Interview

Umwelt-Campus Birkenfeld ist erneut deutscher Nachhaltigkeitschampion

Der Umwelt-Campus Birkenfeld an der Hochschule Trier ist die grünste Hochschule Deutschlands. Zum zweiten Mal hat es der Umwelt-Campus unter die weltweit 10 „grünsten“ Hochschulen geschafft. Im GreenMetrics-Ranking belegt Birkenfeld Platz 6. Ingenieur.de hat ein Interview mit Professor Dr. Klaus Helling geführt.

Umwelt Campus Birkenfeld

Der nachhaltige Campus liegt malerisch und im Grünen.

Foto: Christopher Müller-Dönnhoff

ingenieur.de: Die grünste Hochschule Deutschlands liegt in Rheinland-Pfalz. Was macht Ihre Hochschule denn so grün, Herr Helling?

Prof. Dr. Klaus Helling: Nachhaltigkeit wird am Umwelt-Campus Birkenfeld ganzheitlich umgesetzt und gelebt. Angefangen von der Verankerung im Leitbild und in den Führungsstrukturen werden alle Bereiche vom Betrieb, über Lehre und die Forschung bis hin zum Transfer in Richtung Nachhaltigkeit ausgestaltet. Der Umwelt-Campus Birkenfeld ist der erste „Zero Emission University“ Europas, denn die Liegenschaft wird in Bezug auf Wärme und Strom vollständig mit erneuerbaren Energien versorgt. In einem nahegelegenen Holzhackschnitzelheizkraftwerk wird aus regionalen Althölzern klimaneutral und effizient mit Hilfe der Kraft-Wärme-Kopplung Wärme und Strom erzeugt. Die Wärme versorgt über ein Nahwärmenetz nicht nur sämtliche Gebäude auf dem Hochschulgelände, sondern darüber hinaus weitere benachbarte Unternehmen. Ein weiterer Bestandteil des Energieversorgungssystems ist eine Vergärungsanlage, in der die organischen Abfälle der Region (und damit auch die des Umwelt-Campus) in Biogas und wertvollen Kompost umgewandelt werden. Aus dem Biogas wird über die Kraft-Wärme-Kopplung ebenfalls Strom und Wärme erzeugt. Der Umwelt-Campus bezieht „Grünstrom“ und erzeugt durch großflächige Solaranlagen auf den Dächern und an den Fassaden zudem etwa 50 % des Strombedarfs erneuerbar. Ein Solar-Carport gekoppelt mit einem Stromspeicher und eine kleine Flotte von Elektrofahrzeugen wird auch eine nachhaltige Mobilität ermöglicht. Darüber hinaus ist die Hochschule über den Bahnhof Neubrücke/Nahe fußläufig an das Bahnnetz angebunden. Natürlich helfen uns auch unsere Studierenden den Umwelt-Campus „grüner“ zu machen. So gibt es das studentische Nachhaltigkeitsbüro „Green Office“, mit Kleidertauschbörsen und Campus Gardening sowie vielen weiteren studentischen Umweltinitiativen.

Der 6. Rang des Umwelt-Campus Birkenfeld bezieht sich auf das internationale GreenMetric-Ranking. Können Sie unseren Lesern mehr über dieses Ranking sagen und welche Faktoren zu diesem Platz geführt haben?

Seit 2010 führt die „Universitas Indonesia“ das weltweit führende Ranking rund um die Nachhaltigkeitsbemühungen von Hochschulen durch. In diesem Jahr nahmen 780 Universitäten aus 85 Ländern teil – wieder eine deutliche Steigerung zum Vorjahr, indem sich 719 Unis aus 81 Ländern bewarben. Das ganzheitliche Ranking gliedert sich in sechs gewichtete Kategorien: Infrastruktur (15 %), Energie und Klimaschutz (21 %), Abfallmanagement (18 %), Wasser (10 %), Mobilität (18 %) sowie Lehre und Forschung (18 %). Erfolgsfaktoren für den Umwelt-Campus Birkenfeld waren sehr gute Bewertungen in den Kategorien Wasser (100 % der erreichbaren Punkte), Lehre und Forschung (96 %), Mobilität (93 %) und Energie und Klimaschutz (85 %).

Den weltweit ersten Platz gewann erneut die landwirtschaftlich geprägte Universität Wageningen in den Niederlanden, gefolgt von der University of Oxford, England, der University of California, Davis, USA sowie der University of Nottingham und der Nottingham Trent University, beide ebenfalls England.

