Und wo bleiben die Ausländer?

Ich bin Doktorand an der TU in …, komme aus der Ukraine und lese Ihre Veröffentlichungen mit großem Interesse. Jedoch bleibt dabei eine ganze Gruppe der Beschäftigten in Deutschland – Fachkräfte ausländischer Herkunft – unterrepräsentiert. Da ich auch dieser Gruppe angehöre, möchte ich Ihnen zwei Fragen stellen: 1. Wie können sich promovierte Menschen ausländischer Herkunft für die Arbeit in der deutschen Wirtschaft optimal bewerben? 2. Wie kann ich mich als Ausländer auf dem deutschen Arbeitsmarkt optimal bewerben?

Antwort:

Ihre beiden Fragen ziehe ich zu einer zusammen, dann wird es einfacher. Und mit der Promotion hat das grundsätzlich nichts zu tun, meine Aussagen gelten auch für den Bachelor (FH), beispielsweise.Ich muss zunächst einige Prinzipien verdeutlichen, die hier eine Rolle spielen:Im Arbeitsalltag und damit im täglichen Sprachgebrauch benutzt man Kurzbegriffe für bestimmte Anforderungen, hinter denen mehr steckt als ein unbefangener Betrachter vermutet. Konkret: Über die enge Bedeutung des Begriffs hinaus verbindet man damit eine Reihe von Eigenschaften und Fähigkeiten, die als so selbstverständlich vorausgesetzt werden, dass man sie gar nicht mehr erwähnt. Das kann dann leicht zu Missverständnissen bei Menschen führen, die nur den benutzten Begriff lesen, jene damit verbunden geglaubten Anforderungen bei sich als erfüllt ansehen, aber jene diversen „automatisch“ damit geforderten, aber eben aus Vereinfachungsgründen nicht mehr ständig genannten Zusatzkriterien entweder nicht kennen oder nicht erfüllen – und die später von negativen Reaktionen enttäuscht werden.Es wird Zeit für ein Beispiel:Nehmen wir an, es wird in einer Stellenanzeige ein Dipl.-Ing. (oder Master) mit Uni-Abschluss im Maschinenbau gesucht. Dann könnte ein unbefangener ukrainischer (ein reines Beispiel) Absolvent eines dortigen Studiums dieser Fachrichtung nach sorgfältiger Prüfung aller Textbausteine dieser Anzeige zu dem Ergebnis kommen, er erfülle alle genannten(!) Anforderungen. Wenn er dann noch über ein „Papier“ verfügt, das ihm die Anerkennung seines speziellen Abschlusses durch deutsche Behörden bescheinigt, könnte er sich doppelt bestätigt fühlen.In Wirklichkeit jedoch erwartet das mit dieser Anzeige einen Ingenieur suchende Unternehmen in der Regel folgende Kriterien, die es für so selbstverständlich hält, dass es darüber zunächst gar nicht mehr nachdenkt:

  • eine absolute Vertrautheit mit dem hiesigen Kulturkreis, am besten durch Geburt und Aufwachsen sowie Schulbildung und Studium hier im Lande begründet;
  • fließende Deutschkenntnisse, am besten durch eine entsprechende Muttersprache ausgewiesen;
  • einen Studienabschluss an einer deutschen Hochschule, damit sichergestellt ist, dass die fachlichen Anforderungen als erfüllt angesehen werden können;
  • nach Möglichkeit eine nachgewiesene Vertrautheit mit den Gegebenheiten des deutschen Arbeitslebens, ersatzweise überzeugende Indizien für ein möglichst wahrscheinliches Hineinfinden in dieses spezielle Arbeitsumfeld (diese Indizien gelten bei Geburt und Aufwachsen sowie Schule und Studium hier im Lande als grundsätzlich gegeben);
  • problemlose Einstellungsmöglichkeiten ohne erforderliche Behördenbescheinigungen wie Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis.

