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Verstand oder Gefühl? Das Chaos im Kopf.

05. Dezember 2014

Verstand oder Gefühl? Das Chaos im Kopf.
Intuition sollte als funktionierendes Team mit dem Verstand zusammen arbeiten! Foto: panthermedia.net/AndreyBezuglov
„So ein Mist“, sagt Walter, „da verläuft mein Leben gerade mal im ruhigen Fahrwasser und schon passiert etwas, das alles wieder in Frage stellt.“ Walter hat vor einiger Zeit die Stelle gewechselt und fühlt sich in der neuen Position ausgesprochen wohl, allerdings ist er noch in der Probezeit und da er die Branche gewechselt hat, muss er sich auf all das Neue konzentrieren.
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Seit zehn Jahren lebt er mit einer Frau zusammen, mit der er sich gut versteht. Sie haben ein Haus und einen Hund zusammen und von kleineren Unstimmigkeiten abgesehen hat er in der Beziehung keinen Stress. „Und ausgerechnet jetzt begegnet mir Claudia, bei der mein Herz klopft wie verrückt, mit der ich mich unglaublich gut unterhalten kann und die mich in jeder Beziehung sehr anzieht. Claudia geht es genauso, obwohl auch ihr Leben in geregelten Bahnen verläuft. Mein Verstand sagt mir ganz klar: Du darfst sie gar nicht mehr wiedersehen, um dich keiner Versuchung auszusetzen. Kaum habe ich ihr das gesagt, schießt aber mein Gefühl dagegen und ich möchte sie am liebsten sofort wiedersehen. Das Ende vom Lied ist, dass ich permanent an sie denke und mich nicht mehr konzentrieren kann. Als Vermessungsingenieur bin ich es gewohnt, mit Zahlen, Daten und Fakten zu arbeiten und Entscheidungen rational zu treffen. Jetzt fühle ich mich total überfordert mit dem Chaos in meinem Kopf.“

Der Mensch ist nicht vernunftgesteuert

So wie Walter geht es vielen Menschen, wenn auch in unterschiedlichen Bereichen: Den Job wechseln oder nicht? Ein Haus kaufen oder lieber weiter zur Miete wohnen? Wenn ein Mensch rational über etwas nachdenkt, nutzt er dafür den präfrontalen Cortex, der mit dem limbischen System, dem Sitz der Gefühle, verknüpft ist und Emotionen unter Kontrolle halten kann. Die Vorstellung, dass der Mensch ein vom Frontalhirn gesteuertes Vernunftwesen ist, hat sich längst überholt. Inzwischen haben Wissenschaftler herausgefunden, dass kein Mensch rein rational handelt. Schon Mitte des 17. Jahrhunderts schrieb der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal: „Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“ Viele Entscheidungen, die wir Menschen treffen, lassen sich nicht vernünftig erklären und verstehen, nicht einmal von dem, der die Entscheidung getroffen hat.

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Affekte und Emotionen lenken unser Handeln

Hirnforscher haben inzwischen sogar bestätigt, dass nicht die Vernunft primär unser Verhalten und Handeln prägt, sondern viel mehr Affekte und Emotionen. Lust- oder Unlustgefühle zum Beispiel steuern unser Handeln genauso wie Angst vor Verlust oder Freude auf Belohnung. Was aber, wenn wie im konkreten Fall, die Lust, etwas zu gewinnen, mit der Angst, etwas zu verlieren, im Widerstreit steht? Dann ist die Frage, ob die Amygdala (als Teil des limbischen Systems) oder das Belohnungssystem stärker feuert und uns zu dieser oder jener Entscheidung treibt. Wir tun dann so, als hätten wir Pro und Contra logisch gegeneinander abgewogen und dann die Entscheidung getroffen. Wenn wir gefragt werden, warum wir uns so und anders entschieden hätten, rationalisieren wir nach, reimen uns etwas zu Recht, weil wir zu unseren unbewussten Motiven keinen Zugang haben.

