Karrierestrategie 21.08.2015, 00:00 Uhr

Wie kann ich eigene Vorurteile ausschalten?

Klischees, Stereotype, Vorurteile – niemand ist von ihnen gefeit. Manchmal sollte man sich aber ganz besonders vor ihnen hüten, beispielsweise in der Arbeitswelt. 

Banaji und Greenwald zeigen am Beispiel der Shepard-Tische, wie uns unser Gehirn in die Irre führen kann.

Banaji und Greenwald zeigen am Beispiel der Shepard-Tische, wie uns unser Gehirn in die Irre führen kann.

Foto: dtv

Denn ob bei der Projektarbeit oder im Einstellungsgespräch – immer wieder begegnet man Menschen, mit denen man nicht klarkommt. Dagegen kann man was tun, sagen die beiden Psychologen Mahzarin R. Banaji und Anthony G. Greenwald in ihrem gerade erschienenen Buch. Wer lernt, sein Verhalten zu analysieren, die sozialisierten Vorurteile zu erkennen und blinde Flecken auszufüllen, der kann Menschen unvoreingenommener entgegentreten.

Zugegeben, Vorurteile haben ihren Nutzen. Sie helfen uns, die Welt ein wenig abzuschätzen, unseren Alltag zu meistern. Würden wir uns nicht auf die in unserem Gehirn verankerten Kategorien verlassen, müssten Bewerber das Abschlusszeugnis des Personalers verlangen, um dessen Qualifikation zu prüfen. Auch Kollegen müssten ständig ein Empfehlungsschreiben in der Tasche haben, um sich als Experten oder sinnvolle Ansprechpartner auszuweisen. In so einer Umgebung könnte kein Mensch arbeiten. Wir lassen uns also ein Stück weit fernsteuern.

Wie entstehen Vorurteile?

Die Autoren des Buches Vor-Urteile nennen das Versagen des Gehirns, Dinge so zu sehen, wie sie sind, „mentale Programmfehler“. Sie entstehen, weil das menschliche Gehirn die zweidimensionalen Sinnesreize, die ihm vom Auge gesendet werden, in dreidimensionale Bilder übersetzt. Unser Gehirn interpretiert Bilder, statt sie so abzubilden, wie sie vor uns erscheinen. Banaji und Greenwald zeigen am Beispiel der Shepard-Tische, wie uns unser Gehirn damit in die Irre führen kann. Nun ist das „nur“ eine optische Täuschung, die menschliche Fehlprogrammierung geht aber noch viel weiter.

Die Erinnerungsfähigkeit des Menschen ist beeinflussbar, etwa durch später erhaltene Informationen. Weil das Gehirn Erinnerungen teilweise überschreibt und sie mit Assoziationen anreichert, die nicht unbedingt in Zusammenhang mit dem Erlebten stehen. Darüber hinaus nehmen Menschen Dinge, die in der Vorstellung besser verfügbar sind, als häufigeres Vorkommnis wahr. So entsteht bei der Berufsbezeichnung Ingenieur automatisch das Bild eines Mannes in den allermeisten Köpfen. Das trifft auch auf Bauingenieure zu, obwohl die Frauenquote dort bei über 50 % liegt. Schuld ist eine versteckte Voreingenommenheit, ein Vorurteil.

Warum schaden Sie?

Vorurteile führen dazu, dass wir uns innerhalb kürzester Zeit ein Bild von unserem Gegenüber machen. Banaji und Greenwald schreiben: „Wenn wir den Charakter von Menschen beurteilen, merken wir meist gar nicht, wie unzuverlässig unsere Einschätzungen sind.“ Und häufig können wir sie deswegen auch nicht revidieren. Ob im Bewerbungsgespräch oder im Kreis der Kollegen, umgangssprachlich hat sich der Begriff des Nasenfaktors herausgebildet. Er beschreibt nichts anderes als ein Vorurteil, nämlich die unergründbare Abneigung oder eben Zuneigung für eine andere Person.

Da stehst Du drüber? Dieser Test wird Dich eines Besseren belehren. Er ist einem Beispiel aus dem aktuellen Buch der beiden US-amerikanischen Sozialpsychologen nachempfunden. Lies zunächst Zeile für Zeile. Dann mixe die Kategorien wild durcheinander:

Geschlecht

Alter

Nation

Politische
Einstellung

männlich

jung

indisch

konservativ

weiblich

alt

türkisch

linksradikal

transsexuell

in den Dreißigern

deutsch

neoliberal

Ist es nicht erstaunlich, dass Du ebenso schnell ein Bild des jungen konservativen Inders im Kopf hattest wie das einer jungen linksradikalen Transsexuellen? Das Gehirn produziert diese Bilder unabhängig davon, ob wir Bekannte haben, auf die diese Beschreibung zutreffen oder nicht. Es braucht kein reales Vorbild, um all diese Kategorien zusammenzufügen und einen Menschen vor unserem inneren Auge entstehen zu lassen.

