Managementausbildung

„Private Unis sind flexible Bildungs-Schnellboote“

Die deutsche Bildungslandschaft braucht private Universitäten, weil sie flexibler auf Entwicklungen reagieren können, meint Andreas Pinkwart, Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management. Vor allem die Privaten seien in der Lage, Top-Manager für den internationalen Wettbewerb auszubilden. Der einstige Wissenschaftsminister hält die Business Schools für ausbaufähig – vor allem auf finanzieller Ebene.

Prof. Andreas Pinkwart, Rektor der HHL Leipzig.

Prof. Andreas Pinkwart, Rektor der HHL Leipzig.

Foto: HHL

VDI nachrichten: Herr Prof. Pinkwart, staatliche Hochschulen klagen über Finanzlöcher, Studenten über überfüllte Hörsäle, Nachwuchsforscher über unsichere Karrierewege. Ist der Übergang in die private Hochschule für Sie die Flucht vor dem staatlichen Alptraum?

Pinkwart: Nein, sicher nicht, ich verstehe den Wechsel als Herausforderung. Wir brauchen staatliche wie private Hochschulen. 95 % der Studienplätze in Deutschland werden von staatlichen Hochschulen angeboten. Die wenigen privaten Hochschulen mit Promotionsrecht können wir an beiden Händen abzählen. Das ist auch im internationalen Vergleich mehr als kritisch. Private Bildungsanbieter sind unverzichtbare Hefe im Hochschulteig, weil sie über den Wettbewerb mit der staatlichen Konkurrenz Innovationen ins Hochschulsystem gebracht haben. Wir brauchen neben den großen staatlichen Tankern auch die Schnellboote. Die privaten universitären Anbieter haben es schwer, weil sie ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht nur über die privat finanzierte Lehre sondern auch über die privat zu finanzierende Forschung sichern müssen. Eine Waffengleichheit haben wir hier nicht.

Was hat Sie gereizt, Kapitän eines solchen Schnellbootes zu sein?

Die HHL Leipzig Graduate School of Management ist die älteste private Wirtschaftshochschule in Deutschland. Sie gilt als Mutter der deutschen Betriebswirtschaftslehre. Jetzt geht es um die großen Themen der Betriebswirtschaftslehre des 21. Jahrhunderts, die sehr stark global und unternehmerisch orientiert sind, mit hohen Anforderungen an die interkulturelle Führungsfähigkeit von Managern. Als international aufgestellte Hochschule bieten sich der HHL ganz andere, flexiblere Möglichkeiten als einer staatlichen Hochschule.

Thomas Sattelberger, ehemaliger Telekom-Personalvorstand und nun Vorstandsvorsitzender der Initiative „MINT Zukunft schaffen“, ist wahrlich nicht „linker“ Ideologien verdächtig. Er hat gesagt, die MBA-Ausbildung leiste dem Finanz-Kapitalismus ideologischen Vorschub. Was halten Sie von dieser These?

Ich habe mit ihm darüber gesprochen. Es hat Herrn Sattelberger gefallen, dass wir Wert auf Diversität legen und unsere Studenten nicht nach dem Geldbeutel aussuchen, sondern nach Leistungsfähigkeit und Charakterstärke. Nachgelagerte Studiengebühren und Stipendien ermöglichen das. Wir wollen keine elitären Zirkel herausbilden. Zudem haben wir eine lange Tradition in ethischen Fragen. Wir pflegen eine enge Kooperation mit dem Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik, 2004 haben wir für die Professur für Wirtschaftsethik den renommierten Wissenschaftler Andreas Suchanek, Direktor des Wittenberg-Zentrums, gewonnen. Das Prinzip Verantwortung hat für uns den gleichen Stellenwert wie Effektivität und innovatives Unternehmertum.

Der MBA hat es in Deutschland schwer. Er wurde mehrfach totgesagt, eine einfache BWL-Weiterbildung bringe es für Ingenieure auch, heißt es. Warum könnte der MBA trotzdem Zukunft haben?