Der Umwelt-Campus Birkenfeld folgt in diesem hochrangigen Feld auf Rang 6, konnte sich im Vergleich zum Vorjahr um weitere 275 Punkte verbessern und den Punktabstand zum Spitzenreiter deutlich verkürzen. Die ersten 6 Hochschulen konnten sich in diesem Jahr von den Verfolgern etwas absetzen und haben durch die Bank bessere Punktzahlen als im Vorjahr erreicht. Für 2020 haben wir weitere erfolgversprechende Pläne und träumen davon, unter die ersten 3 zu kommen. Es wird zugleich deutlich, dass immer mehr Universitäten sich intensiv um das Thema Nachhaltigkeit kümmern – die Konkurrenz schläft nicht. In Deutschland steht Birkenfeld seit 3 Jahren ganz oben, gefolgt von der Freien Universität Berlin, der Universität Bayreuth und der Leuphana Universität Lüneburg. Übrigens sind wir in der Gruppe der Hochschulen im ländlichen Raum im aktuellen GreenMetric-Ranking sogar weltweit auf dem ersten Platz.

Solaranlagen Umwelt Campus Birkenfeld

Solaranlagen auf dem Umwelt-Campus.

Foto: Umwelt-Campus Birkenfeld

Umwelt-Campus Birkenfeld ist erneut deutscher Nachhaltigkeitschampion

Die grüne Hochschule nahe Trier.

Foto: Umwelt-Campus Birkenfeld

Studenten auf dem Campus.

Studenten auf dem Campus.

Foto: Jannik Scheer

Umwelt-Campus Birkenfeld ist erneut deutscher Nachhaltigkeitschampion

Informatik-Vorlesung.

Foto: Umwelt-Campus Birkenfeld

Warum wurde der Standort für den Campus im oberen Nahetal bei Trier gewählt?

Das Land Rheinland-Pfalz traf die zukunftsweisende Entscheidung, in der Gemeinde Hoppstädten-Weiersbach der Verbandsgemeinde Birkenfeld den Umwelt-Campus als neuen Standort der damaligen Fachhochschule Rheinland-Pfalz zu gründen. Die Entscheidung war auch strukturpolitisch motiviert, denn der Wegfall von militärischen Einrichtungen schwächte die Wirtschaft im ohnehin strukturschwachen Landkreis Birkenfeld deutlich. Die Liegenschaft des Umwelt-Campus hatte bis 1992 als Standort für ein Reservelazarett der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland gedient und sollte nun im Rahmen der Konversion einer neuen Nutzung zugeführt werden. Die lokale Presse titelte seinerzeit: „Campusgeist im Geisterlazarett“. Der Umwelt-Campus Birkenfeld nahm als Standort der mittlerweile selbstständigen Hochschule Trier den Lehrbetrieb zum WS 1996/97 auf. Im ersten Jahrgang hatte man mit circa 175 Studierenden gerechnet. Tatsächlich schrieben sich aber mehr als 550 Studierende in einen der 5 angebotenen Diplom-Studiengänge ein. Der Campus wurde ursprünglich für 1.100 Studierende konzipiert. Diese Zielzahl wurde bereits im Jahr 2004 mit über 1.600 eingeschriebenen Studierenden um fast 50 % übertroffen. Aktuell werden in den beiden Fachbereichen Umweltplanung/Umwelttechnik und Umweltwirtschaft/Umweltrecht in 12 Bachelor-, vier dualen Bachelor- und 12 Master-Studiengängen von insgesamt 56 Professoren ca. 2.400 Studierenden aus über 60 Ländern unterrichtet.

Und welche Studiengänge sind möglich?

Nachhaltigkeit ist der „grüne Faden“, der alle Lehrangebote am Umwelt-Campus Birkenfeld verbindet und entsprechende Aspekte sind in sämtliche Bachelor- und Master-Studiengänge integriert. Neben einer fundierten fachlichen Ausbildung in den gewählten Studiengängen, die die Fachrichtungen Maschinenbau, Verfahrenstechnik, Informatik, Wirtschaftsingenieurwesen, Betriebswirtschaftslehre sowie Wirtschafts- und Umweltrecht umfassen, werden in allen Studiengängen nachhaltigkeitsbezogene Inhalte gelehrt und gelernt. Die meisten Studiengänge werden in deutscher Sprache unterrichtet, aber einige Angebote richten sich primär an internationale Studierende und werden daher komplett in englischer Sprache gelehrt. Seit dem Wintersemester 2017/2018 wird der englischsprachige Bachelor-Studiengang „Sustainable Business and Technology“ angeboten. Ausländische Studierende lernen in diesem Wirtschaftsingenieur-Studiengang, wie Umwelttechnik nachhaltig zur Lösung globaler Probleme beitragen kann. Dabei werden sowohl technologische als auch ökonomische, ökologische, juristische und soziale Aspekte integriert. Übrigens lernen die internationalen Studierenden auch die deutsche Sprache, so dass die Absolventinnen und Absolventen nicht nur in ihrer Heimat sondern auch in Deutschland eine berufliche Karriere starten können und somit einen Beitrag zur Lösung des Fachkräftemangels leisten. Im Masterbereich gibt es bereits seit 2004 einen internationalen Studiengang „International Material Flow Management“, der gemeinsam mit der Asia Pacific University im japanischen Beppu entwickelt wurde. Heute sind weitere Partneruniversitäten aus Portigal, Marokko, Brasilien, Mexico und Taiwan in diesem Masterprogramm beteiligt.