Zur Klarstellung: Diese stillschweigend erwarteten Voraussetzungen werden ohne jede Diskriminierungsabsicht oder sonstige Bosheiten „automatisch“ in den Auswahlprozess hineingebracht. Wobei ich unterstelle, dass französische Arbeitgeber in Frankreich zunächst einmal ähnlich denken, beispielsweise. Bleiben wir aber bei den deutschen.Und zur Sicherheit hier noch einmal ein in unserer Wirtschafts- und Rechtsordnung – sowie insbesondere im täglichen Denken und Handeln – verankerter Grundsatz: Die einzelnen Unternehmen, insbesondere die mittelständischen, fühlen sich – von Ausnahmen abgesehen – sowohl verpflichtet als auch berechtigt, jeweils so zu handeln, wie es nach ihrer Auffassung ihrem ureigenen Interesse am besten nutzt. Etwaige Appelle wie „Aber irgendjemand muss doch die Ausländer beschäftigen“ prallen an ihnen ab, sie denken betriebswirtschaftlich, weniger volkswirtschaftlich oder etwa im Rahmen volkswirtschaftlich-gesellschaftspolitischer Gesamtverantwortung. Wie gesagt, es gibt Ausnahmen, aber die bleiben Einzelfälle.Was aber die Unternehmen sofort umstimmt oder zur Toleranz bewegt, sind gefährdete Eigeninteressen, überzeugende Fakten, Sachargumente:

  • Wenn sich der gewünschte/erwartete Standardbewerber nicht findet und der wichtige Arbeitsplatz unbesetzt zu bleiben droht, denkt man sofort über Alternativen zum „automatisch“ unterstellten Ideal nach.
  • Wenn ein scheinbarer Nachteil des Bewerbers im speziellen Fall sogar von Vorteil sein könnte, steht der plötzlich ganz oben auf der Liste. Das ist z. B. gegeben, wenn ein „Verbindungsingenieur zu unserem Werk in der Ukraine“ gesucht wird oder ein „Vertriebsingenieur für osteuropäische Märkte“.
  • Selbstverständlich sind nicht in jedem Besetzungsfall alle oben genannten „automatisch“ gegebenen Anforderungskriterien von gleicher Bedeutung. Einzelne davon können mitunter sogar ziemlich unerheblich sein. Wenn dann beim ausländischen Bewerber noch ein wichtiges Qualifikationsdetail besonders positiv ausgeprägt ist (z. B. die Programmiersprache), schafft er es durchaus an die Spitze der Bewerberliste.

Soweit zum Prinzip. Nun zu Ihrer konkreten Frage, was Menschen wie Sie tun können:Pauschal gilt: Nähern Sie sich dem umrissenen Ideal soweit wie möglich an. Sprechen Sie so viel Deutsch wie möglich, auch mit dem vielleicht vorhandenen Partner zu Hause. Wenn es irgendwie geht, erwerben Sie einen (zusätzlichen) deutschen Studienabschluss oder promovieren Sie hier. Und ganz wichtig: Zeigen Sie, dass Sie sich erfolgreich mit dem deutschen Arbeitsleben vertraut gemacht haben, z. B. durch Praktika, Werkstudententätigkeiten, Einsätze über Zeitarbeitsunternehmen (ggf. auch unterhalb Ihrer akademischen Qualifikation).Und vergessen Sie nicht das hier geltende Einstellprinzip: Das suchende Unternehmen fühlt sich nicht aufgerufen, Gerechtigkeit zu üben oder soziale Ansprüche zu befriedigen. Es wählt schlicht aus einer Gruppe von Bewerbern denjenigen aus, den es im Hinblick auf die zu besetzende Stelle für den bestgeeigneten hält. Diesem Prinzip fallen jedes Mal auch sehr viele deutsche Bewerber zum Opfer. Bei 100 Bewerbungen (keine utopische Zahl) um eine Position ergeben sich am Schluss 99 Absagen, davon vielleicht wiederum 95% an Nicht-Ausländer.

Kurzantwort:

Service für Querleser:

1. Ein auf dem deutschen Arbeitsmarkt suchendes Unternehmen erwartet vom als ideal angesehenen Bewerber „automatisch“ eine Reihe von nicht formulierten Qualifikationskriterien. Ein ausländischer Bewerber steigert seine Chancen, wenn er diesem Ideal so nahe wie möglich kommt.

2. Gibt es auf eine Anzeige 100 deutsche Bewerber, so erhalten auch von denen mindestens 99 eine Absage, man sei also mit dem Vorwurf „nur weil ich Ausländer bin“ lieber vorsichtig.
Frage-Nr.: 2856
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-01-12

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