Wir urteilen also schnell. Und ebenso schnell verurteilen wir jemanden zu Unrecht, indem wir ihn oder sie nicht als Individuum wahrnehmen. Studien belegen, dass muslimische Bewerber – oder solche, die man aufgrund ihres Namens dafür halten könnte – in Bewerbungsverfahren benachteiligt werden. Nun sitzen in den Personalabteilungen deutscher Unternehmer ganz sicher keine ausgemachten Rassisten. Viel eher weisen die Ergebnisse darauf hin, dass sich dieser Personenkreis ihrer versteckten Vorurteile nicht bewusst ist und deshalb die eigene Gruppe bevorzugt. Viele Unternehmen reagierten auf diese Form der Diskriminierung, indem sie ihre Personalabteilungen diversifizierten, die Politik sprach sich für anonymisierte Bewerbungen aus.

Noch viel schädlicher als unsere Vorurteile anderen gegenüber ist laut Banaji und Greenwald jedoch die Identifikation mit dem, was andere von einem denken. „Wenn sich Mitglieder einer Gruppe, die von stereotypen Beurteilungen betroffen sind, diese zu eigen machen, können sie damit leicht ihre Selbstachtung unterminieren“, schreiben die Autoren. So konnten Studien zeigen, dass Frauen zu einem Großteil selbst festgefahrene Karriere-Assoziationen hatten nach dem Motto Mann=Karriere und Frau=Familie. Damit stehen sich Frauen, neben den männlichen Vorgesetzten, die diese Vorurteile ebenfalls zu einem Großteil im Kopf haben, selbst im Weg.

Wie kann ich meine eigenen Vorurteile ausschalten?

Zunächst ist es wichtig, sich klarzumachen, dass kein Mensch frei ist von Vorurteilen. Selbst die Autoren, die sich seit Jahren mit diesem Phänomen beschäftigen, schreiben, dass sie (sehr zu ihrem Ärger) immer wieder neue Programmfehler in ihrem Gehirn ausmachen. Jeder muss für sich also eine gewisse Sensibilität entwickeln und Methoden, das eigene Gehirn zu überlisten. Das geht nur, wenn man sich die eigenen Vorurteile bewusst macht. Und Banaji und Greenwald dämpfen die Erwartungen: Sie glauben (gegenwärtig) nicht, dass diese Programmfehler „dauerhaft behoben“ werden können. Die Bekämpfung der ungewollten Vorurteile dürfte also eine Sisyphusarbeit werden.

In der Arbeitswelt haben sich anonymisierte Bewerbungen zwar nicht durchgesetzt, sie sind aber eine Erfolgs versprechende Methode, um versteckte Vorurteile bei Personalern zu überlisten. Die Diversifizierung der Mitarbeiter in Personalabteilungen ist ebenfalls eine logische Konsequenz aus den ernüchternden Studienergebnissen. Da Zugehörige der eigenen Gruppe unbewusst bevorzugt werden, nimmt die individuelle Diskriminierung jedes einzelnen abgelehnten Bewerbers zwar nicht ab, im Ganzen werden die negativen Folgen für einzelne Gruppen aber abgeschwächt. Und eine gute Nachricht zum Schluss: Auch die selbstschädigenden verdeckten Vorurteile können beeinflusst werden. Studien haben gezeigt, dass weibliche Vorbilder, etwa Dozentinnen in Mathe-Vorlesungen, das Vorurteil Mathe=männlich bei jungen Studentinnen deutlich reduzieren konnten. Mentorinnen und weibliche Vorbilder in den MINT-Fächern sind demnach eine Strategie, den Frauenanteil auch unter Ingenieuren auf lange Sicht zu erhöhen. Um mit Banaji und Greenwald zu enden: „Es ist nicht einfach, aber möglich.“

Mahzarin R. Banaji, Anthony G. Greenwald: Vor-Urteile

Mahzarin R. Banaji, Anthony G. Greenwald: Vor-Urteile

Mahzarin R. Banaji, Anthony G. Greenwald: Vor-Urteile. Wie unser Verhalten unbewusst gesteuert wird und was wir dagegen tun können. Deutsche Erstausgabe. Aus dem Englischen von Enrico Heinemann. dtv Verlagsgesellschaft, München, 288 Seiten, 16,90 €.

Von Lisa Schneider

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