7000 heute, eine Milliarde 2036? Wo humanoide Roboter wirklich stehen
Humanoide Roboter bewegen sich heute menschenähnlich. Ob sie aber industrietauglich sind, müssen sie noch beweisen, etwa am neuen Humanoid Robots Experience Lab des Fraunhofer-Instituts in Lemgo.
Im Labor des Fraunhofer IOSB-INA in Lemgo können Unternehmen ab sofort humanoide Roboter in eigenen Anwendungsfällen austesten. Es ist an die Smart Factory OWL angegliedert.
Foto: Fraunhofer IOSB-INA
Zwischen Vision und Realität klafft ein Graben: Elon Musk rechnet damit, dass 2036 eine Milliarde humanoide Roboter im Einsatz sind. Tatsächlich sind laut Branchenverband International Federation of Robotics (IFR) 2025 insgesamt nur rund 7000 humanoide Roboter für Industrie und professionelle Dienstleistungen verkauft wurden. Viele davon stehen allerdings nicht in der Produktion: Laut IFR kauften Forschungseinrichtungen und Tech-Firmen einen großen Teil, um Trainingsdaten für KI-Modelle zu sammeln. Autohersteller testen bislang nur einstellige bis zweistellige Stückzahlen.
Gleichzeitig drängen ständig neue Modelle auf den Markt. Gleichzeitig bleiben offene Fragen zu Kosten, Integrierbarkeit und Sicherheit unbeantwortet. Solche Fragen will das neue HREL beantworten, dessen Lemgoer Standort das Fraunhofer IOSB-INA am 23. September 2026 eröffnet hat. Weitere Standorte befinden sich bereits in Karlsruhe und Ilmenau.
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Vom Labor in die Fabrik
„Unser Lab ist direkt in die Smart Factory OWL integriert. Unternehmen können hier Technologien praktisch erleben und gemeinsam mit uns konkrete Use Cases und erste Pilotprojekte entwickeln“, sagt Instituts-Direktor Jürgen Jasperneite, Leiter des Fraunhofer IOSB-INA. Die Smart Factory OWL ist eine Forschungs- und Demonstrationsfabrik für die Industrie, die das Fraunhofer IOSB-INA gemeinsam mit der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe betreibt. Unternehmen testen dort Technologien aus, bevor sie diese in der eigenen Fabrik einsetzen.
„Es geht nicht um Zukunftsvisionen, sondern belastungsfähige Aussagen zu technologischen Möglichkeiten, Grenzen und Sicherheitsfragen“, sagt Jasperneite. Damit soll der Weg geebnet werden, dass humanoiden Robotern der Schritt vom einzelnen Pilotprojekt hin zur skalierten industriellen Anwendung gelingt.
Alltagsaufgaben für humanoide Roboter: Gefahren an Treppe und Presse
Im Humanoid Robots Experience Lab (HREL) klären Unternehmen zukünftig beispielsweise folgende Fragestellung: Wie gelingt die sichere Mensch-Roboter-Interaktion? Schließlich sind die elektromechanischen Kollegen größtenteils aus Kunststoffen und Metall gefertigt und unbeabsichtigte Kollisionen potenziell schmerzhaft. Wichtig sind darüber hinaus die Themen Lokalisierung und Geo-Fencing. Der Roboter muss jederzeit wissen, wo er sich befindet und wo er sich bewegen darf. Denn kein Anwender möchte, dass sich der Roboter mit dem Oberkörper in einer Presse einklemmt oder die Treppe hinabstürzt.
Im HREL experimentieren Interessenten zudem mit dem sogenannten Imitationslernen. Dabei schauen sich die Roboter Arbeitsabläufe vom Menschen ab, um sie anschließend selbstständig auszuführen. Hier spielt das Thema virtuelle Realität eine Rolle. So zeigte das HREL bei der Eröffnung, wie sich humanoide Roboter mit VR-Brillen und Controllern in den Händen steuern lassen.
Ein Mitarbeiter in Lemgo führte Arm- und Handbewegungen im leeren Raum durch, ein Monitor zeigte einen Roboter im Fraunhofer-Institut in Karlsruhe, der die Bewegungen live spiegelte. Der Roboter nahm eine Kiste von einem Tisch auf.
