Warum jetzt der perfekte Zeitpunkt für Ingenieurinnen im Baugewerbe ist
Die Baubranche digitalisiert sich rasant – und eröffnet Ingenieurinnen neue Karrierechancen in Construction Tech, KI, Start-ups und Venture Capital.
Construction-Tech-Expertin Tanja Kufner über neue Chancen für Ingenieurinnen.
Foto: Nemetschek Group
Im Interview gibt Tanja Kufner, Head of Start-up & Venture Investments, Einblicke in die dynamische Entwicklung der Construction-Tech-Branche. Sie zeigt auf, warum gerade jetzt ein entscheidender Zeitpunkt für Mint-Talente ist, um einzusteigen und mitzugestalten.
Inhaltsverzeichnis
Welche technologischen Entwicklungen eröffnen aktuell die größten Chancen für Mint-Talente – und warum gerade jetzt?
Die Baubranche holt gerade Jahrzehnte an Digitalisierung nach – das schafft enorme neue Rollen für Mint-Talente. Digitale Zwillinge und Open BIM ermöglichen erstmals, Gebäude über den gesamten Lebenszyklus datenbasiert zu planen, zu bauen und zu betreiben. Daraus entstehen Profile wie Dateningenieurin, Simulationsexpertin oder BIM-Managerin. KI verschiebt die Rolle von Ingenieurinnen – weg von manueller Detailarbeit, hin zur datengetriebenen Entscheidung.
Auf der Baustelle sorgen Automatisierung, Robotik und Drohnen für neue Schnittstellenjobs zwischen Software, Maschinen und Baupraxis. Die Chance ist gerade jetzt so groß, weil Kostendruck, Fachkräftemangel und ESG-Vorgaben die Branche zwingen, digitaler und effizienter zu werden.
Wie verändern Start-ups und Technologien wie KI, Automatisierung oder digitale Zwillinge die Baubranche – Fortschritt vs. Hype?
Wir sehen echte, messbare Fortschritte – etwa deutlich weniger Planungsfehler durch automatisierte Validierung in BIM-Workflows und spürbare Zeitgewinne durch durchgängige, datenbasierte Prozesse. Auf Baustellen werden Fortschritte in Echtzeit mit der Planung abgeglichen, im Betrieb optimieren digitale Zwillinge Wartung und Energieeinsatz. Start-ups spielen hier eine Schlüsselrolle, weil sie sehr konkrete Pain Points wie Dokumentation, Logistik oder CO₂-Tracking lösen und sich in bestehende Systeme integrieren.
Hype ist aus meiner Sicht dort, wo von der voll automatisierten Baustelle gesprochen wird. Ohne saubere Daten, Standards und realistische Prozesse bleiben viele KI-Versprechen Theorie. Der größte Hebel liegt in der intelligenten Integration neuer Technologien in bestehende Abläufe – nicht im radikalen Neudenken am Whiteboard.
Frauen in Construction Tech: Chancen und strukturelle Hürden
Der Frauenanteil unter Mint-Erstsemestern steigt – warum kommt dieses Potenzial im Bauwesen so wenig in Führungsrollen oder Gründungen an?
Wir haben eine klassische Leaky Pipeline: Viele Frauen starten in Mint, aber entlang der Karriereleiter verlieren wir sie wieder. Das Bauwesen gilt häufig als weniger modern und flexibel als andere Branchen. Sichtbare weibliche Vorbilder im Top-Management fehlen, was Karriereentscheidungen stark beeinflusst.
Führungsrollen sind oft an Präsenz, lange Projektzyklen und starre Modelle geknüpft – das erschwert Vereinbarkeit. Bei Gründungen kommt erschwerend hinzu, dass Gründerinnen nachweislich seltener Venture Capital erhalten und weniger Zugang zu relevanten Netzwerken haben. Es fehlt also nicht an Talent, sondern an Strukturen, Vorbildern und fairen Zugängen.
Welche Rolle spielen Frauen heute als Gründerinnen, Investorinnen und Entscheiderinnen im Construction Tech – und wo sind die größten Lücken?
Frauen sind im Construction Tech sichtbarer geworden, bleiben aber klar in der Minderheit – gerade in technischen Gründerteams und Investmentrollen. In Feldern wie Nachhaltigkeit, PropTech oder digitalen Plattformen gibt es zunehmend Gründerinnen, und auf Investor*innenseite wächst die Zahl weiblicher Entscheiderinnen langsam.
Die größten Lücken sehe ich in der Skalierungsphase von Start-ups und an der Schnittstelle von Technologie, Kapital und Strategie – also dort, wo Produkte, Standards und Marktlogiken wirklich definiert werden. Wenn wir wollen, dass mehr Frauen die Branche prägen, müssen wir sie gezielt in diese Schlüsselrollen bringen.
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Barrieren abbauen: Was sich jetzt ändern muss
Welche systemischen Hindernisse bremsen Frauen in dieser Branche am stärksten?
Vier Punkte erlebe ich immer wieder: Erstens Bias in Investmentprozessen – Gründerinnen werden oft stärker nach Risiken als nach Chancen beurteilt, was Finanzierung erschwert. Zweitens historisch männlich geprägte Netzwerke im Bau- und VC-Umfeld, in denen viele Entscheidungen informell fallen. Drittens eine Arbeitskultur, die noch häufig hierarchisch und wenig flexibel ist, besonders auf der Baustelle. Und viertens mangelnde Sichtbarkeit weiblicher Expertise – zu wenige Frauen auf Panels, in Fachmedien oder Jurys. Das nimmt der nächsten Generation wichtige Role Models.