Den MBA sehe ich als einen Wachstumsmarkt mit erheblichem Entwicklungspotenzial. Das liegt vor allem an der Bologna-Reform. Nach dem Bachelorabschluss ist mit dem Masterstudium eine inhaltliche wie örtliche Neuorientierung möglich. Zudem sehen wir in den Unternehmen eine verstärkte Dezentralisierung mit vielen kleinen Einheiten. Um diese zu führen, werden Persönlichkeiten mit hoher Fachkompetenz und Management-Know-how benötigt.

Staatliche Universitäten und Fachhochschulen sehen Sie also bei der Vermittlung von Managementkompetenzen nicht in der Bringschuld?

Doch, sicherlich. Aber nur wenige füllen ihre Angebote so aus, dass sie internationale Sichtbarkeit erreichen und sich mit den nordamerikanischen, schweizerischen und britischen Spitzenanbietern messen können. Als drittgrößte Industrienation der Welt sollten wir den Anspruch haben, dass die Qualifikation von Führungskräften dem internationalen Wettbewerb entspricht.

Wie wird sich der MBA-Markt künftig aufstellen?

Der wachsende Markt wird weiterhin regionale Angebote brauchen. Darüber hinaus wird es einige wenige private Spitzenhochschulen mit internationaler Relevanz geben – wie die HHL Leipzig Graduate School of Management.

Die HHL möchte regionale kleine und mittelständische Unternehmen stärker unterstützen. Heißt das, dass diese Firmen Ihre Ausbildung bislang noch nicht für sich entdeckt haben?

Beim Thema Internationalisierung hat der Mittelstand zwar enorme Fortschritte gemacht, aber es gibt Handlungsbedarf. Dies gilt auch für innovative Unternehmensgründungen, wie jüngste Studien belegen. Vielen mangelt es an geeigneten Geschäftskonzepten, der notwendigen Finanzierung wie auch am interkulturellen Know-how. Außerdem ist der MBA bei typisch mittelständischen Themen, wie der Unternehmensnachfolge, von großem Wert, wie wir anhand der späteren Karrieren unserer Absolventen sehen.

Neben Ingenieuren studieren an der HHL Juristen, Mediziner und andere Akademiker. Was bringt das gemeinsame Lernen?

Durch immer kürzere Innovationszyklen und disruptive Innovationen müssen sich Unternehmen – nehmen wir die Energiewirtschaft – rasanten und grundlegenden Veränderungen stellen. Dabei hilft ihnen der Einblick in andere Branchen und Märkte. Insofern ist die internationale wie interdisziplinäre Zusammensetzung unserer MBA-Klassen mit Führungsnachwuchskräften unterschiedlicher Branchen und Nationen von großem Wert.

„Eine gewisse Unterstützung privater Hochschulen ist berechtigt“, sagten Sie kürzlich. Reichen die Gebühren, die Studierende für Ihre Ausbildung zahlen müssen, und die Sponsorengelder allein nicht aus? Muss der Staat ran?

Die Forschungsleistungen privater universitärer Hochschulen müssen wie die Lehre hohen Ansprüchen genügen, damit sie im Wettbewerb um staatliche Forschungsförderungsprogramme mit den öffentlichen Unis und Forschungseinrichtungen mithalten können. Da die privaten Unis in Deutschland noch nicht über die großen Stiftungsvermögen verfügen und die Studiengebühren nicht die Kosten der Forschungsanstrengungen decken, ist ergänzendes privates Engagement – etwa in Form von Stiftungsprofessuren und Drittmittelprojekten – unverzichtbar, wenn wir mit den privaten Spitzenhochschulen in Europa und weltweit ernsthaft konkurrieren wollen.

  • Wolfgang Schmitz

    Wolfgang Schmitz

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Bildung, Karriere, Management, Gesellschaft

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