Auch Fragen rund um die Integration in bestehende IT- und Produktionsstrukturen werden im neuen Testlabor behandelt. Nur so kann der Roboter Produktionsaufträge erhalten, Maschinenzustände berücksichtigen und Sicherheitsregeln einhalten.
Was sich seit Asimo verändert hat
Welche Fortschritte die humanoiden Roboter in den letzten zehn Jahren gemacht haben, weiß Klaus Neumann. Er ist Professor am Fraunhofer IOSB-INA. In seiner Rede anlässlich der Eröffnung verglich er eine Asimo-Version von Honda aus den 2000er-Jahren mit dem heutigen Unitree G1 EDU. Beide sind mit rund 1,30 m ähnlich groß. Batterien, Sensorik, Motorik und vor allem die Rechenleistung hätten sich jedoch enorm weiterentwickelt.
„Leistungsfähige GPUs machen die Roboter zu mobilen Supercomputern und ermöglichen zunehmend datengetriebene Trainingsverfahren, bei denen Roboter beispielsweise in simulierten Umgebungen Aufgaben erlernen und erproben“, erklärt Neumann. „Roboter sind dadurch nicht mehr an programmierte Bewegungsabläufe gebunden, sondern könnten Fähigkeiten auf veränderte Situationen übertragen.“ Das soll ihnen ermöglichen, auch mit unstrukturierten Umgebungen besser zurechtzukommen.
Ein Beispiel dafür ist das Falten eines Handtuchs. Weil es sich bei jedem Handgriff anders verformt, muss der Roboter seine Bewegungen an die jeweilige Situation anpassen. Diese Flexibilität ist auch dann entscheidend, wenn es um den Einsatz in der Industrie geht, etwa beim berühmten Griff in die Kiste mit chaotisch angeordneten Produkten.
Unterschiede bei der Risikobereitschaft
Deutschland sieht Neumann dabei derzeit allerdings eher an der Seitenlinie stehen. „Zwar sind hierzulande Know-how und wissenschaftliche Expertise ausreichend vorhanden. Um aufs internationale Spielfeld zu kommen, brauchen wir aber mehr Investitionen und Risikobereitschaft.“ In den USA hingegen erhielten junge Unternehmen teilweise Wagniskapital in dreistelliger Millionenhöhe.
Elon Musks Prognose von einer Milliarde Roboter im Jahr 2036 hält Neumann dennoch für fraglich. Zwar erwartet er einen starken Einzug der Robotik. Das könnten neben Humanoiden allerdings auch Transportroboter und andere autonome Systeme sein.
Audi testet humanoide Roboter in der Qualitätsprüfung
Eine Voraussetzung dafür sind KI-Modelle, die physikalische Zusammenhänge kennen. International spricht man von Physical AI. Wie diese in der Automobilindustrie erprobt wird, macht ein Beispiel von Audi deutlich. Amir Bechedli, Program Manager AI & Robotics bei Audi, präsentierte es in Lemgo. In einer chinesischen Fabrik testete der VW-Konzern, zu dem Audi gehört, einen humanoiden Roboter von UBTech für die Qualitätsprüfung.
Der Roboter stellt sich vor ein Fahrzeug und führt Sensoren an einem Stab durch den Motorraum. Der Vorteil der humanoiden Bauform: Sie kann in einer für Menschen konzipierten Produktionsumgebung arbeiten. In einer weiteren Testanwendung habe Audi gemeinsam mit dem Zürcher Unternehmen Mimic Robotics erprobt, wie ein Roboter mit künstlichen Händen flexible Dichtungen in Türrahmen einsetzen kann. Das ist für Roboter besonders anspruchsvoll, weil das Material verformbar ist.
Audi geht dabei laut Bechedli schrittweise vor. Nach ersten Machbarkeitstests folgt der Einsatz in kontrollierten Produktionsumgebungen. Bewähren sich die Roboter dort, könnte ihr Einsatz auf weitere Produktionsbereiche ausgeweitet werden. Damit zeigt sich auch, warum Testumgebungen wie das HREL in Lemgo wichtig sind: Bevor humanoide Roboter in Fabriken einziehen können, müssen Unternehmen herausfinden, welche Aufgaben sie tatsächlich sicher und wirtschaftlich übernehmen können.