Fast schon Master, aber niemand will mich

Ich studiere im Augenblick Wirtschaftsingenieur Maschinenbau an der TU … und werde in Kürze mit der Master Thesis abschließen.Seit zwei Monaten bewerbe ich mich auf Stellenangebote, deren Anforderungsprofil ich erfülle. Ich habe mich auf ca. 35 Stellen (deutschlandweit) bei Firmen im Maschinenbau, Automobilbau und in verwandten Branchen beworben. Bisher habe ich 0 Einladungen und 15 Absagen bekommen. Auf die restlichen Bewerbungen gab es bis jetzt noch keine Reaktion.Das wundert mich, da ich meine Daten für gut halte.Ich werde das Studium in Regelstudienzeit + ein Semester für die Master Thesis abschließen. Mein Notendurchschnitt liegt bei 1,5, meine Praktikumszeugnisse sind sehr gut. Softskills konnte ich im Zivildienst (Behindertentransporte) und in mehreren Tutorenstellen beweisen.Mein einziges Manko ist die fehlende Auslandserfahrung (außer einem einmonatigen UK-Praktikum während der Schulzeit). Da meine TU die credit points ausländischer Universitäten ungern anerkennt, hätte mich ein Auslandssemester ein Jahr gekostet und für das Studium keinen Vorteil gebracht. Stattdessen habe ich ein Praktikum in der Auslandsabteilung eines größeren Industrieunternehmens gemacht. Dort hatte ich weltweite Kontakte in der Arbeitssprache Englisch.Warum bekomme ich nur Absagen? Ist die wirtschaftliche Lage in meiner Branche schlecht, gibt es gerade einen Überhang an Absolventen oder mache ich einen Fehler?

Antwort:

Mehr war erst einmal nicht. Keine Anlagen, keine Bewerbung. Schön, ich kann versuchen, „auf Genie“ zu machen und auf der Basis dieser paar Zeilen eine Begründung zu liefern, aber mir war gerade nicht danach. Also bat ich per Mail um „eine solche Bewerbung (vorzugsweise inkl. der Anzeige)“.Es kamen eine Anzeige und ein Anschreiben. Meine geduldige Sekretärin hat den Lebenslauf nachgefordert, inzwischen habe ich ihn.Diese Vorgeschichte hat zwar nichts mit der konkret gestellten Frage zu tun. Aber: Einige der hier mitlesenden Personalwesen-Fachleute werden jetzt grinsen und murmeln: „Gute Arbeit von unseren Kollegen, die bisher seine Bewerbungen abgelehnt haben. Genau solche Leute wollen wir in der Praxis nicht.“Dann vorab noch ein Hinweis von mir zu Ihrem letzten hier abgedruckten Satz: Eine „Branche“ ist ein Zweig der Volkswirtschaft. Beispiele: Stahlindustrie, Werkzeugmaschinenindustrie, Automobilindustrie. Ein Student hat noch keine („meine Branche“). Entweder haben Sie das schlicht mit der Fachrichtung Ihres Studiums verwechselt oder Sie haben eine von jenen Branchen gemeint, an die Sie Bewerbungen gerichtet hatten. So oder so ist auf diesen Teil Ihrer Frage keine Antwort möglich.Nun zum „Eingemachten“: Beginnen wir mit der Anzeige des eingesandten Beispielfalles.Ein namhafter deutscher Konzern sucht für einen Teilbereich einer Tochter „Trainees für den Bereich Entwicklung …-Systeme“. Es wird das typische einjährige Traineeprogramm offeriert.Gefordert werden ein „technisches Studium, vorzugsweise Maschinenbau“, sehr gutes Englisch und noch einige „weiche“ Qualifikationsdetails.Meine Wertung:1. Traineeprogramme richten sich stets an die Elite des angesprochenen Kreises möglicher Bewerber. Meist werden die künftigen Führungskräfte so gesucht – und die Ausbildung ist teuer, das Unternehmen investiert erst einmal in die jungen Leute, bevor die anfangen, Geld für das Unternehmen zurückzuspielen.Wer also nicht zur Elite gehört, selbst schon an sich zweifelt, gar keine Karriere anstrebt oder nach einer enttäuschend hohen Absagequote bei seinen Bewerbungen sehen muss, dass Unternehmen ihn nicht zur Elite zählen, hat bei Trainee-Anzeigen kaum eine Chance.2. Gesucht wird jemand für die Entwicklung irgendwelcher Systeme. Die Entwicklung ist das traditionelle „Tummelfeld“ von „Vollblutingenieuren“, hier des Maschinenbaus. Sie nun sind Wirtschaftsingenieur. Etwas vereinfacht gesagt: Was Sie an Studiendetails im betriebswirtschaftlichen Sektor gegenüber den klassischen Maschinenbauern „mehr“ haben, fehlt Ihnen zwangsläufig an „Technik pur“.Fazit: Nach meinen Erfahrungen stellt kaum jemand Wirtschaftsingenieure ein, wenn er Nachwuchs für die Entwicklung sucht.Als Tipp: Falls Sie dort vorher angerufen und gefragt haben, ob auch ein Wirtschaftsingenieur …, dann wusste der Angerufene zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie viele Bewerber er bekommen wird und ob es nicht ratsam sein könnte, erst einmal niemanden abzuweisen. Und es gilt auch (ich will keinesfalls behaupten, das könnte auch hier so gewesen sein, es ist eine allgemeine Erkenntnis): Die Erläuterung am Telefon, warum man eine bestimmte Qualifikation nicht will, die dabei mitschwingende Angst, jemand könnte sich diskriminiert fühlen und Schadenersatz fordern und das geduldige Eingehen auf die Gegenargumente des Anrufers, der meist erkennbar ungeübt in solchen „Spielchen“ ist, nimmt schnell zehn Minuten in Anspruch. In denen der Angerufene von seiner weiterhin der Erledigung harrenden eigentlichen Arbeit abgehalten wird. Die pauschale Aussage „Klingt interessant, schicken Sie mal“, dauert zehn Sekunden, der spätere Knopfdruck am PC („Standardabsage per Mail“) noch einmal zehn Sekunden. Was werden viele der Angerufenen tun?Nun zu den eigentlichen Unterlagen:3. Der Lebenslauf enthält nur eine einzige Rubrik namens „Werdegang“, die zwei Jahre vor dem Abitur anfängt und pauschal alles enthält, was Sie gemacht haben. Das ist nicht die vorbildliche Strukturierung von Informationen, die man von einem Akademiker erwartet. Außerdem erfährt man nicht, wann Ihr Studium fertig sein wird. Es gibt keine Informationen zur Master-Arbeit, keinen Hinweis auf einen möglichen industriellen Partner dafür, keine Information zu deren Thema (dabei wollen Sie lt. Anschreiben in sechs Wochen beim ersten Arbeitgeber anfangen).Dazu: a) Der Lebenslauf ist der Kern jeder Bewerbung, das