Bilden Sie auch Ingenieure aus, die später im Bereich Umwelt tätig sein wollen?

Unsere Absolventinnen und Absolventen finden Jobs sowohl im Umweltbereich als auch in vielen klassischen Bereichen. Wir legen großen Wert auf eine fundierte, praxisnahe Ausbildung im gewählten Studiengang, die durch Kenntnisse in den Bereichen Umweltschutz und Nachhaltigkeit ergänzt wird. Bei uns ausgebildete Ingenieure blicken über den Tellerrand, denken ganzheitlich und entwickeln innovative Lösungen. Nicht wenige finden auch den Weg in die Forschung und arbeiten an unseren Instituten, oft in Zusammenarbeit anderen Unis, an ihren Promotionen.

Die Ausbildung am Umwelt-Campus wird als „wegweisend“ und „zukunftsorientiert“ bezeichnet. Was verbirgt sich genau dahinter?

Wir verbinden in unseren Studiengängen Digitalisierung und Nachhaltigkeit und ermöglichen den Studierenden in interdisziplinären Projekten zu lernen und in Forschungsprojekten mitzuwirken. Wichtige Themen sind dabei u.a.; Kreislaufwirtschaft, Ressourceneffizienz, Digitale Prozessketten, Additive Fertigung, Biotechnisches Prozessdesign, Brennstoffzellen- und Batterietechnik und Green IT. Im letztgenannten Bereich ist der Umwelt-Campus aktuell an der Entwicklung eines „Blauen Engels“ für Software beteiligt.

Sie haben auch eine IOT-Werkstatt. Was können die Studierenden dort genau tüfteln?

Hier lautet unser Motto: „Erst Denken – dann Digitalisieren“. Unser Konzept basiert auf der Erfahrung, dass Studierenden algorithmisches Denken viel leichter vermittelbar ist, wenn sich die Problemstellung an einem konkreten Beispiel aus der realen Welt festmacht. Kostengünstige Mikrocontroller mit WLAN-Konnektivität bieten hier hervorragende Möglichkeiten, ein eigenes „Ding“ im Internet der Dinge zu realisieren. Das anfassbare Objekt bildet den direkten Anknüpfungspunkt zu MINT-Fragestellungen, insbesondere in den Naturwissenschaften und der Technik. Ausgehend von einer kreativen Idee und dem Design-Thinking Prozess entsteht mit dem Werkstatt-Konzept so fast spielerisch ein eigener funktionsfähiger Prototyp und damit die Basis für viele innovative Geschäftsmodelle der Zukunft.

Weitere Infos dazu finden sich auf unserer Homepage.

Der Campus liegt ja mitten im Nationalpark Hunsrück-Hochwald. Werden Umweltprojekte für den Nationalpark auch von der Uni aus initiiert? Und wenn ja, welche sind das?

Der Umwelt-Campus Birkenfeld arbeitet eng mit dem 2015 gegründeten Nationalpark Hunsrück-Hochwald zusammen. Im neuen Freilandlabor der Hochschule bieten sich zahlreiche Forschungsfelder wie z.B. ökologisches und sozioökonomisches Langzeitmonitoring, Untersuchungen und Verfahren zur Renaturierung von Hangbrüchern (Mooren), die Untersuchung der Folgen des Klimawandels für Baumarteneignung, Biodiversitätsanalysen und die nachhaltige Regionalentwicklung.

Herr Helling, danke für das Interview! Wir haben das Interview schriftlich geführt.

Prof. Dr. Klaus Helling ist seit 1998 an der Hochschule Trier am Umwelt-Campus Birkenfeld beschäftigt als Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre insbesondere Umweltmanagement. Seit 2001 ist Prof. Dr. Klaus Helling Dekan des Fachbereichs Umweltwirtschaft/Umweltrecht sowie Gründungsmitglied und Direktor im Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IfaS) am Umwelt-Campus Birkenfeld.

Weiterführende Infos und Beispiele finden sich im Nachhaltigkeitsbericht des Umwelt-Campus, der auf der Homepage zum Download bereitsteht.

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