gehen in die Gegenrichtung: Es genügt, glatte Anfangsdaten und eine glatte äußere Kraft zu finden, für die keine globale glatte Lösung existiert.  OpenAI beansprucht, genau C und D bewiesen zu haben.

Die äußere Kraft ist deshalb kein Trick, der außerhalb der Aufgabenstellung liegt. Sie ist in diesen beiden Varianten ausdrücklich erlaubt. Gleichzeitig bedeutet das Ergebnis aber auch nicht, dass jede beliebige Navier-Stokes-Strömung zwangsläufig irgendwann eine Singularität entwickelt.

Was OpenAI bewiesen haben will – und was nicht

Behauptet wird:
Für eine dreidimensionale inkompressible Strömung mit glatten Anfangsdaten und einer glatten äußeren Kraft lässt sich ein Fall konstruieren, bei dem die Geschwindigkeit in endlicher Zeit unbegrenzt wächst. Damit wären die Varianten C und D der offiziellen Clay-Aufgabe erfüllt.

Nicht bewiesen ist:

  • dass jede Navier-Stokes-Strömung irgendwann eine Singularität entwickelt,
  • dass reale Flüssigkeiten oder Gase unendliche Geschwindigkeiten erreichen,
  • dass übliche CFD-Simulationen unzuverlässig sind,
  • dass das Clay Mathematics Institute den Beweis bereits anerkannt hat.

Stand 9. September 2026: Das Clay Mathematics Institute führt das Navier-Stokes-Problem weiterhin als ungelöst.

Müssen Ingenieure jetzt ihren CFD-Berechnungen misstrauen?

Nein. Der mögliche mathematische Durchbruch stellt bestehende Strömungssimulationen nicht plötzlich infrage. Die praktische Computational Fluid Dynamics, kurz CFD, unterscheidet sich in mehreren Punkten von der stark idealisierten mathematischen Problemstellung des Clay-Instituts.

Je nach Anwendung lösen Ingenieure Navier-Stokes-Gleichungen oder daraus abgeleitete Gleichungssysteme numerisch. Turbulenzen werden beispielsweise häufig über RANS-Modelle oder LES beschrieben. Hinzu kommen je nach Aufgabe Kompressibilität, Wärmeübertragung, chemische Reaktionen oder weitere physikalische Effekte.

Wie konkret solche Verfahren eingesetzt werden, zeigt etwa ein ingenieur.de-Beitrag über CFD-Berechnungen am Schiffsrumpf. Dort wurden Reynolds-gemittelte Navier-Stokes-Gleichungen mit Turbulenzmodellen gelöst. OpenAIs Beweis behandelt dagegen eine spezielle mathematische Konstruktion für eine dreidimensionale inkompressible Strömung mit gezielt gewählter glatter äußerer Kraft.

Der mögliche Blow-up zeigt daher nicht, dass CFD-Ergebnisse aus Flugzeugentwicklung, Pumpenauslegung oder Turbomaschinenbau plötzlich unbrauchbar wären. Er würde eine grundsätzliche Grenze der mathematischen Gleichungen unter bestimmten zulässigen Bedingungen zeigen.

Rund 10.000 KI-Agenten suchten gleichzeitig nach einem Beweis

Ungewöhnlich ist auch, wie OpenAI zu dem Ergebnis gekommen sein will. Das Unternehmen setzte nicht einfach ein Sprachmodell auf die Aufgabenstellung an. Stattdessen arbeiteten viele KI-Agenten parallel an unterschiedlichen Lösungswegen. Sie konnten Code ausführen, auf eine zwischengespeicherte Version des Internets zugreifen und innerhalb ihrer Gruppen Ergebnisse austauschen.

Zunächst untersuchte eine kleinere Agentengruppe ein verwandtes Problem für die Euler-Gleichungen. Bei ihnen fehlt der Viskositätsterm der Navier-Stokes-Gleichungen. Nachdem die Agenten dort nach Angaben von OpenAI einen Erfolg erzielt hatten, konzentrierte das Unternehmen seine Rechenleistung auf Navier-Stokes.

Die Gruppe, aus der schließlich der Navier-Stokes-Beweis hervorging, umfasste laut OpenAI in der Größenordnung von 10.000 gleichzeitig arbeitenden Agenten. Verschiedene Gruppen verfolgten unterschiedliche Ansätze. Codex fasste aussichtsreiche Zwischenergebnisse zusammen und spielte sie zurück an weitere Agenten.

