Heiko Mell

Promotion mit FH-Abschluss

Die Bedingungen für die Promotion von FH-Absolventen sind in den Promotionsordnungen der Universitäten festgeschrieben. Diese sind durchaus unterschiedlich und unterliegen gerade durch den Bologna-Prozess einem Wandel. Insofern verwundert mich die Eingangsfrage des Einsenders von Frage 2.563. Wer selbstständig wissenschaftlich arbeiten möchte, sollte dieses Minimum an Rechercheleistung erbringen, ohne einen Personalberater konsultieren zu müssen.

Ich bin selbst FH-Absolvent, meine Promotion liegt derzeit in den letzten Zügen. In meinem Fall war ein sehr guter Abschluss notwendig (besser als Note 1,5), verbunden mit dem Bestehen sogenannter Ausgleichsprüfungen, die mir von meinem Doktorvater auferlegt wurden.

Nichtsdestotrotz ist es für einen FH-Absolventen sehr schwierig, an einer Uni eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu bekommen. Leichter ist es in der Regel an einem Fraunhofer-Institut mit seiner größeren Industrienähe. Letztendlich hängt es vom Institutsleiter ab.Grundsätzlich muss man als FH-Absolvent damit leben können, weniger Gehalt als ein Uni-Absolvent für die gleiche Arbeit zu bekommen. Der maßgebliche Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder (TVL) unterscheidet in der Gehaltseinstufung nach Art der Abschlüsse. Aber auch dies kann man mittels Anmeldung der Promotion und Immatrikulation an einer Uni als Promotionsstudent ausgleichen.Man muss jedoch damit leben können, im Arbeitsalltag anders behandelt zu werden. Man weicht eben von der Norm ab und muss beweisen, dass man „es wert ist“. Daher sollte man über ein stabiles Selbstbewusstsein verfügen sowie bereit und in der Lage sein, besondere Leistungen zu zeigen.

Darüber hinaus sollte man Probleme „sehen“, also selbst erkennen können und sie eigenständig angehen. Im besten Fall bekommt man an seinem ersten Arbeitstag den Antrag eines bewilligten Forschungsprojektes auf den Tisch mit der Anmerkung: „Dies ist deine Arbeit für die nächsten drei Jahre. Mach was draus!“ Im schlechtesten Fall bekommt man die vage Beschreibung eines Themengebietes, das zu bearbeiten ist. Die Beantragung eines entsprechenden Projektes ist dann der erste Schritt – und in der Regel mit Frust und Ernüchterung verbunden. Da man zu Anfang wenig Ahnung von dem Thema hat und erst recht keine Gelder für Versuche oder externe Messungen, kann dies bereits ein bis zwei Jahre in Anspruch nehmen, Rückschläge in Form von Ablehnungen nicht ausgeschlossen.

Nicht jeder kann damit umgehen, und ich glaube, FH-Absolventen sind aufgrund der eher verschulten Ausbildung nüchtern betrachtet darauf schlechter vorbereitet. Der größte Teil hängt jedoch an der Persönlichkeit: Man muss es wollen und sich durcharbeiten, auf die Unterstützung des Professors sollte man sich nicht verlassen.

Wer für sich herausfinden möchte, ob die Promotion und das wissenschaftliche Arbeiten eine Perspektive ist, sollte versuchen, schon während des FH-Studiums als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni bzw. am Institut zu arbeiten. Denn in dem Bereich ist man als FH-Student meist gern gesehen. Wer vor seinem Studium sogar noch eine Ausbildung gemacht hat, wird mit Kusshand genommen. Dadurch kann man dann auch die Verbindungen knüpfen, die man später für die Betreuungszusage eines Professors braucht. Im besten Fall bekommt man vom Oberingenieur/Abteilungsleiter eine Empfehlung und kann dem Professor gegenüber zumindest nachweisen, dass man im Wissenschaftsbetrieb mitgearbeitet hat und weiß, worauf man sich einlässt.

Antwort:

Danke für diesen Bericht aus der Praxis. Besonders interessant ist ein Satz von Ihnen, den ich als Kernaussage einstufe – und der für die spätere Industriekarriere uneingeschränkt ebenso Gültigkeit hat:

„Der größte Teil hängt jedoch an der Persönlichkeit.“

Immer wieder muss warnend darauf hingewiesen werden, dass fachliche Aspekte nur einen Teil jener Gesamtqualifikation darstellen, die wir brauchen, um ein Berufsleben erfolgreich durchzustehen. An diese Stelle gehört auch der Hinweis, dass Persönlichkeitsentwicklung an unseren Hochschulen nicht zielgerichtet betrieben wird. Jedenfalls nicht als eigenes Fach während des Studiums.

Wer aber als Student aufmerksam und interessiert um sich schaut, sieht zahlreiche Möglichkeiten, vorhandene persönliche Anlagen auszubauen – auch ein Sportler muss nicht nur die körperlichen Grundvoraussetzungen mitbringen, er muss zusätzlich siegen wollen und trainieren, sonst nützt die beste Veranlagung nichts.

Manches ist einfach eine Sache des Wollens: Das fängt bei Kleinigkeiten an. Niemand muss faul und desinteressiert sein, niemand muss auch den Besuchsrekord des örtlichen Biergartens brechen. Jeder kann in der studentischen Selbstverwaltung, in der Jugendorganisation einer Partei oder seiner Kirche mitarbeiten oder in einen Debattierklub eintreten. Das Arbeiten neben dem Studium im industriellen Produktionsprozess, Praktika und Auslandssemester sind ebenfalls probate Mittel, um einzelne Aspekte der Persönlichkeit zu fördern.

Wie aber das Beispiel unseres Einsenders zeigt, ist neben allem anderen ein Aspekt unverzichtbar, den Sie selbst in der Hand haben: Sie müssen ein Ziel haben und relativ konsequent darauf hinarbeiten. Nicht für alles haben Sie überdurchschnittliches Talent, nicht in jedem Bereich sind Ihre Anlagen für Spitzenleistungen oder auch nur Durchschnittliches ausreichend. Aber auch dafür bekommen Sie in den erwähnten persönlichkeitsfördernden Nebenaktivitäten hinreichend Anhaltspunkte. Und dann können Sie sich später von Zielen und Aufgaben fernhalten, die entsprechende Anforderungen stellen. Das ist ebenso wichtig wie das berufliche Arbeiten im Bereich „positiver Talente“.

Kurzantwort:

Ein im Sinne des Arbeitsmarktes guter Ingenieur ist deutlich mehr als die Summe seiner fachlichen Fähigkeiten. Und je anspruchsvoller seine Karriereziele werden, desto größer wird der Anteil der Persönlichkeit an der geforderten Gesamtqualifikation.

Frage-Nr.: 2602
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-01-18

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