Heiko Mell

Den Mund zu voll genommen

Frage: Ich arbeite seit gut einem Jahr bei meinem ersten Arbeitgeber, der …, im Bereich … Ich überlege mir, meine jetzige Stelle zu kündigen und zu einer anderen Firma zu wechseln, die erste Bewerbung wurde schon verschickt. Der Wechsel ist sowohl mit persönlichen als auch beruflichen Gründen erklärbar. Im Bewerbungsschreiben habe ich meinem potenziellen neuen Arbeitgeber geschrieben, dass ich das Arbeitszeugnis nachreichen werde. Dies war auch in einem vorab geführten Telefonat so abgesprochen.
Nun habe ich bei meinem direkten Vorgesetzten bereits öfter dieses Thema angesprochen, jedoch bisher ohne Erfolg. Er hat meine Anfrage wohl auch eher als Beurteilungsgespräch interpretiert. Da zu dieser Zeit die allgemeine Stimmung bei meinem derzeitigen Arbeitgeber als nicht gut beschrieben werden kann und die Mitarbeitermotivation auf einem Tiefpunkt angelangt ist (auch bei mir), sehe ich es eher als Problem an, zum jetzigen Zeitpunkt ein Zwischenzeugnis anzufordern.
Wie kann ich meine Situation dem zukünftigen Arbeitgeber erklären? Wie absolviere ich erfolgreich diesen Balanceakt, ohne den jetzigen Arbeitgeber schlecht zu machen?

Antwort:

Sie haben jemandem etwas versprochen, das Sie damals weder hatten noch mit irgendwelcher Sicherheit erwarten konnten. Lernen Sie fürs Leben: Das tut man nicht! Es wird aus Ihrer Schilderung noch nicht einmal deutlich, ob der potenzielle neue Arbeitgeber überhaupt ein Zwischenzeugnis verlangt hat (kann er nicht), ob er es überhaupt haben wollte oder ob Sie in einer Art vorauseilenden Gehorsams dieses Dokument offeriert haben.Am besten machen Sie jetzt genau das, was sachlich richtig ist und keinerlei komplizierte taktische Überlegung erfordert: Sie geben zu, dass Sie sich geirrt und vorschnell etwas zugesagt haben, das Sie jetzt nicht bekommen können. Schreiben Sie etwa folgenden Brief:

„Meine Bewerbung vom … um die Position …Sehr geehrter Herr …,in meiner Bewerbung und auch schon in dem vorausgegangenen Telefonat hatte ich angeboten, ein Zwischenzeugnis meines derzeitigen Arbeitgebers nachzureichen. Ich war davon ausgegangen, dass solche Dokumente auf Anforderung problemlos ausgestellt werden. Leider habe ich mich dabei geirrt. Mein Vorgesetzter hat auf vorsichtige Andeutungen nicht reagiert, Kollegen rieten mir auf Befragen von einer förmlichen Anforderung ab – diese würde erfahrungsgemäß als Zeichen einer Kündigungsabsicht gewertet. Das jedoch möchte ich in meiner Situation, mein Arbeitsverhältnis ist ungekündigt, nicht riskieren. Ich kann also derzeit leider kein Zwischenzeugnis vorlegen und bitte um Ihr Verständnis.“

Übrigens gibt es keinen Grund, in dem Zusammenhang Ihren heutigen Arbeitgeber schlecht zu machen. Keine Zwischenzeugnisse herausrücken zu wollen, ist normal im Sinne von üblich, nicht jedoch „schlecht“. Aber spätestens im Vorstellungsgespräch brauchen Sie eine „gute Erklärung“ für den Wechselwunsch. Die „persönlichen“ Gründe sollte es besser gar nicht geben und bei den „beruflichen“ hoffe ich, dass Ihnen solche einfallen, die den neuen Arbeitgeber überzeugen, ohne den alten – oder Sie(!) – ins schiefe Licht zu rücken.

Bei der Gelegenheit: Ich rate Ihnen derzeit vom gesamten Wechsel-Vorhaben ab! Ein Jahr Dienstzeit ist viel zu kurz, das kann Ihren Lebenslauf noch für viele Jahre belasten.Vor allem aber: Sie sind noch viel zu wenig erfahren, um die Situation rund um Ihren heutigen Arbeitsplatz schon abgewogen beurteilen zu können. Sie wissen noch nicht, welches Maß an Mitarbeitermotivation normal ist, wann die zumutbare Untergrenze erreicht ist und ob man überhaupt rufen darf: „Man motiviere mich.“

Sie sind noch so jung, was sollte Ihnen, der Sie gerade die erste Einarbeitungsphase überstanden haben, denn überhaupt passieren? Verantwortung, Gestaltungsspielraum, Macht, Einfluss, die Sie verlieren könnten, haben Sie noch gar nicht. Also lehnen Sie sich zurück, beobachten Sie, lernen Sie. Vielleicht sind dies, wenn überhaupt, die ersten richtigen Schwierigkeiten Ihres Lebens. Dann gleich wegzulaufen, ist keine Lösung. Die Gefahr: Man gewöhnt sich an das Weglaufen.

Die beste Mitarbeitermotivation übrigens bekommt man nicht vom Arbeitgeber auf dem Tablett serviert – die hat man in sich. Es gibt solche Leute. Sie erzielen Top-Angebote auf dem in- und externen Markt.

Kurzantwort:

Man geht nicht nach einem Jahr Berufspraxis ohne wirklich zwingenden Grund. Und man streicht am besten das Wort „Zwischenzeugnis“ ganz aus dem Gedächtnis. Was es nicht gibt, macht auch keine Probleme.

Frage-Nr.: 1550
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-12-15

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