zentrale Dokument. Profis lesen ihn gern zuerst, danach fallen 90 % der Bewerber heraus, deren langweilige oder schwer verständliche Anschreiben bleiben ihnen so erspart.b) Konsequenz aus a: Was im Lebenslauf an Fakten nicht steht, wird eventuell gar nicht gelesen und bewertet.c) Jedes Dokument (Lebenslauf und Anschreiben) muss für sich gesehen aussagefähig sein, man darf eines nicht erst verstehen können, wenn man das andere hinzuzieht.d) Jedes Dokument der Bewerbung, insbesondere der Lebenslauf, ist eine Arbeitsprobe – mit allen Konsequenzen.In Ihrem Lebenslauf gibt es ab Studienbeginn nur ein (noch dazu „betriebswirtschaftliches“) Praktikum bei einem großen Unternehmen. Jetzt bewerben Sie sich um Entwicklung, das passt alles nicht. Außerdem hat jenes Unternehmen (das mit dem Praktikum) Sie kennengelernt – warum stellt es Sie nicht ein?Auch Ihnen empfehle ich, sich den auf meiner Homepage (www.heiko-mell.de) frei zugänglichen Muster-Lebenslauf anzuschauen. Sie sehen dort alles, was Sie für eine sinnvolle Informationsaufbereitung brauchen.4. Das Anschreiben, das nach meiner Einschätzung in diesem Fall schon nicht mehr gelesen wird, beginnt mit „ich“, was zu vermeiden ist. Dann bewerben Sie sich „für“, es heißt jedoch „um“.Schlimm ist, dass der Zielbereich laut Anzeige „Bereich Entwicklung ABC-Systeme“ heißt, Sie ihn in Ihrer Einleitung aber „Entwicklung und ABC-Systeme“ nennen, was jedem der dortigen Mitarbeiter aufstößt und in die Rubrik fällt „richtiges Abschreiben von einer Vorlage“.Auch dort erwähnen Sie in der Einleitung eine Masterarbeit, geben aber keinen Partner und kein Thema(!) an. Das Thema der Abschlussarbeit ist eine sehr wichtige „Brücke“, die Sie zwischen sich und der Zielposition errichten. Ein falsches, nicht zum Ziel passendes Thema habe ich schon gesehen, gar keines in einer Berufseinsteiger-Bewerbung noch nie!Sie schildern dann, wie Ihr Wirtschaftsingenieur-Studium das Interesse an einer Tätigkeit in der Entwicklung geweckt habe. Das kann das Problem der hier „falschen“ Studienrichtung nicht lösen.Mitten in dem überlangen mittleren Absatz des Anschreibens taucht dann doch noch ein konkreter Hinweis auf die Masterarbeit auf: Sie sagen, sie sei betriebswirtschaftlicher(!) Natur und habe etwas mit dem Einsatz bestimmter Methoden im Prozess der Entwicklung von innerbetrieblichen technischen Dienstleistungen zu tun.Sie reklamieren dann CAD- und FEM-Kenntnisse für sich und begründen das. Im vorliegenden Fall dürfte das auch nichts mehr retten: Das wird kaum noch jemand lesen – und solche Qualifikationsdetails waren im Inserat nicht einmal verlangt oder auch nur erwähnt worden.Schließlich schreiben Sie noch, dass Ihr einziges Industriepraktikum seit Studienanfang in der Logistik stattgefunden hat.Und ganz am Schluss sagen Sie, Sie würden gerne Ihre „betriebs- und ingenieurwissenschaftlichen Fähigkeiten“ dort einbringen wollen. Das ist für die Entwicklung die falsche Reihenfolge und damit Gewichtung.Nun ist es genug, Sie haben hier die von mir versprochene Begründung für die fehlende Begeisterung Ihrer Bewerbungsempfänger erhalten. Was ich hier betreibe, ist eine Mischung aus Erfahrung und Intuition, keine exakte Wissenschaft. Es gibt keine Garantie, dass diese Bewerbungsempfänger genau so gedacht haben – aber eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht.Mein Rat: Bewerben Sie sich um eine klassische Einstiegsposition für wörtlich gesuchte Wirtschaftsingenieure, wo Ihr betriebswirtschaftlicher Schwerpunkt besser passt, z. B. in der Logistik, vielleicht auch im Einkauf, im technischen Controlling, etwa im Entwicklungs-Controlling. Insgesamt müssen Sie sich etwas mehr Mühe geben, Anregungen finden Sie hier.Etwa seit einem Zeitpunkt, der ca. zehn Jahre vor Ihrer Geburt liegt, arbeite ich hier öffentlich und für jedermann zugänglich daran, dass Beiträge wie dieser nicht mehr erforderlich sind. Ich muss ein unvollkommener Mensch sein …

Kurzantwort:

1. Merkwürdigerweise stimmt es so gut wie nie, wenn
ein Bewerber schreibt (wo auch immer), er erfülle das
Anforderungsprofil einer Stelle.

2. Bewerbungstechnik ist keine Geheimwissenschaft.
Aber es ist doch ratsam, in einen solchen Prozess alles
einzubringen, was man als intelligenter Akademiker
eigentlich „draufhaben“ sollte.
Frage-Nr.: 2683
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-04-17

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