Nach etwa 88 Stunden meldete das System am 5. September eine Lösung. Für die Navier-Stokes-Arbeit entstanden laut OpenAI rund 2,7 Mio. Nachrichten und etwa 130 Mrd. Output-Tokens.  Das dafür verwendete interne Modell ist nach Angaben des Unternehmens leistungsfähiger als GPT-6 Astra und befindet sich noch im Training.

Lean soll jeden logischen Schritt prüfen

Bei mathematischen Beweisen ist das besonders wichtig. Ein KI-Modell kann eine lange Herleitung erzeugen, die plausibel aussieht und trotzdem an einer einzigen falschen Annahme scheitert.

OpenAI ließ den Beweis deshalb zusätzlich mit Lean formalisieren. Lean ist ein sogenannter Proof Assistant. Dabei wird ein Beweis in eine Form übersetzt, in der der Computer überprüfen kann, ob jeder Schritt logisch aus den zuvor festgelegten Voraussetzungen folgt.

GPT-6 Astra benötigte nach Angaben von OpenAI weitere 17 Stunden für Formalisierung und Verifikation. Sowohl die mathematische Ausarbeitung als auch die Lean-Version wurden veröffentlicht.

Das ist eine starke zusätzliche Kontrolle. Es beantwortet aber nicht automatisch jede fachliche Frage. Entscheidend ist auch, ob die formalisierte Aussage tatsächlich sämtliche Voraussetzungen der offiziellen Millennium-Aufgabe korrekt trifft. Genau das muss nun unabhängig geprüft werden.

Dass KI inzwischen ernsthaft an offenen mathematischen Problemen arbeitet, ist dabei kein Einzelfall mehr. Erst im August berichtete ingenieur.de darüber, wie ChatGPT bei der Lösung der seit 22 Jahren offenen Crouzeix-Vermutung half. Im Navier-Stokes-Fall ist die Größenordnung der eingesetzten KI-Systeme allerdings erheblich größer.

Parallelforschung sorgt für Streit

Hinzu kommt eine Kontroverse um zeitgleich laufende Arbeiten.

Die Mathematiker Tristan Buckmaster und Levent Alpöge arbeiteten ebenfalls an Blow-up-Problemen aus der Strömungsmechanik und nutzten dafür unter anderem KI-Systeme. Sie veröffentlichten ein Ergebnis für die Euler-Gleichungen, also für den Fall ohne Viskosität. Nature berichtet, dass auch sie an einem weitergehenden Navier-Stokes-Ergebnis arbeiteten.

OpenAI erklärt, erst durch Gerüchte über diese Arbeiten auf das Thema aufmerksam geworden zu sein. Das Unternehmen bestreitet, unveröffentlichte Arbeiten oder konkrete Nutzerdaten von Buckmaster und Alpöge für seinen Beweis verwendet zu haben.

Eine Einschränkung macht OpenAI allerdings selbst: Es lasse sich nicht vollständig ausschließen, dass anonymisierte Daten aus der Nutzung seiner Produkte zuvor zur Verbesserung der Modelle beigetragen hätten. OpenAI betont zugleich, dass sich die Beweise und auch die konkret bewiesenen Euler-Ergebnisse unterscheiden.

Für die mathematische Gültigkeit des Navier-Stokes-Beweises ist dieser Prioritätsstreit zunächst eine separate Frage. Für die wissenschaftliche Zuschreibung und den Umgang mit Forschungsdaten dürfte er dennoch noch eine Rolle spielen.

Das Clay Institute hat das Problem noch nicht abgehakt

Wer bei einem Millennium-Problem einen Beweis veröffentlicht, erhält nicht unmittelbar den mit 1 Mio. US-Dollar verbundenen Preis.

Die Regeln des Clay Mathematics Institute sind streng. Eine Lösung muss zunächst in einem geeigneten wissenschaftlichen Publikationsorgan erscheinen. Anschließend müssen mindestens zwei Jahre vergehen. Zudem muss sich in der internationalen Mathematikgemeinschaft eine allgemeine Anerkennung der Lösung herausgebildet haben.

OpenAI erklärt ohnehin, den Millennium-Preis nicht beanspruchen zu wollen. Wichtiger ist deshalb der aktuelle Status: Am 9. September 2026 führt das Clay Mathematics Institute das Navier-Stokes-Problem weiterhin als ungelöst.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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