Wir wägen rational ab

Das klingt so, als hätten wir auf unsere eigenen Entscheidungen keinen allzu großen Einfluss, aber ganz so ist es doch nicht, denn oft gelingt es dem Verstand – wenigstens auf Umwegen – gegenzusteuern. Läuft uns zum Beispiel beim Geruch eines offenen Glases Nutella das Wasser im Mund zusammen und wir würden allzu gerne ein Brot mit der köstlichen Creme essen, haben uns aber gerade entschlossen, zehn Kilo abzunehmen, gelingt es vielen von uns, der Versuchung zu widerstehen. Damit haben wir aber immer noch keine rationale Entscheidung getroffen, sondern rational abgewogen. Die Aussicht, in Kürze deutlich schlanker zu sein, war damit stärker als die kurzfristige Belohnung in Form eines Nutellabrotes.

Lebenserfahrung hat Einfluss auf unsere Intuition

Hinter unseren Gefühlen, die wir in der Umsetzung dann als „Bauchentscheidungen“ bezeichnen, stecken allerdings Faustregeln und Erfahrungen, die wir in unserem Leben gemacht haben. Schauen wir auf Walters Problem, wird sein Handeln dadurch beeinflusst, dass er schon einmal in seinem Leben eine risikoreiche Entscheidung getroffen hat und anschließend unglücklicher war als vorher. Oder andersherum: Hat er die Erfahrung gemacht, dass er von seiner Angst immer schlecht beraten war und genau dann glücklich mit seiner Entscheidung war, wenn er ein Risiko eingegangen ist, dann beeinflusst auch das seine Emotionen und damit sein Handeln.

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Das Scannen im Schlaf

Schade ist nur, dass wir dieses Erfahrungswissen, über das wir alle verfügen, nicht immer gleich abrufen können. Spitzt sich die Notwendigkeit einer Entscheidungsfindung aber zu, können wir es aktivieren und das passiert oft buchstäblich im Schlaf. Wenn unsere Vernunft uns nicht mehr dazwischen funkt und wir vorübergehend „abschalten“ können, „scannen“ wir förmlich alle unseren bisherigen Erfahrungen ein und am nächsten Morgen werden wir mit einem vagen Gefühl, wie: „Ja, vielleicht sollte ich es so machen!“, wach.

Intuitiv entscheiden

Einfache Entscheidungen, wie die zwischen zwei unterschiedlichen Zahncremes, treffen wir mit dem Verstand und oft fragen wir uns nicht einmal, ob es denn nun die richtige Entscheidung gewesen ist. Bei komplexen Entscheidungen oder Entscheidungen, bei denen es um viel geht, dagegen ist die Intuition der rationalen Abwägung überlegen. Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit Ihrem PKW auf der linken Spur der Autobahn und 1000 Meter vor Ihnen gerät ein Wagen ins Schleudern, fährt gegen die Leitplanke, dreht sich und kommt Ihnen wie ein Geschoss entgegen. Würden Sie hier erst Ihren Verstand bemühen und eine komplizierte Berechnung des vermutlichen Aufprallwinkels anstellen, könnte Sie das Ihr Leben kosten. Das Herüberziehen Ihres Wagens auf die rechte Spur passiert völlig intuitiv und wahrscheinlich sind Sie anschließend nicht einmal in der Lage zu begründen, warum Sie so und nicht anders gehandelt haben.

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Gefühl und Verstand!

Was heißt das nun für Walter und all diejenigen, die komplexe, zum Teil lebensverändernde Entscheidungen zu treffen haben? Sie können sich entspannen! Sie werden eine Weile hin- und hergerissen sein, den Verstand bemühen, vielleicht sogar eine Pro-und-Contra-Liste anfertigen und nach außen hin mit „vernünftigen“ Argumenten aufwarten, aber in Ihrem Inneren wird es, ohne dass sie sich dessen bewusst sind, arbeiten. Es wird Impulse in die eine oder die andere Richtung geben, die in Zusammenhang mit dem bisherigen Erfahrungswissen gebracht werden und eines schönen Morgens wird Walter aufwachen und eine Richtung haben. Ist die erst einmal da, schaltet sich der Verstand wieder dazu und wird bei der Umsetzung behilflich sein. Insofern können wir weder mit unseren Gefühlen allein, noch mit unserem Verstand allein etwas anfangen. Wir brauchen das Zusammenspiel eines gut funktionierenden Teams. Fehlentscheidungen sind am wahrscheinlichsten, wenn wir gar keinen Zugang zu unserer Intuition, die auf unserem Erfahrungswissen beruht, haben.

 



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