Studium

„Carbon-Boom“ setzt Hochschulen unter Druck

Offiziell ist das Carbonzeitalter bereits eingeläutet. Doch neben wissenschaftlichen Grundlagen, um das „schwarze Gold“ auf wirtschaftlicher Basis in der Produktion in großer Breite einsetzen zu können, fehlt vor allem eines

Herkömmliche Materialien wie Stahl und Aluminium haben in Bezug auf das Leichtbaupotenzial ihre Grenzen erreicht. Verbesserungen sind hier kaum machbar. Deshalb werden Kohlenstofffaserverbundwerkstoffe inzwischen nicht mehr nur im Luftfahrtbereich aufgrund ihres Leichtbaupotenzials, ihrer hohen Steifigkeiten und Festigkeiten bei geringer Dichte eingesetzt. Auch in den Bereichen Automotive, Windenergie, Sportgeräte und immer häufiger im Maschinen- und Anlagenbau machen sich die Fasern breit. Entsprechend können sich Kohlenstofffaserexperten momentan ihre Arbeitgeber aussuchen.

„Es ist ein Boom zu verzeichnen. Wir haben sehr viele Anfragen aus der Wirtschaft“, bestätigt Peggy Repenning, Vizepräsidentin der PFH Private Hochschule Göttingen. Hier wurde der Bedarf schon frühzeitig erkannt. Seit 2006 bietet die PFH im Rahmen des bislang stark auf die Luftfahrtbranche ausgerichteten Verbunds CFK-Valley am Campus Stade den dualen, ingenieurwissenschaftlichen Studiengang Bachelor of Engineering Verbundwerkstoffe/Composites an.

Arbeitgeber aus verschiedenen Branchen suchen nach Carbon-Experten

„Wir bekommen laufend Anfragen nach geeigneten Kandidaten“, meint auch Ulf Paul Breuer, Geschäftsführer des Instituts für Verbundwerkstoffe IVW GmbH in Kaiserslautern, das neben seinen Forschungsaktivitäten auch in die Lehre im Fachbereich Maschinenbau und Verfahrenstechnik der Technischen Universität Kaiserslautern eingebunden ist. „Vor allem im Bereich Konstruktion und Berechnung herrscht am Arbeitsmarkt ein großer Engpass,“ erläutert Paul Breuer.

„Die Technologie hat sich schneller entwickelt als die öffentliche Wahrnehmung“, konstatiert André Baeten, Professor an der Fakultät für Maschinenbau an der Hochschule Augsburg lakonisch. Rund 1500 Ingenieure und 7500 Fachkräfte fehlen aktuell allein in der Region München-Ingolstadt-Augsburg, ergab eine Erhebung des 2007 gegründeten Kompetenznetzwerks Carbon Composites (CCeV), dessen Mitglieder sich aus großen und mittleren Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Gebietskörperschaften und Kammern zusammensetzen.

Die Lücke schließen soll nicht zuletzt die Bildungsoffensive, die im Rahmen des vom CCeV mitinitiierten Projekts „M-A-I Carbon“ aufgesetzt wurde. Hauptanliegen des im Spitzencluster-Wettbewerb des Bundesministeriums für Bildung und Forschung als Finalisten gut im Rennen liegenden Verbunds aus 60 Unternehmen, Dienstleistern, Forschungsinstituten und Hochschulen ist es, die Region zu einem europäischen Kompetenzzentrum für Leichtbau auszubauen.

Bildungsoffensive will zusätzliche Carbon-Fachleute hervorbringen

„Wir sind derzeit dabei, im Rahmen des Spitzenclusters ein integriertes Bildungsangebot zu entwickeln“, erklärt M-A-I-Carbon-Sprecher Alexander Gundling von der IHK Schwaben. „Unser Ziel ist es, innerhalb von fünf Jahren ein in sich geschlossenes Ausbildungskonzept zu haben. Wir werden daher künftig auch berufsbegleitende Weiterbildungsangebote im Bereich Faserverbundwerkstoffe speziell für Ingenieure anbieten.“

Auch an den in der Cluster-Initiative bislang beteiligten Hochschulen München, Augsburg und Ingolstadt sowie der Technischen Universität München (TUM) mit seinem 2009 gegründeten Stiftungslehrstuhl Carbon Composites soll das Thema CFK künftig vernetzt angegangen werden. „Geplant ist, Studieninhalte auch hochschulübergreifend anzubieten“, erklärt Baeten, der auch den seit dem diesjährigen Sommersemester angebotenen Masterstudiengang Leichtbau- und Faserverbundtechnologie leitet. „Es ist ein speziell ingenieurwissenschaftlicher Master“, erklärt er die auf Anhieb von rund 20 Studenten gewählte Schwerpunktsetzung auf den Bereich leichtbau- und faserverbundgerechte Strukturbauteile.

Ab 2012 wird das Ausbildungsspektrum zudem um den berufsbegleitenden Master „Technologie Management mit Schwerpunkt Faserverbundtechnologie“ erweitert.

Studenten zeigen reges Interesse am Stiftungslehrstuhl Carbon Composites der TU München

Über mangelndes Interesse seitens der Studenten kann auch Klaus Drechsler, Leiter des TUM-Lehrstuhls Carbon Composites nicht klagen. Seit dem Wintersemester 2010/2011 wird hier das zweisemestrige Fachmodul „Faserverbundtechnologie“ mit den Schwerpunkten Materialeigenschaften, Auslegekriterien und konstruktive Umsetzung angeboten. Rund 60 Studenten besuchen die Vorlesungen, „die 15 Praktikumsplätze waren binnen Sekunden vergeben“, berichtet Drechsler.

Denn nicht nur die künftige Absolventenzahl betreffend gilt die Devise: Gut Ding will Weile haben. Auch bei der technischen Ausstattung ist langer Atem gefordert. Drechsler: „Langsam füllt sich die Halle mit den Anlagen, die wir uns vorgestellt haben.“ 

Von H. Paulus/Wolfgang Schmitz

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