Lernen im virtuellen Raum 12.10.2012, 19:55 Uhr

Bildung aus dem Tablet

Immer mehr Hochschulen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen bieten auf der Bildungsplattform iTunes U Lehrmaterialien, Vorlesungsskripte und Videodateien an. Kostenlos und für jeden zugänglich. Dennoch sind viele Hochschulen skeptisch.

Hochschulen müssen ihre digitalen Angebote veränderten Nutzergewohnheiten anpassen.

Hochschulen müssen ihre digitalen Angebote veränderten Nutzergewohnheiten anpassen.

Foto: Apple

Der Schritt mutet gewagt an. Seit Juni des Jahres stellt die private Internationale Hochschule Bad Honnef (IUBH) die gesamten Online-Vorlesungen ihrer Fernstudienprogramme via Apples’ Bildungsplattform iTunes U gratis ins Netz. Ob das Thema Leadership, Internationales Marketing oder Buchführung heißt: Wer will, kann sich die kompletten Kurse einschließlich zugehöriger Skripte via iTunes-Software auf Computer, Tablet oder Smartphone laden.

Die Befürchtung, damit das eigene, kostenpflichtige Fernstudium zu kannibalisieren, hat IUBH-Rektor Kurt Jeschke keineswegs. Im Gegenteil. „Zum einen schaffen wir damit mehr Transparenz. Studieninteressierte können die Inhalte des Studiums eingehend prüfen, bevor sie sich für ein Studium entscheiden. Zum anderen erleichtern wir so den Zugang zur Bildung. Der Schlüssel eines lebenslangen Lernens heißt Durchlässigkeit der Bildung, und nicht jeder wird dafür ein Studium aufnehmen können, aber vielleicht neue Impulse aus unserem Angebot mitnehmen.“

Mit bislang rund 8000 Kurs-Abonnements und 35 000 Downloads bei rund 350 eingeschriebenen Studenten sei das Angebot „überraschend gut“ angenommen worden, berichtet Philipp Höllermann, Projektleiter Fernstudium an der IUBH.

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Noch ist die IUBH-Initiative in der Hochschul- und Bildungslandschaft eine Ausnahme. Rund vier Jahre nach Deutschlandstart der iTunes U Plattform stellen derzeit gerade einmal 26 Universitäten und Bildungseinrichtungen einzelne Lehrinhalte, Seminarreihen oder Forschungsergebnisse kostenlos und für jeden zugänglich zur Verfügung. So bietet etwa die RWTH Aachen, die neben dem Berliner Hasso-Plattner Institut (HPI), der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München sowie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg von Start an dabei ist, aktuell 50 Videodateien aus den Bereichen Maschinenbau, Informatik, Bauingenieurwesen und Medizin an.

Die Nachfrage spricht für sich. Konstant eine halbe Million Downloads verzeichnet die Uni seit 2010 jährlich, rund die Hälfte davon von außerhalb Deutschlands. „Wir bekommen positives Feedback aus aller Welt“, sagt Jonathan Diehl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Informatik. Trotz der hohen Nachfrage gilt es, intern dennoch weiter Überzeugungsarbeit zu leisten. „Verglichen mit der Größe der Universität ist das Angebot verschwindend gering, aber es wächst.“

Die skeptische Haltung von Hochschulleitungen und Professoren speist sich aus mehreren Motiven. Probleme bereitet nicht nur die Frage, ob sie ihre Inhalte einem kommerziellen Anbieter anvertrauen sollen. Auch das Apple-Geschäftsgebaren, Inhalte und Channel erst nach Prüfung der technischen Ausgereiftheit und der Klärung der Nutzungsrechte an den eingestellten Inhalten freizuschalten, werde mitunter als Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre wahrgenommen, meint Christoph Igel, Managing Director des Centre for eLearning Technology (CeLTech) im Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI). „Diese Art der Qualitätssicherung schreckt viele ab. Ungeklärt bleibt dabei, ob dies eher an der technischen Prüfung oder der Nutzung urheberrechtlich geschützter Materialien liegt.“

Die Strategie, auszusitzen und abzuwarten, werden sich die Hochschulen nicht mehr lange leisten können. Um die studentische „Generation Smartphone“ und neue Zielgruppen zu erreichen, kommen sie künftig nicht umhin, ihre bestehenden digitalen Lernangebote veränderten Nutzergewohnheiten anzupassen. “ Der Trend, sich beim freien Zugang zu hervorragenden Lehr-Lern-Materialien global wie auch regional positionieren zu müssen, um nicht im virtuellen Nirwana zu verschwinden, ist deutlich erkennbar. Die Studenten fragen heute ganz klar: Wo ist der Professor, der mir freien Zugang zu den Lerninhalten gibt?“, sagt Igel.

Auch CeLTech selbst hat als „letzten Schritt im Gesamtkontext Web 2.0“ den Schritt auf iTunes U vor Kurzem getan, stellt Präsentationen, Interviews mit Wirtschaftsexperten sowie Audios und Videos von Veranstaltungen und wissenschaftlichen Konferenzen ein. Hinzukommen sollen künftig auch Vorlesungsaufzeichnungen, E-Books und eigene Apps. „Wir haben eine Plattform gesucht, über die wir mit Top-Angeboten eine global agierende Zielgruppe mit sehr hohen Ansprüchen hinsichtlich fachlich, didaktisch und technologisch hoher Qualität erreichen können. iTunes U ist unserer Einschätzung nach eine Antwort darauf“, bekräftigt Igel.

Der Haken bei den offenen virtuellen Bildungsangeboten: Man erwirbt Wissen, aber keinen formalen Abschluss. Selbst wenn Zertifikate angeboten werden, wie es beim kürzlich mit 15 000 Teilnehmern gestarteten sechswöchigen OpenHPI-Seminar des Hasso-Plattner-Instituts zum Thema In-Memory Data Management bei konsequenter Teilnahme und ausreichend erreichter Punktezahl der Fall ist, sind sie bislang ein Wert für sich. Anrechenbar etwa im Rahmen eines Master-Programms sind sie nicht. Aber wenn es nur auf den Erwerb von Fähigkeiten ankommt, ist das ja auch völlig ausreichend. HERTA PAULUS

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