Was müsste sich konkret ändern, damit mehr Frauen Innovationen und Investitionsentscheidungen im Bauwesen prägen?
Unternehmen brauchen flexiblere Karrierepfade, transparente Beförderungskriterien und echte Sponsorship-Programme für Frauen – nicht nur Networking-Events. Investorinnenseitig helfen diversere Teams und standardisierte Bewertungsprozesse, Bias zu reduzieren. Im Ökosystem müssen Netzwerke wie Women in Tech oder Women in Construction Tech weiter gestärkt und erfolgreiche Gründerinnen und Investorinnen sehr bewusst sichtbar gemacht werden.
In der Ausbildung wünsche ich mir mehr Unternehmerinnentum in technischen Studiengängen – die Kombination aus Technik, Daten und Business ist der Schlüssel für mehr Gründerinnen und Investorinnen.
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Karrierewege und Erfolg im Construction Tech
Welche Karrierewege eröffnen sich Ingenieurinnen heute zwischen Industrie, Start-ups und Venture Capital – und welche werden unterschätzt?
Ingenieurinnen haben heute die Wahl zwischen drei starken Pfaden – und spannenden Kombinationen daraus. In der Industrie entwickeln sich klassische Rollen weiter Richtung digitale Zwillinge, Nachhaltigkeit und Transformation. Start-ups bieten die Chance, früh Verantwortung zu übernehmen und eine sehr steile Lernkurve zu haben.
Im Venture Capital können Ingenieurinnen durch ihre technische Expertise direkt beeinflussen, welche Technologien finanziert werden. Unterschätzt werden vor allem Schnittstellenfunktionen wie Produktmanagement oder Rollen zwischen Bau, Software und Datenanalyse – genau dort werden aktuell die Weichen für die Praxisreife digitaler Lösungen gestellt.
Nach welchen Kriterien bewerten Sie internationale Construction-Tech-Investments?
Wir schauen immer zuerst auf den Problem-Fit: Löst die Lösung ein klar messbares Problem – etwa bei Kosten, Effizienz oder Nachhaltigkeit? Dann prüfen wir technologische Substanz und Differenzierung, nicht nur Features. Ein starkes, komplementäres Team mit Branchenverständnis ist für uns entscheidend, genauso wie die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells über Märkte und Regulierungen hinweg.
Plattform- und SaaS-Modelle haben hier Vorteile. Und gerade im Bauwesen ist die Go-to-Market-Fähigkeit zentral: Wer die langen Vertriebszyklen und konservativen Kundenstrukturen nicht versteht, wird schwer skalieren. Ein zusätzlicher Filter ist für uns der Beitrag zu Dekarbonisierung und Transformation – das ist kein Nice-to-have, sondern ein echter Wachstumstreiber.
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Start-ups, Fehler und persönliche Learnings
Was macht ein Start-up im Bauwesen wirklich erfolgreich – und welche typischen Fehler führen zum Scheitern?
Erfolgreiche Construction-Tech-Start-ups arbeiten von Anfang an eng mit Pilotkund*innen, lösen ein klar abgegrenztes Problem und integrieren sich in bestehende Prozesse und Softwarelandschaften. Sie bringen die Geduld für lange Verkaufszyklen mit und investieren früh in Vertrieb und Implementierung. Typische Fehler: zu technologielastige Produkte ohne klaren Kundennutzen, Unterschätzung der konservativen Branchenlogik, fehlende Go-to-Market-Strategie und zu schnelle Internationalisierung, bevor der Heimatmarkt stabil ist.
Welchen Rat würden Sie jungen Ingenieurinnen geben, die heute in technologiegetriebenen Branchen durchstarten wollen?
Gestalten Sie Ihre Karriere aktiv – und denken Sie bewusst über klassische Ingenieurrollen hinaus. Bauen Sie digitale und datengetriebene Fähigkeiten sowie ein Grundverständnis für Geschäftsmodelle auf. Suchen Sie früh Netzwerke, Mentorinnen und Sparringspartnerinnen – auch außerhalb der eigenen Disziplin. Trauen Sie sich in Start-ups, internationale Aufgaben oder neue Rollen, auch wenn sie nicht zu 100 % zu Ihrem Lebenslauf passen.
Und ganz wichtig: Warten Sie nicht darauf, gefragt zu werden. Melden Sie sich für Projekte und Bühnen, auf denen Sie sichtbar werden und wachsen können.
Persönlicher Werdegang und Motivation
Gab es in Ihrer eigenen Laufbahn einen Moment, der Ihren Weg in Venture und Construction Tech geprägt hat?
Der Wendepunkt war für mich der Schritt aus einer eher klassischen Rolle in ein stark innovations- und investitionsgetriebenes Umfeld. Die direkte Arbeit mit Start-ups – später speziell mit Construction Tech – hat mir gezeigt, dass echte Innovation nur im Zusammenspiel von Technologie, Kapital und starken Teams entsteht. Venture Capital ist für mich seitdem ein Hebel, um die Transformation einer traditionell geprägten Branche aktiv zu beschleunigen.
Meine Motivation ist, in einem Bereich Wirkung zu entfalten, der enorme Hebel für Produktivität, Nachhaltigkeit und Lebensqualität in unseren Städten hat.
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