Heiko Mell 01.01.2016, 13:31 Uhr

Diplomant, Doktorant, Deodorant

Ich habe mein Studium der Verfahrenstechnik beendet. Ich möchte mich ständig weiterbilden, wissenschaftliches Arbeiten liegt mir. Daher überlege ich mir, eine Stelle als Doktorant an einer Universität anzunehmen. Eine reine Universitätslaufbahn strebe ich aber nicht an. Nach meiner Dissertation möchte ich in der Industrie arbeiten. Mittelfristig strebe ich eine Position als F + E-Projektleiter an.

Wie steht die Industrie Doktoranten gegenüber? Ist ein Doktortitel meistens Voraussetzung zum Aufstieg in leitende Positionen? Oder wird eine Doktorarbeit eher als „Kindheitsverlängerung“ gesehen?

Antwort:

Na Sie haben Nerven! Stellen Sie sich einmal vor, ich würde Ihre letzte Frage bejahen: Ich hätte spontan alle promovierten Entscheidungsträger zum Feind.Fangen wir mit Ihrer ersten Frage an: Ganz, ganz abweisend steht die Industrie Doktoranten gegenüber! Weil sie solche Leute gar nicht kennt, weil es solche Leute gar nicht gibt. Weil ein solcher Mensch nämlich „Doktorand“ ist. Und weil der – sehr anspruchsvolle, wie ich zugebe – Grundsatz lautet: Was jemand werden will oder schon ist, sollte er zumindest richtig schreiben können. So als Akademiker. Es heißt übrigens auch „Diplomand“ – mein provozierendes „Deodorant“ jedoch war und ist korrekt.

Zur Sache: Der Doktorgrad ist generell keine Voraussetzung für den Aufstieg in der Industrie. Dass so viele Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder ihn haben, hat andere Gründe: Diese Menschen verdanken ihren Aufstieg nicht vorrangig dem „Dr.“ – ihre Energie und ihr Potenzial haben sie auf der Uni dazu gebracht, die höchste Stufe „mitzunehmen“. Und nun streben sie auch in der Industrie wieder an die „Spitze“. Das aber gilt nie für alle, nur für viele.

Die wissenschaftliche Vertiefung während der Arbeit an der Dissertation kann, wenn das Thema passt, die optimale „Brücke“ beim Einstieg in die Praxis sein. Im Normalfall „rechnet“ sich der Aufwand zur Erlangung eines Doktorgrades jedoch letztlich nicht – die dafür erforderlichen fünf Jahre fehlen später bei der Industriepraxis.

Für F + E-Funktionen ist jedoch die Promotion insbesondere in großen Unternehmen eine gute Empfehlung, für eine weitere Karriere dort sogar sehr empfehlenswert.Pauschal gilt: Stellen Sie sich vor den Spiegel und fragen Sie sich, ob Sie gern „Dr.“ wären. Und im positiven Fall tun Sie es.

Und dann gilt noch: Bei Chemikern z. B. ist der Druck zur Promotion sehr stark bis unausweichlich. Wer also viel mit Chemikern zu tun hat, trifft auf lauter Doktoren. Auch das kann ein Argument sein.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1747
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-04-10

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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