Heiko Mell

Der Ingenieur ab 60

Ich werde in einigen Monaten 60 Jahre alt. Welches sind die Vor- und Nachteile eines durchschnittlichen sechzigjährigen Mannes, der seine Karriere so lange wie möglich aufrechterhalten will? Wie reagieren in der Regel die deutlich jüngeren Kunden / Vorgesetzten und Partner insgeheim darauf? Was sind die Vor- und Nachteile einer im fortgeschrittenen Alter zu früh oder zu spät beendeten Karriere?

Sie haben zur Beschleunigung, Gestaltung und Realisierung meiner Berufskarriere und der von vielen anderen Menschen immense Schubkräfte geliefert. Schreiben Sie bitte ausnahmsweise, nur einmal und ganz gegen Ihre Gewohnheit, für Ihre älteren Leser über den Verlauf einer typischen Ingenieurkarriere ab dem 60. Lebensjahr.

Antwort:

Alexander der Große, James Dean und John F. Kennedy verdanken einen Teil ihres unvergänglichen Ruhmes oder der Bewunderung durch die Nachwelt ganz sicher auch dem Umstand, dass sie jung gestorben sind. Andererseits haben Dichter, Philosophen und Staatsmänner wesentliche Teile ihres Werkes erst im höheren Alter geschaffen – viele von ihnen wären gar nicht zu Weltruhm gelangt, wären sie jung gestorben. Dies soll nur zeigen, wie vielschichtig gerade dieses Thema ist. Ich will mich auf einen Aspekt konzentrieren: der ältere Mitarbeiter in den Augen seiner maßgebenden beruflichen Partner wie Vorgesetzte, Kunden und Mitarbeiter. Wobei dies – wie stets – nur eine Durchschnittsbetrachtung sein kann.Zunächst einmal ist der Ältere, wie wir ihn nennen wollen, schlicht älter als die meisten Kollegen. Also sind „die anderen“ um ihn herum jünger: Sie wollen die Welt erobern, die Zukunft gestalten, springen begeistert auf jeden neuen Zug auf und hoffen, demnächst werde alles besser. Der Ältere hingegen hat seinen Teil der Welteroberung abgeschlossen und den Rest abgehakt, die „Zukunft“ reduziert sich für ihn auf die nächsten zehn, zwanzig Jahre.

Und die „neuen Züge“ zum Aufspringen? Mein Gott, wird der Sechzigjährige insgeheim – oder, wenn er Pech hat, öffentlich – murmeln, es wäre auch ohne Fast Food, Handy und E-Mail gegangen. Halten wir ihm zugute: Wäre es – aber wo kämen wir da hin, wenn das ruchbar würde, Fortschritt ist schließlich ein Wert an sich. Dass demnächst alles oder doch einiges besser wird, glaubt der Ältere insgesamt nicht, dafür hat er zu viel gesehen.Aber auf mindestens einem Feld ist er unschlagbar: angesammeltes Wissen. Sein Fachgebiet beherrscht er souverän. Er muss auch nicht mehr jede Auseinandersetzung gewinnen, Kampf um des Kampfes willen hat seinen Reiz verloren. Angegriffen ist er ein starker Gegner, aber Revierkämpfe fängt er keine mehr an. Er kann junge Talente fördern ohne Angst vor deren Konkurrenz. Und er hat jene unschätzbare Erfahrung, die aus erlittenen Niederlagen kommt oder letztlich nur die Summe selbst gemachter Fehler ist. Aber er ist auch imstande, auf die „von oben“ kommende Aussage, man müsse unbedingt Branchenführer werden (oder den rumänischen Markt erobern), gelassen zu kontern: „Warum?“ Was in dem Zusammenhang als die böseste Form der Ketzerei gilt.

In seiner engeren Arbeitsumgebung ist der Ältere ein Fixpunkt mit Besonderheiten: Er kann – und will – nichts mehr werden, seine Gelassenheit kann Ruhe ins Team bringen. Aber er ist „auf Abruf“ tätig, seine Tage dort sind gezählt. Das Ende von Langfristprojekten erlebt er in seiner Funktion nicht mehr. Er erkennt das ebenso wie die anderen.

Sein Chef weiß nicht genau, welche großen Projekte man ihm noch übertragen kann – ja, wie lange er überhaupt noch verfügbar sein wird. Sein Gesundheitsrisiko ist hoch und vielleicht geht er ja vorzeitig in Pension. Und die zwei, die gern seine Nachfolger wären, warten insgeheim ungeduldig darauf, dass er den Platz räumt.Seine Chance? Das bevorstehende Ende dieser Phase akzeptieren, sich selbst an die „Spitze der Bewegung“ zur eigenen Ablösung stellen, die konkrete Planung der Nachfolge forcieren. Und „alte Geschichten“ aus der Zeit vor der Geburt der Zuhörer möglichst vermeiden. Vor allem: Es hat keinen Sinn, „jung wie ein Jüngerer“ sein zu wollen – die anderen kennen das Lebensalter und fragen sich ohnehin, wann er „in Rente“ gehen wird. Er kann von Glück sagen, wenn sie nicht „endlich“ hinzusetzen.

Und wenn er keine Chefs mehr, sondern Kunden hat? Dann denken die bereits darüber nach, wie lange er denn wohl noch zur Verfügung steht und ob sie sich nicht lieber schon jetzt um eine neue Lösung (mit einem jüngeren „Lieferanten“) bemühen sollten. Das ist so mit allen Dingen, deren Lebensdauer begrenzt ist und deren Ende sich nähert – man ist dankbar, dass man sie hatte, aber man plant bereits das Neue.

Älter zu werden, das ist auch Verpflichtung, an die Zeit danach zu denken und an die Menschen, die dort weiterleben wollen, wo man weggeht. Dass es Ältere gibt, die mit 60 tatsächlich frischer sind als jüngere, ist absolut richtig, aber große Organisationen kommen ohne Pauschalplanungen nicht aus.

Kurzantwort:

Der Mitarbeiter oder Manager um 60 ist in einer Außenseiterrolle – er geht bald und die anderen werden bleiben. Zu früh zu gehen, schmerzt. Es zu spät zu tun, tötet (das eigene Image, den guten Ruf).

Frage-Nr.: 1541
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-11-10

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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