Heiko Mell 09.03.2018, 11:02 Uhr

Soll ich duzen, wenn in der Stellenanzeige geduzt wird?

Frage: In letzter Zeit fällt mir auf, dass manche inserierende Unternehmen die potenziellen Bewerber bereits in der Stellenanzeige duzen. Zur Illustration hänge ich zwei Inserate an, in denen der Leser jeweils vierzehn- bis fünfzehnmal geduzt wird. Auf mich wirkt das ziemlich befremdlich. Bin ich da einfach nur altmodisch? 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Und vor allem: Wird erwartet, dass der Bewerber in seinem Anschreiben den Empfänger ebenfalls duzt bzw. bei einer telefonischen Kontaktaufnahme den genannten Ansprechpartner mit „Du“ anspricht? Antwort: Wir hier in Deutschland sind über Jahrhunderte recht gut mit Umgangsformen zurechtgekommen, in denen die Duzerei fremder Erwachsener ohne Absprache nicht vorgesehen war. Ich erinnere mich noch gut daran, wie stolz viele Schüler waren, wenn ihre Lehrer sie ab einer bestimmten Altersgruppe mit „Sie“ anzusprechen hatten. Das Grundprinzip, nach dem fremde Erwachsene zu „siezen“ sind, gilt zunächst einmal weiterhin! Es handelt sich dabei um das Standard-Einstiegsritual, das besser peinlich genau beachtet werden sollte, wenn man Erfolg haben will. Ich würde weder einen Bauantrag auf dem Bauamt abgeben, noch mit einem Polizisten bei der Fahrzeugkontrolle diskutieren oder die Personalabteilung von VW oder Siemens anrufen und die entsprechenden Partner einfach duzen. Das wird ganz sicher noch viele Jahre lang so sein. Nun kommt von der englischen Sprache her ein gewisser Druck zum Duzen, ganz besonders junge Leute gehen heute auch bei uns schneller und problemloser zum gegenseitigen Du über als früher. Das gilt auch in den Büros für die Angestellten untereinander. Irgendeinen erkennbaren Vorteil hat die Duzerei nicht. Selbst ein Chef, der seinen Leuten erlaubt, ihn zu duzen, geht deswegen nicht großzügiger mit Gehaltserhöhungen oder zurückhaltender mit Entlassungen um. Im Gegenteil: Der „großzügige“ Umgang mit dem Spruch „du bist gefeuert“ kommt aus einem Land, in dem man sich auf nahezu jeder Ebene gegenseitig duzt (wenn man wohl auch „Mr. President“ sagt und nicht „Hi, Donald“). Bleibt die Frage, warum inserierende Firmen ihre potenziellen Bewerber duzen. Ich sehe diese Möglichkeiten: Es wirkt „jung“, damit modern und fällt – heute noch – auf. Das ist bei jeder Werbung schon „die halbe Miete“. Vielleicht will man gezielt junge Bewerber ansprechen und ältere abschrecken. Man darf aber nicht mehr gezielt junge Kandidaten suchen, weil das ältere diskriminiert. Also macht man es auf diesem (Um-)Weg. Vielleicht gehört das suchende Unternehmen tatsächlich zu jenen, die intern die verbindliche Duzerei eingeführt haben, dies hiermit signalisieren und nur noch Bewerber ansprechen, die dazu passen und das akzeptieren. Wie soll nun ein potenzieller Bewerber sein Anschreiben bzw. sein Telefonat gestalten, wenn die Anzeige ihn duzt: Lesen Sie auch: Konferenztools Microsoft Teams kostenlos nutzen: Tipps und Tricks Alles zu Anspruch und Höhe Abfindung: So bekommen Sie mehr – Tipps und Beispiele  Wer das gerne macht, darf den künftigen Arbeitgeber bei jedem Kontakt ebenso problemlos duzen. Es wäre ausgesprochen bösartig vom suchenden Unternehmen, erst die Anzeigenleser zu duzen und dann beleidigt zu reagieren, wenn jemand zurückduzt. So dämlich kann niemand sein. Wer vorsichtig ist und eigentlich nicht gern gleich alle duzt, kann konventionell mit „Sie“ operieren und beispielsweise unter das Anschreiben setzen: „Ihre direkte Ansprache mit dem ‚Du‘ gefällt mir gut und spricht mich an. Ich wollte jedoch bewusst damit warten, bis ich bei Ihnen dazu gehöre oder zumindest eingeladen werde.“ Beim Vorab-Anruf würde ich den Gesprächspartner offen fragen, ob er gern mit der vertrauten Anrede angesprochen werden möchte. Eine zusätzliche Empfehlung ist mir wichtig: Der Bewerber braucht nicht nur einen Job, er braucht einen solchen, in dem er zufrieden werden könnte. Und so wie die Bewerbung eines Kandidaten auch viel über die Persönlichkeit des Menschen preisgibt – und damit dem suchenden Unternehmen die Auswahl erleichtert –, so lässt auch manche Stellenanzeige viel von dem Denk- und Arbeitsstil des potenziellen Arbeitgebers erkennen. Auch der Bewerber ist aufgerufen, das in seine Entscheidungsfindung mit einzubeziehen. Er sollte froh sein, in einem so frühen Stadium so solide Hinweise auf ungewöhnliche Denkweisen in diesem Unternehmen zu erhalten. Nicht jeder Leser einer Stellenanzeige passt zu jedem Arbeitgeber – was besonders viele ehemalige Mitarbeiter engagiert bestätigen werden. Frage-Nr.: 2.930 Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10 Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-03-09

Frage:

In letzter Zeit fällt mir auf, dass manche inserierende Unternehmen die potenziellen Bewerber bereits in der Stellenanzeige duzen. Zur Illustration hänge ich zwei Inserate an, in denen der Leser jeweils vierzehn- bis fünfzehnmal geduzt wird. Auf mich wirkt das ziemlich befremdlich. Bin ich da einfach nur altmodisch?

