Promotion: Alles gewagt – und alles verloren

Nach meiner Ausbildung (gut), Fachhochschulreife (1,5) und Studium zum Dipl.-Ing. (FH; 1,3) habe ich eine Promotion begonnen. In der Kernphase war ich ca. fünf Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Uni-Institut. Die Arbeit hat mir immer Spaß gemacht. Nach Ablauf der Zeitverträge als Instituts-Mitarbeiter wollte ich die Dissertation zu Hause abtippen. Es gab dann einen Pflegefall in der Familie, bei dessen Betreuung ich ausgeholfen habe. Jedenfalls habe ich es nicht geschafft, die schriftliche Dissertation anzufertigen. Und es sieht nicht danach aus, dass ich mich noch dazu aufraffen könnte. Ich weiß auch, dass ich jetzt vorrangig eine Anstellung finden muss. Intensiv bewerbe ich mich jetzt seit ca. acht Monaten. Stellen in meinem bisherigen Berufsfeld sind rar gesät, da ich thematisch schon recht spezialisiert bin. Wie weit kann ich mich bei der Stellensuche von meinem Studienfach entfernen und inwieweit kann ich mit den vielseitigen Grundlagen punkten? Bisherige Bewerbungen waren stets erfolglos. Ich bin sehr verunsichert. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, eine einfache Facharbeitertätigkeit aus dem Bereich meiner früheren Ausbildung zu suchen. Gilt die Zeit der Promotion als Berufserfahrung? Wie sehr sinkt durch die Pause mein Marktwert? Ich bitte Sie, im Falle einer Veröffentlichung meinen genauen Werdegang zu verschleiern, da sonst Rückschlüsse auf meine Person möglich wären.

Antwort:

Na Sie haben Probleme (Ihr letzter Satz). Ich zeige Ihnen einmal, welche Schwierigkeiten Sie wirklich haben: 1. Ihr Diplom-Examen datiert von vor acht Jahren. Das war der letzte nennenswerte berufliche Erfolg. 2. Sie sind mit Ihrem Promotionsprojekt endgültig gescheitert, verursacht letztlich durch eine persönliche Schwäche (fehlende Eigenmotivation, mangelnde Antriebskräfte, fehlende Arbeitsdisziplin). Bei allen gescheiterten Ausbildungsprojekten gilt: Bei fehlendem Abschluss war nicht nur der ganze Aufwand eine vergebliche Investition, Sie haben auch viel weniger erreicht als wenn Sie das Projekt nie angefangen hätten. 3. Die fünf Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut zählen jetzt kaum noch etwas – sie standen allein im Zeichen des nun geplatzten Promotionsprojektes. Niemand übernimmt in einem solchen Institut eine Angestellten-Tätigkeit, wenn er nicht promovieren will; als Laufbahn-Stufe ohne Promotionsabsicht bringt das kaum etwas. 4. Selbst wenn man Nr. 3 anders sehen will, gilt: Diese Institutsbeschäftigung endete vor genau zwei Jahren, seitdem sind Sie schlicht arbeitslos. Arbeitslosigkeiten ab drei Monaten werden langsam bedenklich, ab sechs Monaten werden sie sehr bedenklich, ab zwölf Monaten beginnt perspektivarme Langzeitarbeitslosigkeit, ab zwei Jahren … 5. Sie machen sich Gedanken über Ihren Marktwert, über Diskretionsrisiken und Sie schreiben – markig, markig – unten auf das Deckblatt Ihrer Bewerbung „Zuverlässigkeit – Neugier – Präzision“. Ich sehe mich außerstande, das in wohlgesetzten Worten zu kommentieren, also lasse ich das lieber. 6. Sie bewerben sich um Stellen, die Berufserfahrungen voraussetzen, lassen den Empfänger mit der Lebenslauf-Angabe „02/2013 – heute: Weitere Bearbeitung der Doktorarbeit“ allein, im Anschreiben nehmen Sie gar nicht dazu Stellung. Das führt zu den klaren Absagen, die Sie erlebt haben. 7. Wir sind eine Erfolgsgesellschaft. Erfolge zählen, keine guten Ausreden für Misserfolge. Sie haben vor acht Jahren (der zweite Weltkrieg hat nur sechs gedauert) eine Entscheidung getroffen, die Sie im Erfolgsfall in eine neue Qualifikationsdimension hätte katapultieren sollen. Das war eine große Chance. Stattdessen hat das stets damit verbundene adäquate Risiko zugeschlagen – nun fehlt nicht nur der Erfolg, Sie sind auch deutlich schlechter dran als Sie es mit einem damaligen klassischen Berufseinstieg acht Jahre später (also heute) wären. Es addieren sich: – das Scheitern eines wichtigen beruflichen Projektes, – die verlorenen Jahre mit der nun versäumten mehrjährigen Industrie-Berufspraxis, – die aus Ihren Unterlagen unübersehbar hervorstechende Aussage: „Klar, eigentlich wollte ich Dr.-Ing. werden. Das hat nicht geklappt. Also nehme ich jetzt zähneknirschend wieder die von mir ja eigentlich als zweitklassig empfundene Arbeit als Dipl.-Ing. (FH) auf – gern tue ich das nicht.“ 8. Ich weiß, dass ich hier hart formuliere. Aber die bisherigen Absagen auf Ihre Bewerbungen zeigen, dass die Praxis genauso hart denkt. Und Sie haben bisher zu wenig Bereitschaft gezeigt, sich den Realitäten zu stellen. 9. Was Sie nun tun können und sollten: – geben Sie das Promotionsprojekt endgültig auf, stehen Sie zu diesem Status („abgebrochen ohne Abschluss“) sowohl im Lebenslauf als auch im Anschreiben ganz offen; – verzichten Sie auf kernige Aussprüche und komplexe „Kompetenzprofile“ in der Bewerbung, dort liegt nicht Ihr Problem; – Sie sind ein vor vielen Jahren qualifiziert ausgebildeter Dipl.-Ing., der jetzt – nicht ohne eigene Schuld – seit zwei Jahren arbeitslos ist, der hoch hinaus wollte und tief gefallen ist; akzeptieren Sie das; – Sie müssen, eher morgen als übermorgen, raus aus der Arbeitslosigkeit und hinein in eine Anstellung. Z. B. auch in eine beim Arbeitnehmerüberlasser oder befristet oder als Mutterschaftsvertreter. Und dann müssen Sie versuchen, durch Leistung allmählich immer bessere Job zu erreichen. Der Anfang aber wird hart sein. In drei bis fünf Jahren können Sie einige der beruflichen relevanten „Verluste“ wieder hereingeholt haben. Aber noch in zehn Jahren steht das „gescheiterte Experiment, das zu einer langen Arbeitslosigkeit geführt hatte“ in Ihrem Lebenslauf. Es sollte dann besser zu keinen weiteren Katastrophen kommen, – ich halte eine Lösung nicht für leicht, aber für möglich. Viel Glück. PS: Damit keine Missverständnisse aufkommen: Bewerbungsempfänger, die Ihnen bisher Absagen erteilten, hatten kein Problem mit Ihrer Fachqualifikation. Sie vermissten jedoch unabdingbare persönliche Eigenschaften und Fähigkeiten wie konsequentes Handeln, entschlossenes Zupacken, unbedingtes Engagement, einen Blick für das Wesentliche, ausgeprägten Erfolgswillen etc. Auch das gehört zu einem guten Ingenieur. Und nur gute werden gesucht.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2781
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-10-22

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