Arbeitstrend 12.11.2022, 10:20 Uhr

Talente teilen? So geht es.

Top-Talente entwickeln sich schneller und wirkungsvoller, wenn sie an andere Unternehmen ausgeliehen werden, um dort zu netzwerken und neue Kulturen kennenzulernen. Was verbirgt sich hinter dem Trend? Wie funktioniert diese Form des Sharings? Wie profitieren Fachkräfte und Unternehmen davon? Was gilt es zu beachten? Lässt sich so der Fachkräftemangel etwas lindern? Expertin Marion Festing von der ESCP Business School in Berlin gibt Antworten.

Marion Festing Foto: ESCP

Marion Festing

Foto: ESCP

Ingenieur.de: Was verbirgt sich hinter dem des Trend Talent Sharings?

Marion Festing: Beim Talent Sharing werden Talente (High Performers oder High Potentials) an andere Unternehmen ausgeliehen, um sich dort schneller und wirkungsvoller zu entwickeln. In der neuen Umgebung können sie neue Beziehungen knüpfen, alternative Perspektiven und neues Wissen gewinnen, die dann für das ausleihende Unternehmen einen Mehrwert bieten. So beschreiben zum Beispiel viele ausgeliehene Kräfte, dass sie und ihre Unternehmen noch heute durch ein erweitertes Netzwerk profitieren oder die neu gewonnenen Ideen nun in den Strukturen und Routinen ihrer Teams fest etabliert sind.

Prof. Dr. Marion Festing ist seit über 20 Jahren Professorin der ESCP Business School Berlin. Sie leitet dort den Lehrstuhl für Human Resource Management und Interkulturelle Führung und forscht unter anderem zu den Themen (Gender) Diversity, Female Leadership und interkulturelles Management. Zuletzt war sie an der Evaluation des Führungspositionen-Gesetzes (FüPoG) beteiligt.

Wie funktioniert diese Form des Sharings?

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Es gibt unterschiedliche Wege, wie Talent Sharing initiiert werden kann. In der Regel werden Talente direkt von ihrer Organisation „entsandt“. Dies geschieht häufig im Zuge größer angelegter Talententwicklungsprogramme, die das Talent Sharing „einrahmen“. Der Kontakt zu Partnerunternehmen kann über speziell für Talent Sharing etablierte Plattformen oder aber über bereits bestehende Netzwerke erfolgen. Wichtig bei der Partnerwahl ist auf jeden Fall, dass die Ziele des Talent Sharing zu dem jeweiligen Partnerunternehmen passen, so dass das Talent die Eindrücke gewinnt, die für das Unternehmen auch sinnvoll einsetzbar sind.

Und wie geht es dann konkret weiter?

Nach der Anbahnung erfolgt ein Aufenthalt des Talentes in dem jeweils anderen Unternehmen für eine Dauer von einer Woche bis zu drei Monaten. In diesem Zeitraum arbeitet das Talent dann an bestimmten, genau definierten Projekten mit. Als besonders wichtig wurde in einer von uns durchgeführten Studie zum Thema eingestuft, dass neben der eigentlichen Tätigkeit auch ausreichende Zeiträume eingeplant werden für den Austausch mit Mitarbeitenden des Partnerunternehmens, um so eine vertrauensvolle Basis zu schaffen und möglichst viele Eindrücke gewinnen zu können. Zudem ist eine gute Begleitung des Talents durch den Arbeitgeber erforderlich, um durch Reflektionen und Bewertungen des Gelernten einen Mehrwert für das abgebende Unternehmen zu generieren. Es ist aber auch möglich, selbst-initiiert ein Talent Sharing zu machen, etwa im Rahmen eines Sabbaticals. Hier ist natürlich besonders viel Eigeninitiative gefordert, um sich die passenden Partnerunternehmen zu suchen.

Wie profitieren Fachkräfte und Unternehmen davon?

Das Talent Sharing bietet dem Talent und dem Unternehmen natürlich viele neue Perspektiven und hilft auch dabei, alte Routinen und Denkmuster aufzubrechen. Die Talente selbst profitieren enorm – sie nehmen das Talent Sharing als enorme Wertschätzung seitens ihres Arbeitgebers wahr, was natürlich auch die Arbeitszufriedenheit und das Commitment steigern kann. Zudem bringen Talente neue agile Arbeitsmethoden ins Unternehmen ein oder optimieren Prozesse. Teils werden sogar in der Folge von Talent Sharing neue Geschäftsmodelle entwickelt.

Ist dieses Modell besonders für technisch orientierte Berufe interessant?

Das Modell ist nicht nur für technisch orientierte Berufe interessant, aber in besonderem Maße. Der Blick nach außen über Talent Sharing hilft zu schauen, welche neuen technischen Möglichkeiten in einem Unternehmen umsetzbar sind. Die entsandten Mitarbeitenden können hier ein guter Ansatzpunkt sein, um erste Grundlagen dafür zu schaffen. Wichtig ist es dann nur, auf diesem Wissen aufzubauen und es an die Bedürfnisse des Unternehmens anzupassen.

Was gilt es als Ingenieurin oder Ingenieur zu beachten?

Es gilt insbesondere: Seien Sie offen gegenüber Neuem und versuchen Sie während des Talent Sharings mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen, um von ihrem Erfahrungsschatz und ihren Perspektiven zu lernen. Hier ist natürlich ein gutes Händchen fürs Netzwerken gefragt. Nach der Rückkehr ins Unternehmen gilt es dann Führungskräfte für die neuen Themen und Ideen zu gewinnen, um diese dann auch nachhaltig umzusetzen.

Was sind die Vor- und Nachteile des Talent Sharings?

Die Vorteile liegen ganz klar darin begründet, dass Organisationen externe Blickwinkel einnehmen und Erfahrungen gewinnen können, die sie ohne Talent Sharing so vielleicht nicht bekommen hätten. Dadurch gewinnt das Unternehmen neues Wissen und neue Ideen. Dies wiederum dient dann im besten Fall dazu, dass Unternehmen innovativer werden und sich selbst auch ein stückweit neu erfinden können.

Natürlich kann es passieren, dass Talente einen größeren Wunsch nach einem Jobwechsel verspüren, insbesondere dann, wenn sie zum Beispiel durch Talent Sharing feststellen, dass die aktuelle Position nicht so gut zu ihnen passt. Reagieren Arbeitgeber auf diese Bedürfnisse nicht, kann es natürlich passieren, dass sie dieses Talent mittel- oder langfristig verlieren.

 

Ein Beitrag von:

  • Chris Löwer

    Chris Löwer arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freier Journalist für überregionale Medien. Seine Themenschwerpunkte sind Wissenschaft, Technik und Karriere.

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