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Wie beurteilen Sie diese „moderne“ Form der Ausschreibung? Und vor allem: Wird erwartet, dass der Bewerber in seinem Anschreiben den Empfänger ebenfalls duzt bzw. bei einer telefonischen Kontaktaufnahme den genannten Ansprechpartner mit „Du“ anspricht?

Antwort:

Wir hier in Deutschland sind über Jahrhunderte recht gut mit Umgangsformen zurechtgekommen, in denen die Duzerei fremder Erwachsener ohne Absprache nicht vorgesehen war. Ich erinnere mich noch gut daran, wie stolz viele Schüler waren, wenn ihre Lehrer sie ab einer bestimmten Altersgruppe mit „Sie“ anzusprechen hatten.

Das Grundprinzip, nach dem fremde Erwachsene zu „siezen“ sind, gilt zunächst einmal weiterhin! Es handelt sich dabei um das Standard-Einstiegsritual, das besser peinlich genau beachtet werden sollte, wenn man Erfolg haben will.

Ich würde weder einen Bauantrag auf dem Bauamt abgeben, noch mit einem Polizisten bei der Fahrzeugkontrolle diskutieren oder die Personalabteilung von VW oder Siemens anrufen und die entsprechenden Partner einfach duzen. Das wird ganz sicher noch viele Jahre lang so sein.

Nun kommt von der englischen Sprache her ein gewisser Druck zum Duzen, ganz besonders junge Leute gehen heute auch bei uns schneller und problemloser zum gegenseitigen Du über als früher. Das gilt auch in den Büros für die Angestellten untereinander.

Irgendeinen erkennbaren Vorteil hat die Duzerei nicht. Selbst ein Chef, der seinen Leuten erlaubt, ihn zu duzen, geht deswegen nicht großzügiger mit Gehaltserhöhungen oder zurückhaltender mit Entlassungen um. Im Gegenteil: Der „großzügige“ Umgang mit dem Spruch „du bist gefeuert“ kommt aus einem Land, in dem man sich auf nahezu jeder Ebene gegenseitig duzt (wenn man wohl auch „Mr. President“ sagt und nicht „Hi, Donald“).

Bleibt die Frage, warum inserierende Firmen ihre potenziellen Bewerber duzen. Ich sehe diese Möglichkeiten:

  1. Es wirkt „jung“, damit modern und fällt – heute noch – auf. Das ist bei jeder Werbung schon „die halbe Miete“.
  2. Vielleicht will man gezielt junge Bewerber ansprechen und ältere abschrecken. Man darf aber nicht mehr gezielt junge Kandidaten suchen, weil das ältere diskriminiert. Also macht man es auf diesem (Um-)Weg.
  3. Vielleicht gehört das suchende Unternehmen tatsächlich zu jenen, die intern die verbindliche Duzerei eingeführt haben, dies hiermit signalisieren und nur noch Bewerber ansprechen, die dazu passen und das akzeptieren.

Wie soll nun ein potenzieller Bewerber sein Anschreiben bzw. sein Telefonat gestalten, wenn die Anzeige ihn duzt:

  1.  Wer das gerne macht, darf den künftigen Arbeitgeber bei jedem Kontakt ebenso problemlos duzen. Es wäre ausgesprochen bösartig vom suchenden Unternehmen, erst die Anzeigenleser zu duzen und dann beleidigt zu reagieren, wenn jemand zurückduzt. So dämlich kann niemand sein.
  2. Wer vorsichtig ist und eigentlich nicht gern gleich alle duzt, kann konventionell mit „Sie“ operieren und beispielsweise unter das Anschreiben setzen: „Ihre direkte Ansprache mit dem ‚Du‘ gefällt mir gut und spricht mich an. Ich wollte jedoch bewusst damit warten, bis ich bei Ihnen dazu gehöre oder zumindest eingeladen werde.“
  3. Beim Vorab-Anruf würde ich den Gesprächspartner offen fragen, ob er gern mit der vertrauten Anrede angesprochen werden möchte.

Eine zusätzliche Empfehlung ist mir wichtig: Der Bewerber braucht nicht nur einen Job, er braucht einen solchen, in dem er zufrieden werden könnte. Und so wie die Bewerbung eines Kandidaten auch viel über die Persönlichkeit des Menschen preisgibt – und damit dem suchenden Unternehmen die Auswahl erleichtert –, so lässt auch manche Stellenanzeige viel von dem Denk- und Arbeitsstil des potenziellen Arbeitgebers erkennen. Auch der Bewerber ist aufgerufen, das in seine Entscheidungsfindung mit einzubeziehen. Er sollte froh sein, in einem so frühen Stadium so solide Hinweise auf ungewöhnliche Denkweisen in diesem Unternehmen zu erhalten. Nicht jeder Leser einer Stellenanzeige passt zu jedem Arbeitgeber – was besonders viele ehemalige Mitarbeiter engagiert bestätigen werden.

Frage-Nr.: 2.930
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-03-09

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  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten. Auf Wikipedia erfahren Sie mehr zu Heiko Mell

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